
Das Haupt der Medusa
Einen in vielerlei Hinsicht ungewöhnlichen Roman liefert Werner Bräuninger, vielen Lesern bekannt durch seine Monographien zum Nationalsozialismus, als Autor der in diesem Heft auszugsweise wiedergegebenen Kühnen-Biographie oder als Gesprächspartner von Frank Kraemer in dessen YouTube-Kanal. Sonderbar ist etwa das wirre Buchcover, das an Filmklassiker wie „Metropolis“ oder „Das Cabinet des Dr. Caligari“ erinnert, jedoch das Gemälde „Exchange“ (1983) des im August 2025 verstorbenen Malers „Angerer der Ältere“ darstellt. Ferner bewirkt der ungewöhnliche Titel „Was wir lieben mussten“ erstmal Stirnrunzeln, im Roman wird das wie folgt aufgeklärt: Es geht um die aufgezwungenen politischen und gesellschaftlichen Zustände, die wir nicht nur zu akzeptieren hätten, sondern nach dem Willen der Herrschenden sogar lieben müssten.
Titel und Einbandgestaltung zeigen also bereits, dass wir es hier keineswegs mit einem gewöhnlichen Roman zu tun haben, der im „Corona-Jahr“ 2021 im Arnshaugk-Verlag erschienen ist, was auch erklärt, dass in der Geschichte auch eine Pandemie eine Rolle spielt. Der Roman beschreibt im ersten Teil eine politische und gesellschaftliche Dystopie (Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen oder Handlungen sind natürlich rein zufällig): Deutschland ist zu einem „failed state“ verkommen, überall machen sich Auflösung und Zersetzung breit, zusammengehalten wird alles mehr schlecht als recht durch totalitäre Maßnahmen einer diktatorischen Herrscherin, der „Meduse“. Nennenswerter Widerstand kommt lediglich von einer Partei namens „Allianz“ und von der aktionistischen Gruppe „Defend Identity“, die sich in einen legalistischen und einen militanten Flügel aufspaltet.
Die Handlung beginnt mit dem Freitod von Dominique Venner im Jahr 2013 und spannt einen Bogen bis ins Frühjahr 2026. Der Hauptprotagonist ist Tobias Fechter, ein „Rechtsintellektueller“ mittleren Alters, der im Berliner Nationalarchiv arbeitet und einen Beststeller zum Thema Remigration geschrieben hat. Die politisch-gesellschaftliche Lage entfaltet sich dem Leser durch Gespräche zwischen Fechter und seinem Mitarbeiter Riad al-Khalid, einem schwulen Ägypter, der sich von Deutschland aus für eine laizistische Wende in seinem Heimatland einsetzt. Fechter wirkt zu Beginn müde und resigniert, er verzweifelt an der ihn umgebenden Feigheit und Dekadenz, nur im Schreiben findet er Erfüllung. Er versteht sich zwar als Dandy, ist aber vielmehr die Ausgeburt bürgerlicher Arroganz: Während sich auf der Straße Aktivisten eine Schießerei mit Migrantengangs liefern, schaut er dem Treiben eher desinteressiert vom Fenster aus zu, und als der Anführer des „legalistischen“ Flügels von „Defend Identity“, der gewisse Ähnlichkeiten mit Martin Sellner aufweist, in Dutschke-Manier Opfer eines Attentats wird, fachsimpelt er lieber über klassische Musik. In seiner bürgerlichen Kleinkariertheit vergleicht er die herrschenden Verhältnisse immer wieder mit dem historischen Nationalsozialismus, was für ihn die höchste Stufe darstellt, seine Abscheu ausdrücken zu können. – Als die Zustände immer unerträglicher werden, muss aber auch er sich entscheiden: Versteckt er sich weiter hinter seinen Büchern, oder greift er doch aktiv in das Geschehen ein?
Die Lektüre mutet an, als hätte sich Werner Bräuninger das Buch selbst zum Geschenk gemacht, was keineswegs negativ gemeint ist. Seine Sprachvirtuosität, die man bereits aus seinen Sachbüchern kennt, kann er im Roman zur vollen Ausprägung bringen. Und was in politischen Aufsätzen möglicherweise schon justitiabel wäre, lockert durch die Mittel der Belletristik die Zunge beziehungsweise die Finger. Insgesamt ein schöner Roman für zwischendurch, der zum Glück nicht bei der Darstellung dystopischer Zustände Halt macht, sondern der es wagt, noch einen Schritt weiterzugehen.
Erstveröffentlichung in Nationaler Sozialismus Heute #54