
N.S. Heute: Hallo Sascha! Du hast kürzlich Dein neues Buch rausgebracht mit dem Titel „Kultur, Ästhetik, Identität – Blütenlese des Abendlandes“. Du bezeichnest es selbst als „Kulturwegweiser“. Was ist der Zweck dieses Buches?
Sascha: Einerseits einen vom Volumen her – es wird ja immer weniger gelesen (leider!) – überschaubaren Überblick zu geben, was unsere Altvorderen so an geist- und stilvoller sowie kunstfertiger Kulturgüter als Erbe hinterlassen haben. Ein Erbe, dessen man sich, um es auch als Auftrag aufzufassen, erst einmal bewusst sein muss. Zum anderen soll dieses Buch andeuten, welche Fülle kulturellen Reichtums das Abendland aufweisen kann, was mir im Netflix-Zeitalter geschichtsverzerrender Bilderstürmer durchaus angebracht scheint. Unsere Identität erschöpft sich schließlich nicht allein in der Befriedigung physischer Alltagsbedürfnisse. Überdies ist es eine Empfehlung, womit sich näher zu befassen lohnt, nachdem Bildungseinrichtungen politische Korrektheit an Stelle von Wissensvermittlung setzen und Fernsehen mehr Tittytainment als Kultur liefert. Ein Wegweiser ist es auch insofern, dass man dieses Buch auch ein wenig im Sinne eines Reiseführers lesen kann, da ihm vielfach zu entnehmen ist, wo gewisse Kunstwerke zu bestaunen sind.
N.S. Heute: Nun ist ja bereits das Wort „Kultur“ interpretationsbedürftig, da es wahrscheinlich unmöglich ist, für diesen weitläufigen Begriff eine allgemeingültige Definition zu finden. Deshalb meine Frage: Was ist Deine ganz persönliche Definition von „Kultur“?
Sascha: Der sichtbar gewordene Gefühlsausdruck, dass es zwischen Schönheit und Sinn einen Zusammenhang gibt. Aber man kann sich dem auch etymologisch nähern. Dieser Terminus leitet sich von dem Partizip (cultus) des lateinischen Verbs „colere“ ab, was so viel wie „ehren, pflegen“ heißt, woraus sich bereits schließen lässt, das die (Fort-)Existenz einer Kultur von ihrer Pflege abhängt. Der Identitätsbezug entsteht dabei aus einem kollektiven Phänomen heraus, indem der Mensch ein Gemeinschaftswesen (nicht Massenwesen) ist. Auch hier weist die sprachliche Herleitung schon darauf hin, dass es sich bei Identität nicht um eine Individualveranstaltung handelt. Die Verbindung des lateinischen „idem“ (das Gleiche, Selbe) mit dem Partizip (ens, entis) von „esse“ (sein) deutet auf eine gleichartige Seinsweise hin.
N.S. Heute: Die Anhänger des „kulturpessimistischen“ Denkers Julius Evola sehen die Kultur seit einem in mythischer Vorzeit liegenden „goldenen Zeitalter“ in einem ständigen Zerfallsprozess. Stimmst Du der These zu, dass es in der abendländischen Kulturgeschichte bis heute stetig bergab ging, oder ist die Entwicklung der vergangenen Jahrhunderte eher wellenförmig, mit Hochphasen und Rückschlägen?
Sascha: Das Symbolbild der vier Zeitalter – ein Thema, das übrigens zahlreich als künstlerisches Motiv aufgegriffen wurde – ist vielleicht sogar stärker religiös als gleichsam kulturhistorisch konnotiert, und zurückgehend auf früheste Quellen indogermanischer Spiritualität, treffen wir hier auf einen vorchristlichen nicht-linearen Zeitbegriff, sprich in diesem konkreten Kontext müsste man konsistenterweise von einer, wenngleich in langen Zeiträumen gedacht, wellenförmigen Entwicklung sprechen. Mit Blick auf ein überschaubares Zeitfenster beziehungsweise die Gegenwartsdiagnose konstatiere ich durchaus mehr Zerfallsprozesse als Erbauliches, doch wie sich dies hinsichtlich der Zukunftsperspektive darstellen mag, wird wohl wesentlich – im sprichwörtlichen Sinne – von der Frage der künftigen Existenz oder Nichtexistenz des spezifischen Kulturträgers abhängen. Sein oder Nichtsein ist hier die Frage, um mit Shakespeares Hamlet zu sprechen.
N.S. Heute: Hast Du für die Zeit vom Mittelalter bis zur Neuzeit eine persönliche kulturelle „Lieblings-Epoche“?
Sascha: Ja, definitiv, und zwar jene, zu welcher laut dem Philosophen Rüdiger Safranski die Deutschen allgemein eine „besondere Affäre“ hätten, die Romantik. Ihr zauberhaftes Korrektiv zur Tendenz einer Verabsolutierung seelenloser Rationalität, ohne jedoch die Errungenschaften der Aufklärung über Bord zu werfen, und ihre sinnliche Naturmystik lösen bei mir das wohltuende Gefühl aus, das sich einstellt, wenn man beginnt zu bewundern.
N.S. Heute: Im Gegensatz zu vielen kulturgeschichtlichen Werken aus dem Mainstream wird bei Dir die Zeit des Nationalsozialismus und Faschismus nicht ausgespart. Ist diese Zeit als ein absoluter kultureller Bruch mit dem Vergangenen zu werten, oder baute auch die Kunst im deutschen Nationalsozialismus und italienischen Faschismus auf vorangegangenen Epochen auf?
Sascha: Wir befinden uns hier in einer Zeit, in der bereits verschieden-artige Stilrichtungen sich überschnitten beziehungsweise parallel auftraten. Die tonangebende Kunst im Nationalsozialismus und Faschismus wandte sich von bestimmten Stilen ab, war aber in meinen Augen kein Bruch im Sinne eines Traditionsabrisses. Beispielsweise gab es die im Dritten Reich beliebte Genremalerei bereits vorher, denken wir nur an Franz Defregger, oder Blicken wir auf die Ähnlichkeit der in der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ 1939 ausgestellten Gemälde Willy Kriegels mit den Naturstudien Albrecht Dürers.
Im Faschismus entdecken wir ein starkes futuristisches Element, deren Vertreter allerdings dennoch damit eine Fortentwicklung anknüpfend an die Renaissance anstrebten. In der Musik nahm sich der Faschismus die Antike zum Vorbild. Die vorherrschende Kunst in dieser Zeit suchte meiner Auffassung zufolge nach dem zukunftsträchtigen Ausdruck des Ureigenen, weshalb es zulassen musste, aus Vorangegangenem zu keimen. Ein kompletter Bruch im maoistischen Stile hätte dem gänzlich widersprochen.
N.S. Heute: Die heutige Zeit der „Postmoderne“ beziehungsweise zeitgenössischen Kunst (oder was man so als „Kunst“ bezeichnet) wird bei Dir relativ kurz und mit harten Worten abgehandelt. Tatsächlich ist es wohl so, dass die Gegenwart gar nicht in der Lage ist, hohe Kunst etwa in der Malerei, der Architektur, der Bildhauerei, der klassischen Musik oder dem Verfassen von Dramen und Theaterstücken hervorzubringen. Kann die schöne Kunst also immer nur dann gedeihen, wenn die entsprechenden politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen vorhanden sind?
Sascha: Jein, mit Betonung auf das J. Natürlich vollzieht sich Kunst und Kultur nicht im luftleeren Raum, sondern im Wechselspiel mit der jeweiligen gesellschaftlichen und institutionellen Dynamik. Auch ist Kunst vielfach ein Spiegelbild, manches Mal sogar ein Vergrößerungsglas des mentalen Zustandes einer Zeit. So kommt es offenbar, dass in einer Zeit grassierenden Fachkräftemangels auch im Kunstbetrieb vergessen wurde, dass Kunst von Können kommt, und nicht von Wollen, sonst müsste es „Wunst“ heißen. Nichtsdestotrotz gibt es auch Gegenwartskünstler, die sich mit den Großen der Geschichte vergleichen lassen dürfen. Ich gehe auf einige davon in meinem Buch ein. Dass eine andere Kulturpolitik möglich ist, dazu muss man nicht einmal in die Geschichte zurückblicken, sondern richte das Auge in die Slowakei, wo mit Martina Šimkovičová, für die Slowakische Nationalpartei, der Koalitionspartei in der Fico-Regierung, die derzeit wohl weltweit beste Kulturministerin im Amt ist.

N.S. Heute: Wir befassen uns in dieser Ausgabe mit dem Kulturkampf von „Rechts“. Welche Schritte können von kulturell Tätigen aus dem rechten/nationalen Bereich und ihren Unterstützern heute unternommen werden, um die linke Kulturhegemonie zu brechen? Wo siehst Du in diesem Bereich konkrete Fortschritte?
Sascha: Der Kulturkampf in diesem konkreten machtpolitischen Ringen muss zwar vorrangig um Einflussräume zur Ausübung mehr der Alltags- als der verfeinerten Hochkultur dienen, weshalb hier wohl mehr Netzwerke und Infrastruktur im Vordergrund zu stehen haben, die geeignet sind, Ausgrenzungsmechanismen und Repressionen des linken Gesinnungstotalitarismus ins Leere laufen zu lassen. Dies soll allerdings nicht heißen, dass die metapolitische Dimension eines Bewusstseinswandels in Richtung kulturell-identitärer Selbstbehauptung im Bereich der Kunst nicht von Bedeutung wäre. Würde ich das glauben, hätte ich mein Buch nicht geschrieben, und auch dieses ist natürlich ein Beitrag zum Kulturkampf.
Glücklicherweise sind im rechten Kulturkampf durchaus Fortschritte zu verzeichnen. Darunter würde ich beispielsweise die jüngste Buchmesse „SeitenWechsel“ in Halle zählen, ungeachtet des kulturlosen Verhaltens eines Dieter Stein dort. Oder nehmen wir das an die Partei DIE HEIMAT angebundene „Heimat.Kultur.Werk“ (HKW), das zunehmend erfolgreiche Veranstaltungen organisiert. Diejenigen, die sich berufen fühlen und qualifiziert erachten, sind aufgerufen, Vernissagen, Lyrik- und/oder Kompositionswettbewerbe zu organisieren, oder Theateraufführungen von Stücken, die heute nicht mehr aufgeführt werden, beispielsweise zu Hanns Johsts Schlageter-Drama. Man könnte hiervon dann Aufnahmen vertreiben. Vom Komponisten Gerhard Frommel, der in der Nachkriegszeit nicht mehr zum Zuge kam, existiert eine ganze Oper aus dem Jahr 1962, die nie uraufgeführt wurde. Musiker aus unseren Reihen könnten sich Stücken daraus annehmen. Kulturell-künstlerisches Tätigwerden ist auch ein Kampf um die Köpfe.
N.S. Heute: Nenne uns zum Abschluss bitte einige Deiner persönlichen Favoriten aus der europäischen Kulturgeschichte. Was sollte man unbedingt gelesen, gesehen und gehört haben?
Sascha: Das ist immer die mit Abstand schwierigste Frage, denn welche Auswahl treffen, wenn einem so vieles tief zu berühren vermochte. Was sollte man unbedingt gelesen haben? Natürlich mein Buch! (lacht) Goethes „Faust“ muss man meines Erachtens gelesen haben. Ich persönlich zähle auch Ludwig Anzengruber zu den ganz Großen. Musikalisch kann ich mir schwer vorstellen, dass einen „Das Gebet des Rienzi“ (Wagner) oder Pachelbels „Canon in D“ völlig kalt lassen, außer man ist taub. Gesehen haben, weil mit Sicherheit unvergesslich, sollte man Florenz, mit einem Besuch der Uffizien verbunden, und das Florenz des Ostens, Breslau, im Besonderen dessen Altstadt. Wer eine Vorliebe für Mythologie hat, dem seien Gemälde von John William Waterhouse ans Herz gelegt. Ein gewinnbringender Einstieg in die Welt der Kultur kann auch Johann Peter Eckermanns (Sekretär Goethes) „Gespräche mit Goethe“ sein, von dem Friedrich Nietzsche behauptet haben soll, es sei das beste Buch gewesen, das er gelesen habe.
