Ausgabe 11, Leseprobe 1/3: Buchbesprechung Kaiser / de Benoist / Fusaro – Marx von rechts

Mitte August erschien im „neurechten“ Jungeuropa Verlag das Büchlein „Marx von rechts“. Seit ihrem Erscheinen sorgt die Publikation weit über die sogenannte „Neue Rechte“ hinaus für Aufsehen und Kontroversen. Julian Fosfer hat sich intensiv mit dem Buch beschäftigt und für die kommende Ausgabe der N.S. Heute eine ausführliche Rezension geschrieben. Unser Gastautor kann die regelrechte Begeisterung, die teilweise bis ins nationalistische Spektrum hinein für das Buch aufgebracht wird, nicht nachvollziehen und kritisiert die neurechte Marx-Exegese als ideologischen Missgriff. Wir veröffentlichen an dieser Stelle die vollständige Buchrezension als Debattenbeitrag auf unserer Netzseite, damit sie die Möglichkeit bekommt, über den Leserkreis der N.S. Heute hinaus Gehör zu finden.

Das Jahr 2018 ist das Marx-Jahr. Einerseits jährt sich der 200. Geburtstag Marxens, andererseits ist die Herausgabe des ersten Bandes seines Opus Magnum „Das Kapital“ durch Friedrich Engels 150 Jahre her. Grund genug also für den „neurechten“ Jungeuropa Verlag, ein eigenes Marx-Buch auf den Markt zu bringen.

Die Frage stellt sich, ob es sich lohnt, sich mit dem Werk eines Mannes zu beschäftigen, der über sein Lebenswerk, welches er als „Saubuch“ bezeichnete, am 2. April 1851 schrieb: „Ich bin so weit, dass ich in fünf Wochen mit der ganzen ökonomischen Scheiße fertig bin.“ (Marx an Engels in: Marx-Engels Werke, Bd. 27, Dietz Verlag, Berlin-Ost 1963, S. 228)

Der Verlagschef und Herausgeber Philip Stein erklärt seine Absichten im Vorwort zu „Marx von rechts“ folgendermaßen: „Die »soziale Frage« droht hierbei zum Spaltpilz einer heterogenen Rechten zu werden, die sich neuerdings anschickt, als »Mosaikrechte« sowohl wirtschaftsliberale Parlamentarier als auch grundsätzliche, sozial orientierte Aktivisten vorerst unter einer Politik des Minimalkonsens‘ zu »vereinen«.“ (S. 7) Stein schreibt weiter von einem schwelenden Konflikt innerhalb „neurechter Kreise“, was uns angesichts des Überhangs an vorgestrigen Konservativen nicht verwundern darf: „Der schwelende Konflikt innerhalb der Neuen Rechten steht stellvertretend für eine grundsätzliche Frage, die weit über das Politische und Ökonomische hinausgeht.“ (S. 9) Konkret meint Stein die Entscheidung zwischen Reform des Bestehenden oder die Überwindung gegenwärtiger Zustände. Dabei soll nun der alte Marx helfen, denn der hat immerhin wesentliche Umwälzungen des letzten Jahrhunderts ideologisch inspiriert.

Darf man sich als „Überwinder“ mit Ideen, die von Juden, Linksextremisten oder überhaupt Andersdenkenden stammen, befassen? Alain de Benoist ist zuzustimmen, man darf nicht nur, man muss! Denn das Waffenarsenal der Ideen steht jedem Kämpfer offen. Was wirkt, muss angewendet werden. Alain de Benoist hierzu in einem Interview mit dem „neurechten“ Verlautbarungsorgan „Sezession“: „Eine nüchterne und unvoreingenommene Lektüre von Karl Marx, die sich der Verteufelung ebenso fernhält wie der Anbetung, ist nicht nur möglich, sondern sogar notwendig: nicht, um sich dem Marxismus zuzuwenden, sondern um zu prüfen, was an seinem Werk fruchtbar und aktuell geblieben ist.“

Alain de Benoist über den „Warenfetischismus“ 

Benoist, der mit zwei Essays in „Marx von rechts“ vertreten ist, die übrigens nicht exklusiv für dieses Buch geschrieben wurden, aber hiermit in deutscher Erstübersetzung vorliegen, löst die Aufgabenstellung sehr gut. In seinem Essay „Karl Marx und der Warenfetischismus“ wird Marx als Streiter für Gemeinschaften und gegen die soziale Auflösung beschrieben. Als Kritiker der Ideologie der Menschenrechte, also der Gleichmacherei der Menschen, Rassen und Völker: „In der Folge Hegels stellt Marx fest, dass die moderne Gesellschaft Individuen produziert hat, die von jeder dauerhaften Bindung »frei« sind, ja, dass sie sich aus isolierten Individuen zusammensetzt, die zunehmend voneinander getrennte Leben führen und nur noch durch den Warenaustausch miteinander verbunden sind. Er möchte eine neue soziale Bindung schaffen, da – wie schon von Aristoteles erkannt – das allererste Bedürfnis des Menschen die Bildung der Gemeinschaft sei.“ (S. 69) Marx soll sich für den Vorrang des Gemeinschaftlichen vor dem abstrakten, individuellen Subjekt ausgesprochen haben. Ob diese Interpretation Benoists zutrifft, ist unerheblich, denn einerseits wird so der Konsens der Marxisten aufgebrochen und zersetzt, andererseits unterschwellig Werbung für die Volksgemeinschaft gemacht.

In einem zweiten Aufsatz namens „Wertkritik“ stellt Benoist eine marxistische Theorieströmung vor: „Die Wertkritik schlägt also vor, die klassische Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft aus der Sicht der Arbeit durch eine Kritik an der Arbeit (und an der Zentralstellung der Arbeit) als spezifischer Erfindung des Kapitalismus zu ersetzen.“ (S. 91) Der Aufsatz bietet wenig für unsere Weltanschauung Verdauliches, ist aber insofern interessant, um innerlinke Streitpunkte zu erkennen und um diese zur Zersetzung möglicherweise nutzbar zu machen.

Ein weiterer Schreiber für „Marx von rechts“ ist der Italiener Diego Fusaro mit seinem Beitrag „Geschichte, Ideologie, Wahrheit. Marx und die Deduktion der Kategorien“. Fusaro unterrichtet Geschichtsphilosophie an der IASSP in Mailand („Institut für strategische und politische Studien“), wo er unter anderem als wissenschaftlicher Direktor tätig ist. In seinem Aufsatz befasst er sich mehr verdunkelnd denn erhellend mit Marxens und Engels Gemeinschaftsarbeit „Die deutsche Ideologie“. Im Wesentlichen will Fusaro klären, ob Folgendes möglich ist: „[…] kann man sich von der Marxschen Deutung von Philosophie und Ideologie befreien, ohne dabei die soziale Deduktion der Kategorien über Bord zu werfen, sondern diese im Gegenteil sogar als Grundlage einer tatsächlichen veritativen Philosophie zu verwenden?“ (S. 123 f.) Der in einem unmöglichen Stil verfasste Aufsatz lässt die Beantwortung offen und erklärt auch gar nicht, inwiefern diese Fragestellung dem Buchzweck, nämlich laut Herausgeber Stein eine heterogene Rechte in der „sozialen Frage“ zu einen und das Bestehende zu überwinden, dienlich sein kann.

Klassenkampf statt Volksgemeinschaft?

Den Hauptteil des Buches macht ein Aufsatz des „neurechten“ Linksabweichlers Benedikt Kaiser aus. Kaiser schreibt im ersten von vier Teilen in „Marx von rechts? Ausgangspunkte für einen Neubeginn“ auf geschlagenen 20 Seiten die Geschichte „rechter“ Kapitalismuskritik auf. Der gelehrt formulierte erste Teil ist nicht uninteressant, wird aber zur Bewältigung konkreter Fragen wenig beitragen können. Im zweiten Teil will Kaiser den Nachweis führen, dass Marxens Werk und der Marxismus nicht kongruent seien und es daher notwendig sei, sich dem „unverfälschten“ Marx zu widmen. Seitenhiebe gegen den Nationalsozialismus und seine Vertreter dürfen nicht fehlen. Da wird sogar der US-Agent und Reaktionär Otto Strasser, der für die US-Armee das Buch „Hitler und ich“ zusammenfälschte und der reaktionären Idee der Schaffung eines mittelalterlich anmutenden Ständestaates zur Lösung der sozialen Fragen einer Industrienation des 20. Jahrhunderts anhing, zum Heros erklärt: „Allerdings fällt auch bei einem Denker wie Strasser, der insbesondere seinen nationalsozialistischen Rivalen geistig in jeder Hinsicht überlegen war, auf, wie bereitwillig und voreilig die Gleichsetzung von genuin Marxschem Denken und »marxistischer« oder »marxistisch-leninistischer« Ideologie stattfindet.“ (S. 35)

Interessanterweise verhält es sich vielmehr so (bei einem IQ-Durchschnitt von 100!): „Im Nürnberger Prozess 1945 wurde mit dem Wechsler-Bellevue-Test auch der IQ der Angeklagten getestet und veröffentlicht: Hjalmar Schacht IQ 143, Arthur Seyß-Inquart IQ 141, Hermann Göring IQ 138, Karl Dönitz IQ 138, […] Julius Streicher IQ 106.“ (Volkmar Weiss: Das IQ-Gen – verleugnet seit 2015: Eine bahnbrechende Entdeckung und ihre Feinde, Ares Verlag, Graz 2017, S. 91)

Ebenfalls im zweiten Teil belehrt der Linksabweichler Kaiser den Leser über die „alte Rechte“, zu der er auch Nationalisten und Nationalsozialisten zählt, und spricht sich für einen Klassenkampf und gegen die Volksgemeinschaft aus: „Zu verwerfen ist wohl auch jede altrechte und altkonservative Träumerei von einem Bündnis mit der von den Hayek-Rechten umschwärmten »Oberschicht« respektive mit dem Großbürgertum.“ (S. 48) Begrifflichkeiten wie „besitzende und herrschende Klasse als privilegierte Akteure des Kapitalismus“ (S. 48) lassen Schlimmes erahnen, deshalb wird Kaiser sich auch genötigt gesehen haben, sich vom „Gulag“ und anderen Erscheinungen aus dem Marxisten-Milieu zu distanzieren.

Im dritten Teil geht Kaiser dann endlich ein wenig auf Marx und dessen Werk ein, um gleichzeitig vage zu bleiben: „Es sind dies freilich nur erste Ansatzpunkte, die das Startsignal für eine weitaus umfangreichere rechte Marx-Lektüre geben sollen, die durchaus unterschiedlich beginnen kann und soll.“ (S. 56) Im vierten und letzten Teil seines Aufsatzes, übertitelt mit „Mit Marx nach vorn“, wird Kaiser auch nicht konkreter: „Diese Marx-Lektüre ist aber nötig, weil jeder Antikapitalismus fruchtlos bleiben muss, der seine Auseinandersetzung – so kritisch sie sein möge – mit dem tiefschürfenden Kapitalismus-Analytiker Marx scheute – was nicht besagen soll (und auch nicht kann), das integrale Werk Marxens bejahen oder gar in toto in eine neurechte beziehungsweise konservative politische Theorie einfügen zu wollen.“ (S. 59) Am Ende sieht wohl auch Kaiser die Unfruchtbarkeit von Marxens Werk ein und fordert: „der nächste, der »leninistische« Schritt – zum politisch organisierten Antikapitalismus“, müsse erfolgen. (S. 64)

Der zerstörerische Marxismus

Mit Lenin können wir sagen, dass eine taugliche Theorie immer verallgemeinerte Praxis und die Praxis immer angewandte Theorie sein muss. Dies ist die Synthese des theoretischen und praktischen Kampfes. Das revolutionäre „Einssein“. Alles andere sind intellektuelle und fruchtlose Gedankenspiele!

Es ist daher sicher sinnvoller, sich mit Lenins Werk – hier vor allem mit „Was tun?“ – zu befassen, als in der „ökonomischen Scheiße“ Marxens zu versinken. Der Jungeuropa Verlag, bislang bekannt für hochwertige und ausgezeichnete Erstübersetzungen von Dominique Venners Büchern, hat mit der Veröffentlichung von „Marx von rechts“ einen Missgriff getan. Ausdrücklich gelobt kann nur die Übersetzung der beiden Benoist-Essays werden, die aber bezeichnenderweise gar nicht exklusiv für „Marx von rechts“ geschrieben wurden. Diego Fusaro mag in Italien als Denker von Format gelten, wird im deutschen Sprachraum aber nicht reüssieren können. Kaisers bibliographische Arbeit über die Marxrezeption von rechts sowie sein extensives Zitieren wirken wenig erhellend. Wahrscheinlich liegt der Irrtum der „Neurechten“ dort, wo sie nicht verstehen wollen oder können, dass Marx und seine Epigonen Theorien nur geschaffen haben, um zu zerstören und nicht, um aufzubauen.

Ab 1980 feierte Jürgen Habermas in verschiedenen Beiträgen sechs gesellschaftliche Veränderungen als Siege über die bürgerliche Gesellschaft, die von der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule ausgegangen seien und das geistige Klima in Deutschland nach 1960 revolutionär verändert hätten: 1. Ent-Christlichung der Öffentlichkeit, 2. Ent-Institutionalisierung der Gesellschaft, 3. Ent-Ethisierung des Rechts, 4. Ent-Kriminalisierung des Verbrechens, 5. Ent-Pathologisierung der Krankheit und 6. Ent-Ästhetisierung der Kunst.

Auch der Nationalismus braucht zur Überwindung der bestehenden Zustände eine revolutionäre Theorie; eine Theorie, die das Bestehende im ersten Anlauf zersetzt und im zweiten Nachgang den Neuaufbau befördert. Ob das Buch „Marx von rechts“ tatsächlich ein Anstoß für eine breitere Diskussion sein wird, bleibt abzuwarten. Antworten vermag es jedenfalls keine zu geben.

Julian Fosfer

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