
von Gastautor Christian Holz
Fortsetzung von Teil 1
8. „Konnotiert“ klingt einfach unwiderstehbar
Seit einigen Jahren hört man laufend die Erklärung: „Das ist… konnotiert“ oder „Das ist die Konnotation dieses Worts.“ Das aber ist völliger Unsinn. Konnotation bedeutet nämlich nicht Grund-, sondern Mitbedeutung eines Worts. Erzählt zum Beispiel jemand von einer geführten Tour und sagt: „Der Führer war gut ausgebildet“ und ein Zuhörer lacht auf: „Hahaha, der Führer,“ weil er Hitler, der sich bekanntlich „Der Führer“ nennen ließ, assoziiert, liegt Konnotation vor. Oder ein Installateur, der einem Kollegen zuruft: „Gib mal einen Gummi!“ Der Kollege lacht aber auf, weil er bei Gummi an Kondom denkt, während der Installateur einen ordinären Dichtungsring meinte, spricht man von Konnotation, denn dann hat ein neutraler Begriff eine Mitbedeutung und erst dann kann man sagen: „‚Gummi‘ ist (sexuell) konnotiert.“
9. Das menschliche Genom
In allen Wissenschaftssendungen und auch der Literatur heißt es: „Das menschliche Genom.“ Dabei handelt es sich aber um eine Falschübersetzung des englischen Worts „human“, was nicht das Adjektiv „menschlich“, sondern das Substantiv „der Mensch“ bedeutet. Also darf die Übersetzung nicht „das menschliche Genom“ sein, sondern sie muss „das Menschengenom“ lauten. Man sagt ja schließlich auch das Affen- und das Schweinegenom und nicht „das äffische“ und „das schweinische Genom“.
10. Temperaturen von bis zu 30 Grad
In jeder Wettervorhersage entweder besonders hoher oder ungewöhnlich tiefer Temperaturen fällt die Formulierung: „Temperaturen von bis zu 30 Grad“ oder „von bis zu minus 30 Grad“. Das ist allerdings eine unschöne Präpositionenhäufung. Viel geschmeidiger ist da die knappe Aussage: „Temperaturen bis 30 Grad“. Damit ist dasselbe ausgesagt, nur wohlklingender. Ich schrieb das den Rundfunkfuzzis schon x-Mal, aber die sind unbelehrbar.
11. Verbrechen gegen die Menschlichkeit
„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ wurde 1:1 aus dem englischen „crimes against humanity“ übersetzt. „Humanity“ aber ist nicht die Menschlichkeit, sondern die Menschheit. Die korrekte Übersetzung lautet also: „Verbrechen gegen die Menschheit“.
12. „Ich habe dir gestern vergessen, die Haare zu schneiden.“
Zahlreiche Satzkonstruktionen fallen in den letzten Jahren immer hirnloser aus. Die meisten, die mir da begegneten, sind mir leider oder glücklicherweise entfallen. Ich hätte sie als abschreckende Beispiele gern hier angeführt. Kürzlich aber sagte eine Mutter am Bushalt, als sie ihren Sohn betrachte: „Ich habe dir gestern vergessen, die Haare zu schneiden.“ Zivilisiert muss diese Aussage jedoch lauten: „Ich habe gestern vergessen, dir die Haare zu schneiden.“ Dasselbe mit einer Kollegin aus unserem Stadtteilrat. In der Sitzung des Verkehrsausschusses leitete die ihren Vorschlag nämlich folgendermaßen ein: „Wir wollen die Autos versuchen, auf dem Parkdeck unterzubringen.“ Halbwegs logisch und nicht zum Schreien aber hätte dieser Satz gelautet: „Wir wollen versuchen, die Autos, auf dem Parkdeck unterzubringen.“
13. Diözese
Selbst im Kirchenfunk, dessen Beiträge Wissenschaftler anfertigen, sprechen die Sprecher von „Diozöse“, obwohl das griechische Wort für den Amtsbezirk eines Bischofs „Diözese“ lautet. Ich schrieb denen schon x-Mal, das Wort laute „Diözese“, aber die sind einfach unbelehrbar und lesen weiterhin wie blöd „Diozöse“. Wie zu deren Lebzeiten mit meiner Großmutter, die den Apfel Boskoop stets „Bosko“ nannte. Meine Mutter verbesserte sie fast jedes Mal: „Bosco ist der Heilige; der Apfel dagegen heißt Boskoop. Wie also heißt der Apfel?“ Die Antwort meiner Oma jedoch war immer wieder: „Bosko“.
14. „Eigentlich“ ist eigentlich ein sinnvolles Wort
Das Wort eigentlich ist eigentlich ein sinnvolles Wort, denn es bedeutet so viel wie „ursprünglich“ und „anders als erwartet“. Wer auf die Frage „Wie geht es dir?“ antwortet: „Eigentlich gut“, sagt damit also aus: „Anders als man von den Umständen her erwarten könnte, geht’s mir gut“, und er antwortet also gemäß der Wortbedeutung. Ich verstehe daher nicht, warum der Autor der vier populärwissenschaftlichen, lesenswerten Werke DER DATIV IST DEM GENITIV SEIN TOD, Bastian Sick, deshalb die Abschaffung des Worts „eigentlich“ befürwortet. Ich will Sick aber nicht dreinreden, denn der ist, als Germanist, immer noch besser ausgebildet als ich Übersetzerfurz. Als Antwort auf die Wortklauber, die jedes Mal süßlich zurückfragen: „Und uneigentlich?“, weil die ihr Gegenüber mit abwesender Wortkunde blamieren wollen, empfehle ich die Entgegnung „später“, denn „eigentlich“ bedeutet ja „ursprünglich“ und eines der Gegenteile von „ursprünglich“ ist „später“. Dann sind die Wortklauber meistens still, da nun wieder ihrerseits überfordert.
15. Ein literarischer Übersetzer
Manche meiner Kollegen nennen sich „literarischer Übersetzer“ oder „technischer Übersetzer“, was aber sprachwidrig ist, denn ein Übersetzer kann nicht literarisch oder technisch sein. Nur ein Text oder eine Ausdrucksweise können literarisch oder technisch sein. Korrekt wären die Berufsbezeichnungen daher „Technik“- oder „Literatur-Übersetzer“, da sie ja Technik-Texte oder Literatur übersetzen.
16. Statistisches Bundesamt
Ein Amt kann nicht statistisch sein. Allenfalls gibt es einen statistischen WERT. Daher muss auch die Bezeichnung der Stelle, die die Statistik des gesamten Gemeinwesens führt, „Bundesamt für Statistik“ heißen.
17. Die Form „frug“ als Präteritum?
Seit Jahrzehnten gebrauche ich die Form „frug“ als Vergangenheit des Verbs „frage“ statt „fragte“ und errege damit stets denselben Lacher. Die Gründe aber sind wie folgt:Als Konjunktiv aus „fragen“ ist immer noch „früge“ gebräuchlich. Da aber der Konjunktiv aus der Vergangenheitsform gebildet wird, muss die Vergangenheit aus „fragen“ früher einmal „frug“ gewesen sein. Auch in der Reclam-Ausgabe 1964 des SCHIMMELREITERs steht ja: „Hauke Haien frug die Bauern.“ Also war zu Storms Zeiten die Form „frug“ statt „fragte“ üblich. Und 2003 hatte ich eine Freundin aus der Eifel, und es riss mich, als die äußerte: „Ich frug meine Mutter.“ In der Eifel also hat sich die Vergangenheitsform „frug“ aus „fragen“ bis in unsere Tage gehalten, und deshalb verwende auch ich „frug“ als Vergangenheitsform des Verbs „fragen“, und nicht: „fragte“.
