
Jürgen Habermas, linker Philosoph der Frankfurter Schule, schrieb 1968, Nietzsche „liegt hinter uns und ist schnell schon unverständlich geworden. Nietzsche hat nichts Ansteckendes mehr.“ Da hat er sich wohl schwer getäuscht. Und das, obwohl ihm die neue Beliebtheit Nietzsches in den 50er-Jahren, besonders von Frankreich ausgehend, nicht verborgen geblieben sein kann – aber er wollte Nietzsche mit seinem Urteil ins Nichts stoßen, so wie die DDR ihn einfach totgeschwiegen hat.
In den Jahrzehnten nach 1968 bis heute wurde Nietzsche der weltweit beliebteste und am meisten gelesene und kommentierte Philosoph, zu dem in der Gegenwart auch am meisten publiziert wird.
Diese Beliebtheit und die millionenfachen Deutungen stehen aber in einem extremen Gegensatz zu fehlenden Konsequenzen und weiterführenden Schritten nach seiner radikalen Kritik der heutigen Welt.
Frank Lissons neues Buch „Nietzsche. Ein Wagnis“, erschienen im Verlag Manuscriptum, versucht, mit Blick auf Nietzsches eigene Persönlichkeit und Erlebniswelt seine Philosophie neu zu deuten. Er setzt sich auch mit der Frage auseinander, wie die Gegenwart mit Nietzsche umgeht.
Lisson ist ein der Neuen Rechten zugeordneter Schriftsteller mit dem Schwerpunkt Kulturphilosophie.
Staatlich bezahlter Universitätsbetrieb
Besonders interessant stellt Lisson Nietzsches radikale Ablehnung des staatlich finanzierten Universitätsbetriebs dar, den Nietzsche selbst als Hochschulprofessor aus nächster Nähe erlebt und verachtet hat.
Für Nietzsche ist es der Höhepunkt der Heuchelei, sich in der Universität vom Staat finanzieren zu lassen, aber wissenschaftliche Unabhängigkeit und staatskritische Haltung vorzuspielen. Diese Rolle der „unabhängigen wissenschaftlichen Experten“ haben wir in der Corona-Zeit wieder bewundern können.
Lisson schreibt, es gebe „aus Nietzsches Sicht wohl kaum etwas Absurderes und Abgeschmackteres, als von einem deutschen Professor bundesrepublikanischer Provenienz“ wie ein exotisches Tier seziert, präpariert und ausgestellt zu werden – zu dem Zweck, Nietzsche falsch zu deuten, seine Aussagen zu relativieren oder ihn als durchgehend geisteskrank hinzustellen und damit die Gefahren seiner vernichtenden Kritik abzuwehren.
Dazu beanstandet Nietzsche aus seinen Erfahrungen als Professor die Dominanz der formalen Anforderungen und die Vorgabe ausgetretener gedanklicher Pfade in den Universitäten, die neue Ideen und Formen unmöglich machen.
Fehlschluss am Schluss
Aus der selbst gewählten Einsamkeit Nietzsches, der seine Hochschulprofessur niederlegte, dann seine grundsätzliche Kritik an der Welt und ihrer Moral niederschrieb und zu bewussten Lebzeiten einsam und ungehört ignoriert wurde, folgert Lisson am Ende seines Buches, dass heutige Nachfolger Nietzsches ein ähnliches Schicksal erleiden würden.
Lisson schreibt, heute wäre radikaler Widerspruch zu den gültigen Wertvorstellungen wegen der „medialen Totalherrschaft und Transparenz“ unmöglich und erlaube „keinerlei gelebte Distanz mehr zu den herrschenden Dingen“.
Diese Schlussfolgerung ist bürgerlich geprägt und falsch, denn allein schon unser Beispiel als Bewegung zeigt, dass totale und grundsätzliche Kritik am System und an der herrschenden Moral möglich und gemeinschaftlich machbar ist – dazu kommt, dass unsere radikale Kritik und Haltung viele Übereinstimmungen mit Nietzsches Gedanken hat.
Auch unser einfachster Mitkämpfer hat mehr von Nietzsches Kritik an der Gegenwart verstanden als der hochbezahlte Universitätsprofessor, der Nietzsches Werk verdreht und verbiegt, um ihn zu verharmlosen und zu entschärfen.
Meine Empfehlungen
Lissons Buch ist bis auf den Schluss interessant und lesenswert. Kritiker beanstanden aber den Schreibstil, der an manchen Stellen des Textes als schwierig oder gar seltsam empfunden wird. Mir selbst fielen Brüche und fehlende Übergänge innerhalb einzelner Kapitel auf.
Wer in Nietzsches Philosophie einsteigen will, sollte zuerst Julien Rochedys Buch „Nietzsche – der Zeitgemäße“ lesen, das erheblich verständlicher und ausführlicher Nietzsches Gedankengänge erklärt und über den Sturmzeichen-Versand erhältlich ist. Im Gegensatz zu Lisson ist Nietzsche für Rochedy in der heutigen Welt zeitgemäßer und aktueller als jemals zuvor. Als Zweites ist dann Lissons Buch eine interessante Ergänzung aus einem anderen Blickwinkel.
Wer Nietzsche im Original erleben will, dem empfehle ich sein zentrales Werk „Also sprach Zarathustra“, das nicht nur philosophisch, sondern auch künstlerisch ein Meisterwerk ist. Deutsche Soldaten nahmen das Buch im Ersten Weltkrieg mit an die Front und lasen es im Schützengraben als Kampfmotivation gegen die liberale, kapitalistische „westliche Wertegemeinschaft“.
Erstveröffentlichung in Nationaler Sozialismus Heute #50