
Selten gelingt es einem Buch, seine Leser so kompromisslos in den Bann zu ziehen wie Szczepan Twardochs neuestem Werk „Die Nulllinie“. In nur zwei Tagen habe ich diesen Roman nahezu verschlungen – ein Indiz für die Sogwirkung, die von Twardochs modernem Erzählstil über einen Freiwilligen im Ukraine-Krieg ausgeht. Hart, dreckig und schnell ist das Buch und passt damit gut in unsere kaputte Zeit.
Moderne Sprache, rohe Realität
Was Twardoch von anderen Autoren des Genres abhebt, ist seine Sprache: Sie ist radikal modern, direkt und auf das Wesentliche reduziert. Besonders in den Dialogen der Soldaten in den Schützengräben entfaltet sich eine Authentizität, die ihresgleichen sucht. Hier wird nicht beschönigt, sondern das Grauen des Drohnenkriegs in seiner ganzen Härte und Unmittelbarkeit erfahrbar gemacht. Die Geschwindigkeit der Erzählung, die Dichte an Informationen – all das verstärkt das Gefühl, mitten im Geschehen zu stehen, ohne Fluchtmöglichkeit, wie die Soldaten aus der Freiwilligen-Legion selbst.
Politische Doppelmoral und Tabubrüche
Doch Twardochs Roman ist nicht nur literarisch bemerkenswert, sondern auch politisch brisant. Die Art und Weise, wie Hass und Verachtung gegenüber den russischen Gegnern in den Text eingewoben sind, wirft Fragen auf. Man stelle sich vor, ein deutscher Autor mit pro-ukrainischer Haltung hätte sich ähnlicher Begriffe bedient – die Empörung wäre vorprogrammiert. Dass jedoch ein preisgekrönter polnischer Schriftsteller mit medialem Rückenwind Begriffe wie „Päderussen“ verwenden darf, offenbart eine bemerkenswerte Doppelmoral.
Vergleich mit Jünger: ein Missverständnis?
Der Klappentext zieht eine Parallele zu Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“ – ein Vergleich, der stutzig macht. Jüngers Werk ist geprägt von einer heroischen Grundhaltung und einer ausgefeilten, fast schon edlen Sprache. Twardoch hingegen setzt auf sprachliche Rohheit und mehr auf Desillusionierung und die Fragen nach dem Sinn. Der Verlag hätte hier klarer herausarbeiten sollen, worin bei den beiden Schriftstellern die Gemeinsamkeiten bestehen sollen: Vielleicht in der schonungslosen Darstellung des Krieges? Doch während Jünger den Krieg mit einer gewissen Erhabenheit schildert, zeigt Twardoch ihn als eher zerstörerische Kraft auch auf psychologischer Ebene. Denn der Krieg endet für einen Soldaten nie.
„Die Nulllinie“ ist ein Roman, der nicht nur durch seine literarische Qualität, sondern auch durch seine Reise durch die europäische Geschichte besticht. Der Großvater der Hauptfigur des Romans gehörte nämlich zur 14. Waffen-Grenadier-Division der SS (galizische SS-Division Nr. 1), einer ukrainischen Freiwilligen-Division, Immer wieder werden Parallelen gewebt zwischen damals und heute. Twardoch gelingt es, den Leser mitzureißen und zum Nachdenken zu bringen. Ein Buch, das man nicht so schnell vergisst.
Erstveröffentlichung in N.S. Heute #48