Geldsegen für Sozialdemokraten: Warum Hitler den Sozis die Pensionen erhöhte

Der ehemalige Reichswehrminister der Weimarer Republik, Gustav Noske, war einer derjenigen SPD-Politiker, die in den Genuss einer "Ehrenpension" kamen

Aus der Abteilung „Kurioses und Wissenswertes aus dem Dritten Reich“

Die Geschichte der NS-Zeit ist reich an kuriosen Anekdoten. Hierzu gehört sicherlich auch die Episode, wie es dazu kam, dass 1938 einigen ranghohen ehemaligen SPD-Mitgliedern auf persönliche Anweisung Hitlers die Pensionen erhöht wurden.

Hitler und die Monarchie

Hitler war nie ein Verfechter des monarchischen Gedankens. Bereits in seinen Wiener Jahren erlebte er die vorherrschende soziale Ungerechtigkeit in der Hauptstadt der k.u.k. Monarchie. In „Mein Kampf“ stellte Hitler den Reichtum der Habsburgermonarchie die „blutige Armut“ der Arbeiter gegenüber. Rückblickend auf seine Wiener Lehr- und Leidensjahre schrieb er in seinem Buch: „Vor den Palästen der Ringstraße lungerten Tausende von Arbeitslosen, und unter dieser via triumphalis des alten Österreich hausten im Zwielicht und Schlamm der Kanäle die Obdachlosen.“

Hitler, der nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches zum einen die Weimarer Republik radikal bekämpfte, hatte zum anderen aber auch keinerlei Ambitionen, die Monarchie wiederherzustellen. Er trauerte dem Vorkriegszustand, dem alten Obrigkeitsstaat und dessen gesellschaftlichen und politischen Strukturen keineswegs nach, wie Rainer Zitelmann in „Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs“ zusammenfassend feststellt. Hitlers Ziel war also nie die Restauration des alten, morschen Zustandes und des monarchischen Gedankens, der von der Zeit überholt war.

Der Italien-Besuch 1938

Nach seinem ersten Italien-Aufenthalt als Reichskanzler 1934 stattete Hitler seinem Bündnispartner im Mai 1938 einen zweiten Staatsbesuch ab. Doch er kam nicht als Gast des Duce, offizieller Gastgeber war der italienische König Viktor Emanuel III. Mussolini hatte nach seinem „Marsch auf Rom“ 1922 die Monarchie nicht beseitigt, sodass in Italien Faschismus und Monarchie eine mehr oder weniger harmonische Koexistenz führten.

Was Hitler von dem italienischen Monarchen hielt, der mit einer Körpergröße von nur 1,53 Meter kleinwüchsig war, erfuhren seine Mitarbeiter bereits auf der Zugfahrt nach Rom. David Irving berichtet in seinem Standardwerk „Führer und Reichskanzler. Adolf Hitler 1933-1945“, dass der Sonderzug am Nachmittag des 3. Mai 1940 die Vorstädte von Rom erreichte. Kurz vor der Ankunft versammelte Hitler seine Mitarbeiter um sich und witzelte, sie sollten nicht in Gelächter ausbrechen, wenn sie auf dem Bahnsteig eine kleine Gestalt knien sähen, die vom Gewicht der goldglänzenden Schulterstücke zu Boden gezogen werde. Es handele sich dann nämlich um den König von Italien, der keineswegs knie, sondern sich in voller Größe zeige.

In kleiner Runde belegte Hitler den italienischen König mit weiterem Spott, indem er den Monarchen wegen seiner Körpergröße gerne als „König Nussknacker“ betitelte.

König Viktor Emanuel III. von Italien, hier mit Albert I. von Belgien, wurde aufgrund seiner Kleinwüchsigkeit von Hitler gerne als „König Nussknacker“ bezeichnet

Standesdünkel und Hofetikette

Vor allem störte sich Hitler aber „an dem reaktionären und dünkelhaften Wesen des Hofstaats“, wie es Joachim Fest in seiner monumentalen Hitler-Biographie ausdrückt.

Der Reichskanzler residierte während seines Besuches im Quirinalspalast. Dort kam es angesichts der für Hitler befremdenden Hofetikette zu mitunter bizarren Szenen. Bei Irving finden wir folgende Episode: „Der adlige Hofmarschall ging seinen Gästen die lange, aus niedrigen Stufen bestehende Treppe voran, wobei er bei jeder der mit weichem, rotem Samt überzogenen Stufen feierlich mit seinem goldbeknöpften Stab aufstampfte. Der nervöse Staatsgast aus dem Ausland kam aus dem Tritt, näherte sich dem prächtig gewandeten Edelmann, hielt jäh inne, was zu Verwirrung und Getrappel auf den Stufen hinter ihm führte, setzte sich dann wieder in Bewegung und ging so rasch, dass er beinahe neben dem Hofmarschall einherschritt. Dieser gab vor, ihn nicht zu bemerken, beschleunigte sein Tempo, bis schließlich die ganze Gruppe auf den letzten Stufen in einen würdelosen Charlie-Chaplin-Galopp verfiel.“

Doch es kam noch zu weiteren Misslichkeiten: Ein schlechtes Organisationstalent bewies die italienische Führung bei einer Veranstaltung der Freizeit- und Erholungsorganisation „Dopolavoro“, die als Vorbild für die deutsche „Kraft durch Freude“-Organisation diente. Dort waren nämlich für das Königspaar, Hitler und Mussolini insgesamt nur drei vergoldete Stühle bereitgestellt worden. Dies führte zu der kuriosen Situation, dass Hitler und Mussolini vor den Augen von hunderttausend Italienern der Vorführung stehend beiwohnen mussten.

Bei einem Konzert in der Villa Borghese und später auch bei einer Militärparade in Neapel musste Hitler beobachten, wie der Adel in der ersten Reihe Platz nahm, während sich verdiente Generale mit den hinteren Reihen begnügen mussten. Man kann sich ausmalen, was Hitler sich dabei gedacht haben mag, war er doch Zeit seines Lebens ein Verfechter des Leistungsprinzips. Vorrechte und Rangunterschiede, die allein aus der Geburt in einen bestimmten Stand resultierten, lehnte er vehement ab. Hitler machte deshalb auch hier aus seinem Herzen keine Mördergrube und konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen, dass es sich schließlich um Generale handle, die dem König den Sieg im Abessinienkrieg (1935/36) beschert hatten.

Hitler soll über den reaktionären Standesdünkel und die seltsame Hofetikette dermaßen erbost gewesen sein, dass er zu Mussolini sagte: „Ich fahre heim! Ich mache nicht mehr mit! Ich wollte nicht den König besuchen, sondern Sie, mein Freund.“ Doch schließlich riss sich Hitler zusammen und reiste planmäßig erst am 10. Mai wieder gen Heimat.

Hitlers Rache an der Monarchie

Hatte Hitler bereits vor seinem Rombesuch keine hohe Meinung von der Monarchie gehabt, so war das Königtum für ihn jetzt erst recht ein rotes Tuch. Im Anschluss an seine Rückkehr nach Berlin ließ Hitler über Göring Kontakt zu vier ehemaligen SPD-Funktionären aufnehmen und erhöhte ihre Pensionen – als Anerkennung dafür, dass sie zur Abschaffung der Monarchie beigetragen hatten.

Laut Irving betraf dieser Geldsegen, dessen genaue Höhe unbekannt ist, die ehemaligen SPD-Spitzenpolitiker Carl Severing, Otto Braun, Gustav Noske und Paul Löbe.

Carl Severing war in der Weimarer Republik zeitweise Reichsinnenminister und lebte während der NS-Zeit als Pensionär in Bielefeld. Der ehemalige Ministerpräsident von Preußen, Otto Braun, lebte zwischen 1933 und 1945 in verschiedenen europäischen Staaten im Exil. Gustav Noske, in der frühen Weimarer Republik Reichswehrminister, lebte wie Severing als Pensionär im Deutschen Reich. Der vierte im Bunde, Paul Löbe, war zu Weimarer Zeiten insgesamt elf Jahre lang Reichstagspräsident. Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme für einige Monate inhaftiert, arbeitete er anschließend beim wissenschaftlichen Verlag „De Gruyter“. Noske und Löbe wurden nach dem 20. Juli 1944 wegen ihren Verstrickungen in die Verschwörerclique um Graf von Stauffenberg festgenommen, allerdings im Frühjahr 1945 wieder freigelassen.

Das Weltnetz-Lexikon „Wikipedia“ erwähnt in dem Artikel über Paul Löbe, dass seine auf Hitlers Anweisung gewährte Pension bis 1945 pünktlich ausbezahlt wurde – demnach erhielt Löbe seine „Ehrenpension“ also selbst dann noch, als er wegen seinen Kontakten zu Verschwörerkreisen im Konzentrationslager saß.

Dank an die Sozialdemokratie

Die Pensionserhöhungen für SPD-Funktionäre waren kein „Schnellschuss“, den Hitler später bereute, ganz im Gegenteil. In einem Tischgespräch vom 28.12.1941, aufgezeichnet von seinem Protokollanten Heinrich Heim, äußerte er: „So habe ich auch Noske und vielen anderen geholfen und, wie ich von Italien zurückkam, habe ich ihnen die Pensionen erhöht: Gott sei Dank, sagte ich mir, dass die [Sozialdemokraten] dieses Geschmeiß beseitigt haben.“ Übereinstimmende Äußerungen erwähnt auch Hitlers Architekt Hermann Giesler.

Am 31.01.1942 kam Hitler bei Tisch noch einmal auf das Thema zu sprechen: „Man kann dem Noske, Ebert, Scheidemann da wirklich nicht dankbar genug sein, dass sie damit [mit der Monarchie] aufgeräumt haben. Die Absicht war nicht gut, und dafür sind sie bestraft worden, aber das Ergebnis kommt uns heute zustatten.“

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