Das Lauffeuer der Selbstbestimmung – Wie der Nationalismus sich der „regelbasierten Ordnung“ entgegenstellt

Die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Iran sowie den Triebkräften von Nationalismus und (Anti-)Imperialismus im Rahmen meines letzten Schriftwerkes zu diesem Thema [siehe N.S. Heute #53 – Anm. d. Red] hat mein eigenes Blickfeld über die erstarrten Dogmen der westlichen Standardanalysen hinaus geweitet. Insbesondere meine persönlichen Sichtweisen zu der schicksalhaften Isolation des Iran erschufen für mich ein Fundament, für ein neues Verständnis von raumgebundener Resilienz. Wer den Blick einmal auf diese Sichtweisen geworfen hat, vermag sich der Erkenntnis nicht mehr zu entziehen, dass sich die dort aufgeführten geopolitischen Zusammenhänge gegenwärtig an ganz anderen, scheinbar widersprüchlichen Knotenpunkten der aktuellen Weltpolitik spiegeln. Die aktuellen geopolitischen Verwerfungen rund um den strategischen Befreiungsschlag der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und das zähe Aufbegehren Somalilands am Horn von Afrika weisen eine unübersehbare, strukturelle Parallele auf. Es ist die Wiederkehr zur eigenen Substanz des Raumes und das Begehren nach der eigenen nationalen Selbstständigkeit gegen eine angebliche „regelbasierte Ordnung“. Und so folgt hiermit, eine aus meiner Sicht passende Ergänzung zu den damaligen Ausführungen und dem vorhergehenden Schriftsatz „Nationalismus und Isolation: Identität im Exil – Irans Immunsystem gegen eine globale Weltordnung“.

Isolation als Quelle souveräner Emanzipation

Die Isolation des Iran und seine konsequente geistige Rückkehr in einen unnachgiebigen, fast exilischen und identitären Nationalismus erteilen der Welt ein zeitloses Lehrstück darüber, wie widerstandsfähig ein Staat gegenüber fremden Machtansprüchen sein kann, wenn er die zersetzenden Einflüsse der globalen Beliebigkeit von sich weist und sich dementsprechend radikal auf die eigene Substanz konzentriert. Bis zum heutigen Tage sind die militärischen Kampfhandlungen (zurzeit besteht ein strategischer und undurchsichtiger Waffenstillstand) im Nahen Osten im vollen Gange, und das schiitisch geprägte Kernland wirkt in seiner zivilisatorischen Widerstandskraft weitaus ungebrochener, als es die Aggressoren aus Tel Aviv und Washington in ihrer Selbstherrlichkeit wohl für möglich gehalten haben.

Der Iran bleibt standhaft und schafft es, seine natürlichen Ressourcen für sich selbst und zum Schutz seiner selbst zu nutzen. Und in diesem Widerstand entdecken wir eine Sprengkraft, die nicht in seiner defensiven Härte liegt – wir finden sie in ihrer unerwarteten und raumübergreifenden Ausstrahlungskraft. Der in der Isolation entstandene Nationalismus und sein opferbereiter Kampfgeist zeigen, dass man mit dem richtigen Willen gegen die drohenden hegemonialen Fremdherrschaftsansprüche ankommen kann. Das Machtgefüge der westlichen Akteure ist schon seit Längerem mit einer ansteckenden Krankheit infiziert, welche Stück für Stück die unipolare Weltordnung zersetzt. Vor unseren Augen entwickelt sich eine Art Lauffeuer, ein Lauffeuer der Selbstbestimmung, das nach völkischer Emanzipation und Freiheit ruft. Dieser Ruf erfolgt voller Inbrunst aus der Tiefe der eigenen Volksseele und lässt sich nicht mehr überhören.

Der ansteckende Ruf von Selbstbestimmung und nationaler Souveränität erhallte schon lange und fortwährend in den fundamentalen Bruchlinien der us-israelischen Machtzentren im Nahen Osten. In der vom Iran weit entfernten Region Palästina vernehmen wir diesen lauten Klang der Freiheit seit Jahrzehnten. Das blutige Ringen um den eigenen Boden zeigt ungeschminkt die tiefsten Wahrheiten, welche sich viele nicht einmal trauen auszusprechen. Denn eben jenes Lauffeuer der nationalen Souveränität erweist sich seit Jahren als das unerbittliche Fallbeil über dem zionistischen Staatskonstrukt von Israel. Ein völkerrechtlich und physisch selbstständiger palästinensischer Staat wäre weit mehr als ein diplomatisches Bekenntnis zur Selbstbestimmung eines Volkes, es wäre das logische Ende der israelischen Vormachtstellung in den umkämpften Räumen. Ein souveränes Palästina könnte mit sofortiger Wirkung legitime und völkerrechtliche Ansprüche auf die reichen maritim-terrestrischen Ressourcen (Erdöl und Erdgas) vor der eigenen Haustür stellen. Darin finden wir eine Erkenntnis um geopolitische Zugriffsmöglichkeiten, welche die wahren Hintergründe des Gaza-Konflikts erklären. Die westliche Moralpropaganda hat sich schon lange als materieller Zugriff auf raumgebundenen Reichtum entpuppt, und das Spiel um eine angebliche „regelbasierte Ordnung“ verliert angesichts der Schreie nach nationaler Souveränität seine Bedeutung.

Expansiver Nationalismus und logistische Souveränität

Ausgehend von diesem nahöstlichen Glutkern des Widerstands bahnt sich die tektonische Verschiebung nun ihren Weg entlang der globalen Energie- und Handelskorridore, um an den strategischen Schlüsselpunkten der arabischen und afrikanischen Küsten eine völlig neue Geometrie der Macht zu formieren. Die Dynamik der Emanzipation verbleibt nicht im regionalen und lokalen Konfliktfeld des orientalischen Küstenvorfelds, sie vermag es, die Gewässer und Grenzen zu überspringen, um das ökonomische und territoriale Denken an den wichtigsten maritimen Nadelöhren der Welt zu revolutionieren. Hier entwickelt sich eine neue Trennlinie, an der das starre, vom gemeinsamen Wertewesten diktierte System künstlicher Staatenordnung endgültig an den Härten realpolitischer Tatsachen zerschellt.

Mit einem historischen Paukenschlag erklären die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) Ende April ihren Austritt aus der OPEC – ein radikaler Akt der Trennung, der nur darauf abzielte, die Bepreisung und Verteilung der eigenen, heimischen Rohstoffe ohne Rücksicht auf die westlichen Leitwährungen und Preiskartelle eigenständig zu regulieren. Unter der Führung von Abu Dhabi haben die VAE einen Typus des Nationalismus entwickelt, den man als Souveränitätsnationalismus verstehen könnte. Sie haben begriffen, dass ein Nationalstaat im 21. Jahrhundert nur dann überlebensfähig ist, wenn er sich unentbehrlich macht und die Kontrolle über die eigenen materiellen Ströme zurückgewinnt. Die eigenen Ressourcen dürfen in die Welt, aber nur zu dem Preis, den man selbst für angemessen hält. Eine einfache Logik, die die nationale Zukunft von souveränen Staaten absichern wird.

Die Perlenkette der Souveränität gegen das globale Diktat

Am Horn von Afrika sehen wir ein Aufbegehren, das wie eine Parallelerscheinung auftritt und das Gebälk der liberalen Grundfesten in seiner „regelbasierten Ordnung“ erschüttert. Das jahrzehntelang diplomatisch geächtete Somaliland rüttelt die völkerrechtliche Kulissenwelt durcheinander, denn sein erzwungenes und kaum anerkanntes Dasein fordert nun die strategisch entscheidenden Schifffahrtswege am Golf von Aden für sich selbst ein, um diese nach eigenen Vorstellungen zu kontrollieren und zu bepreisen. Seit 1991 existiert dieses Gebilde als de-facto unabhängiger Staat, nachdem es sich aus den blutigen Trümmern des gescheiterten somalischen Einheitsstaates erhoben hat. Während das offizielle Somalia in Mogadischu bis heute am Tropf internationaler Hilfsgelder und ausländischer Militärinterventionen hängt, hat Somaliland aus eigener Kraft, ohne internationale Anerkennung und gegen den erklärten Willen der sogenannten westlichen Wertegemeinschaft, eine stabile, friedliche und funktionale Ordnung geschaffen. Auch hier, ähnlich wie bei der Islamischen Republik Iran, besteht eine von außen produzierte Isolation, die dem Land aufgezwungen wurde und welche wie ein Stahlbad auf die nationalen Souveränitätsansprüche wirkt: Ohne den zersetzenden Einfluss westlicher Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und ohne die Einmischung globalistischer Institutionen konnte Somaliland eine eigene organische Struktur entwickeln, die auf den traditionellen Loyalitäten und dem unbedingten Überlebenswillen der eigenen Gemeinschaft beruht.

In dieser raumgreifenden Symbiose zwischen den VAE, Somaliland und dem regionalen Schwergewicht Äthiopien manifestiert sich nun eine neue maritime Hafenstrategie. Das Rote Meer und der Golf von Aden sind keine bloßen Transiträume mehr, sie wuchsen zu einem Schauplatz der Rückbesinnung auf die eigenen Kräfte. Indem die VAE durch „DP World“ Häfen wie Berbera, Bosaso und Assab ausbauen und eigenständig kontrollieren, schaffen sie eine eigene „Perlenkette der nationalen Souveränität“. Diese Häfen sind nun keine fremdbestimmten Logistikzentren mehr; sie wurden zu Anlaufpunkten einer neuen Ordnung, die die maritime Schlagader der Welt in die Hand der nationalen Akteure zurückführt. Wer hier den Hafen und die Küstenstrände besitzt, besitzt den Schlüssel zur Überwachung über das Eigene. Ein Hafen unter eigener nationaler Kontrolle setzt selbstständige Grundbedingungen für den Welthandel. Washington, London oder Tel Aviv wurde das exklusive Diktat abgesprochen. Wir sehen hier das Ende einer Ära, in welcher Handelswege als staatenlose Gemeingüter unter amerikanischer Aufsicht galten – die „regelbasierte Ordnung“ der westlichen Wertegemeinschaft wurde durch die nationale Souveränität verdrängt.

Dieses neue, materielle Fundament der Eigenständigkeit verzahnt sich untrennbar mit einer konsequenten Widerstandsökonomie, welche als das eigentliche Rückgrat der nationalen Beharrung betrachtet werden darf. Widerstandsökonomie bedeutet die strategische Entscheidung, die nationale Wirtschaft nicht nach den Renditeerwartungen des globalen Kapitals auszurichten, sondern nach der Notwendigkeit größtmöglicher Autarkie. Für Somaliland bedeutet das, dass jeder Dollar, der in den Hafen von Berbera fließt, der Absicherung der eigenen Existenz dienlich wird. Wenn der Handel nicht mehr über westliche Institutionen, sondern über die Realitäten vor Ort abgewickelt wird, verliert der Imperialismus seine schärfste Waffe, die finanzielle Exklusivität. Genau hier prallen die nationalen Interessen Somalilands und der VAE ungefiltert auf die Ansprüche der USA und Israels. Der Westen benötigt einen flüssigen, staatenlosen Raum, um seinen Machtanspruch und seine internationalen Interessen halten zu können. Jede Form von erstarkendem Nationalismus, wie am Horn von Afrika oder der Meerenge von Hormus, der sich weigert, nach der Pfeife Washingtons oder Tel Avivs zu tanzen, wird daher als Bedrohung wahrgenommen. Wenn Somaliland Äthiopien den Zugang zum Meer gewährt, entsteht eine regionale Achse, die sich der Kontrolle durch den Wertewesten entziehen wird. Es geht dementsprechend erneut um den nackten Zugriff auf Ressourcen und die Sicherung der Handelswege, die im Fadenkreuz fremder Wirtschaftsinteressen liegen.

Obwohl Somaliland und die VAE sunnitisch geprägt sind, verbindet sie ein tieferes, fast metaphysisches Band mit dem Widerstandsgeist des schiitischen Iran. Man könnte von einem „Schiitismus des Geistes“ sprechen, eine Art von struktureller Solidarität derjenigen, die vom globalen System verstoßen wurden. Der schiitische Glaube hat den Kampf gegen eine korrupte Übermacht verinnerlicht. Dieses Bewusstsein um die Standhaftigkeit aus der Isolation heraus findet man heute überall dort, wo Völker sich weigern, ihre Identität an der Garderobe des globalen Marktes abzugeben.

Somaliland, Jordanien und der Iran finden sich in einer archaischen Logik der Abgrenzung wieder. Es ist das Schicksal der Isolierten, die erkennen, dass die „westliche Wertegemeinschaft“ nur jene duldet, die bereit sind, ihre nationale Seele zu verkaufen. Die Standhaftigkeit an der Meerenge von Hormus siegelt die Stärke von Nationalismus und Isolation mit der Standhaftigkeit am Golf von Aden. In beiden Fällen geht es darum, die Überwachung über das Eigene zu behaupten, selbst wenn der Preis die wirtschaftliche Ächtung und die moralisierende Dämonisierung sind. Der Iran hat durch seine jahrelange Isolation bewiesen, dass ein Volk moralisch unverwundbar wird, wenn es lernt, die technologischen Fortschritte und den eigenen kulturellen Erbstrom in der eigenen Substanz zu suchen. Dies ist das Vorbild für Somaliland und die VAE. Die Isolation ist nämlich nicht das Ende, sie ist die Geburtsstunde der eigentlichen Bestimmung. Die Zukunft wird auf diesem Handeln aufbauen, und sie wird folgerichtig jene Völker anerkennen, die nicht in den Vorzimmern der UN um Hilfe betteln oder ihren Frieden in einem Status quo der Fremdherrschaft suchen. Der Lohn liegt im Mut, seine eigenen Räume zu gestalten. Der Konflikt um Somaliland, die VAE und das Rote Meer ist das Signal für ein anbrechendes Zeitalter, in dem die Widerstandsökonomie und die Hafenstrategie zu den wahren Währungen der Freiheit werden. Wir werden Zeugen einer Welt, in der durch den Wesensausdruck des Eigenen und der unnachgiebigen Überwachung über die eigenen nationalen Ressourcen jene Kraft entsteht, welche dem liberalen Globalismus und dem moralischen Wertekomplex einer „regelbasierten Ordnung“ entgegensteht.

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