
Deutschlands Kampf mit sich und der Welt
Stefan Scheil beleuchtet in seinem Werk „Der deutsche Donner – Deutschlands Kampf mit sich und der Welt“ 150 Jahre deutsche Vergangenheit von 1796 bis 1945/46. Im Vorwort beruft er sich bereits auf die namensgebende, 1834 verfasste „ironische Prophezeiung“ Heinrich Heines:
Der deutsche Donner ist freilich auch ein Deutscher und ist nicht sehr gelenkig und kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst: der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht.
Heines Prophetie dient an dieser Stelle als eine Art Floskel, die wie selbstverständlich von „Propagandisten eines negativen deutschen Sonderweges“ herangezogen wird. Der deutsche Donner beziehungsweise Sonderweg sollte somit – nach heutiger Geschichtsschreibung politisch korrekt – zur endgültigen „Befreiung“ Deutschlands 1945 führen und ab dato einen europäisch-westlichen Normalweg einleiten. Er fährt fort mit einem kurzen Abgleich der Entwicklung der restlichen Welt mit Fokus auf Industrialisierung und Imperialismen, dessen Auswirkungen sich auch ein deutsches Reich nicht entziehen konnte, war es doch der große Widersacher in Zentraleuropa, den es zu besiegen und nach eigenen Vorstellungen zu formen galt.
Der Hauptteil von Scheils Werk beginnt mit dem 23. Juli 1796, dem Tage, als die Reichskleinodien von Nürnberg nach Wien verbracht wurden. Scheil führt die Leser somit ein in eine literarische Exkursion in eine Zeit großer deutscher Zerwürfnisse, die wie stets in der Vergangenheit zum größten Teil von ausländischen Mächten erzwungen wurden. Beispielhaft dafür benennt er die deutschen Befreiungskriege gegen Napoleon, aber auch den Kampf Hermanns gegen die Römer. Lesen wir weiter, wird uns gewahr, dass unser Volk in den vergangenen 150 Jahren an nicht wenigen Stationen seiner Genese bis zur ersten echten Staatswerdung 1870/71 angelangte: Vom De-facto-Ende des ersten Reiches 1806 über den Wiener Kongress 1814/15, das Wartburgfest 1817, die Einweihung der Walhalla zu Regensburg 1842, die Revolutionen von 1848/49 bis hin zur Gründung des zweiten deutschen Reiches nach den napoleonischen Befreiungskriegen.
Zwischen diesen Stationen wird der Leser allerlei Verstrickungen und Verknüpfungen innerdeutscher Querelen begegnen, die offenbaren, in welch heftiger Umbruchzeit sich das Land mit seinen zahlreichen Bundesstaaten befand, die nicht miteinander, aber auch nicht ohne einander konnten. Und als ob die Deutschen nicht schon genug mit sich selber zu tun hatten, drängten fremde Einflussnehmer in innerdeutsche Geschicke ein – vornehmlich Frankreich, England und Russland –, allerdings konnten auch jene die Reichseinigung nicht verhindern. Scheil beendet den großen Mittelteil mit dem Jahre 1917, als der Krieg für Deutschland beinahe gewonnen war. Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass er nicht von zwei einzelnen Weltkriegen schreibt, sondern von einem „Großen Krieg, der erst im Jahr 1945 zu Ende ging“. Im letzten Abschnitt seines Buches widmet sich Scheil der Zwischenkriegszeit beziehungsweise der Weimarer Republik mit Fokus auf die damalige sozialdemokratische Politik, der Debatte um die Kriegsschuld, dem Erstarken der NSDAP sowie dem Ausfüllen des politischen Vakuums durch die Nationalsozialisten. Die ideologische Nagelprobe besteht Scheil souverän, indem er die berüchtigten zwölf Jahre eben nicht pauschalisiert, sondern sachlich so darstellt, wie es damals eben gewesen ist: „Der Nationalsozialismus war imstande, die Entwicklung der deutschen Sache zu einem extremen und exzentrischen Entscheidungspunkt zu führen und er tat dies.“ Was dann folgte, war das große Inferno über Großdeutschland – und so ironisch, wie Heine seine Prophetie formulierte, ist letztendlich auch die Erkenntnis, dass der deutsche Donner noch nicht einmal von Deutschland, sondern vom Rest der Welt ausging. Der Autor entlässt den Leser sodann mit dem nachdenklichen Schlusswort: „Man könnte den Eindruck gewinnen, seit 1796 sei Deutschland nicht so recht weitergekommen.“ Wahre Worte.
Erstveröffentlichung in Nationaler Sozialismus Heute #54