
Endlich ist es wieder so weit: Das Jahr neigt sich langsam, aber mit bestimmter Sicherheit seinem Ende zu und mit jedem vergehenden Tag rücken jene Monate näher, die mir seit jeher die allerliebsten sind. Der Herbst und der Winter tragen für mich einen ganz persönlichen Zauber in sich. Ich schätze ihre kühle und klare Luft. Ich mag den Wandel ins Karge und liebe die Stille und ihre andächtige Schlichtheit. Wenn sich die Dunkelheit und die Kälte in unserer Landschaft ausbreiten, ist es an der Zeit, sich selbst runterzufahren. Die Welt und die Menschen entschleunigen sich, die Natur darf durchatmen und sich vom schrill-bunten Leben des Sommers erholen, und der Mensch nutzt die wohltuende Ruhe für sein Gemüt. Langsam weicht alles Alte dem Neuen. Doch noch ist es nicht so weit; wir befinden uns gerade auf einer Schwelle dahin und sind irgendwie mittendrin im Dazwischen. Die Kastanien haben gerade erst begonnen, mit einem leisen Klacken auf die Wege zu fallen. Die Sonne meint es noch einmal überraschend gut mit uns und beschenkt die Nachmittage mit einer Fülle an goldenen Sonnenstunden. Ab der Mittagszeit herrscht noch ein behagliches T-Shirt-Wetter, das die heraufziehende Kälte der Nächte für ein paar Tagesstunden vergessen lässt. Diese milden Übergangstage haben ihren ganz eigenen Reiz, denn sie wecken in einem die Lust, die Wanderschuhe zu schnüren, um den Weg nach draußen zu suchen. Hier im Harzvorland, wo die Wälder schon teilweise sehr dicht stehen, haben wir den direkten Zugang in den Harzer Wald, und dieser hält täglich viele seiner kleinen Geheimnisse für uns bereit.

Wo Silbergruben schweigen und die Natur neu erwacht
Wir haben das Glück, dass wir nicht einmal 60 Minuten durch die ansteigende Kurvenlandschaft des Hochharzes benötigen, um eines der begehrtesten Ausflugsziele im Harz zu erreichen. Und so führte uns der Weg in Richtung Braunlage, zu einem der bekanntesten Herzstücke unserer Region, welches sich malerisch am Fuße des Wurmbergs erstreckt. Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Katzensprung hinein in die geschützte Wildnis des Nationalparks Harz – ein Ort, der wie kaum ein anderer in der Harzer Geschichte deutsche Ingenieurskunst und Naturromantik miteinander vereint: der Oderteich.
Der Oderteich war früher ein idyllisches Gewässer mitten in einem dichten Fichtenwald. Heute gilt er als technisches Kulturdenkmal und ist Teil des UNESCO-Weltkulturerbes „Oberharzer Wasserwirtschaft“. Er wurde laut Geschichte zwischen 1715 und 1722 von Clausthaler Bergleuten erbaut und galt wegen seines gewaltigen Damms aus Granitblöcken und einer festen Dichtung aus Rasensoden über 170 Jahre lang als die größte Talsperre Deutschlands. Dieser aufgestaute See sollte in trockenen Sommern oder frostigen Wintern das nötige Aufschlagwasser liefern, um über den Rehberger Graben die Wasserräder des Sankt Andreasberger Bergbaus anzutreiben und somit die naheliegenden Silbergruben in Betrieb zu halten. Hier gab einst die schwere Arbeit des Erzbergbaus den Takt an, doch das hat sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt.
Mit dem Niedergang des Bergbaus wurde der Stausee Stück für Stück zu einem Ort der Einkehr und der Erholung; das Tourismusgeschäft zog ein. Heute ziehen das Moor, der Staudamm und der Oderteich die Wanderer und Sportler an, auch weil ein ausgewiesener Abschnitt offiziell als Badeteich freigegeben wurde. Doch wer heute den Rundweg um den Oderteich aufsucht, erlebt die Gegenwart des Nationalparks in all seiner Schonungslosigkeit. Denn das Bild der anliegenden Wälder hat sich stark verändert. Die Trockenheit der letzten Jahre und die Ausbreitung des Borkenkäfers haben riesige Fichtenbestände absterben lassen, und überall ragen die grauen, skulpturenhaften Skelette dieser einstigen Monokulturen in den Himmel.
Die Natur macht keine Sprünge, aber sie geht immer voran – im Vergehen liegt schon der Keim für das Neue. – Johann Wolfgang von Goethe
Als Wanderer findet man sich hier in einem tiefen inneren Zwiespalt wieder – es ist ein Wechselspiel zwischen Trauer und Freude über die Natur. Auf der einen Seite verspürt man eine leise Schwermut über den Verlust der vertrauten und dichten grünen Nadelwälder, mit denen man selbst Erinnerungen verknüpft. Auf der anderen Seite offenbart sich dem aufmerksamen Naturbeobachter die gewaltige Widerstandskraft der Natur. Unter all dem Totholz keimt neues Leben. Junge Ebereschen und Buchen bahnen sich ihren Weg durch den nährstoffreichen Boden, und hier wird er sichtbar: der Wandel von einer künstlich angelegten Baum-Plantage zurück zu einem echten Mischwald von morgen. So löst sich Stück für Stück die Trauer über das Vergehen des Waldes, weil man dieses neue Erwachen mit Freude wahrnimmt. Geburt, Sein, Werden, Vergehen (Alois Mitterer) als ewiger Kreislauf des Lebens ist hier ein Bekenntnis der Natur, das man spüren kann – ein Bekenntnis, dem man hier am Ufer des Oderteichs Stein für Stein und Baum für Baum hautnah begegnet.


Auf schmalen Pfaden durch Schatten, Moor und Schilf
Mit jedem Schritt auf dem Rundweg um den Oderteich fühlt es sich wie der Übertritt in eine andere, fast entrückte Welt an. Der Rundgang beginnt direkt am ausgewiesenen Zugang für die Badegäste, wo sich das Ufer noch von einer kargen und rustikalen Seite zeigt. Ein steiniger, leicht abfallender Pfad führt hier hinab zum Wasser, eingerahmt von den aufragenden Hängen des Waldes. Es hat schon etwas Urtümliches, von den massiven Granitblöcken aus den Blick über die Wasserfläche gleiten zu lassen. Doch wer auf dem Weg bleibt, welcher sich vorerst eng an das Ostufer des Teiches schmiegt, atmet schon die vielschichtige Magie, welche die Natur für einen bereithält.
Der Oderteich-Rundweg (knapp 5 Kilometer) ist kein eintöniger Spazierweg; er ist ein naturbelassener Erlebnispfad – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Schnell taucht man ein in eine wahrhaftige Märchenwaldatmosphäre. Krumm gewachsene Fichten, überzogen mit tiefgrünem Moos, säumen den Pfad, während das späte Sonnenlicht in langen, goldenen Bahnen sich durch die Wipfel bricht. Pilze sprießen aus dem Boden, und überall verteilt sich ihr Duft entlang des Weges. Jeder Tritt auf dem Pfad fordert hier die volle Aufmerksamkeit: Mal steigt man über verschlungene, dicke Baumwurzeln, die sich wie Adern über den Boden ziehen, mal geht es über kantige Granitsteine, die wohl schon seit Jahrhunderten hier im Erdreich ruhen, und dazwischen öffnen sich immer wieder kleine, verwunschene Moorstücke, die es über Brücken zu überwinden gilt.
Ein kleiner, besonderer Zauber geht von den malerischen Zuflüssen aus, die sich ihren Weg durch den Wald bahnen, um ihr Wasser dem Oderteich zu schenken. Das Glucksern und Rauschen der Gebirgsbäche begleitet einen immer wieder auf dieser Strecke. Am westlichen Ufer des Oderteiches angekommen, ändert sich bald der Weg. Man verlässt dort eine gewisse Art von Rotkäppchenatmosphäre und scheint in die Wälder von Daniel Boone einzutreten. Der wurzelige Waldpfad geht nun fließend in einen langen, schmalen Holzsteg über. Sanft auf Stelzen gebaut, führt dieser Pfad aus Bohlen direkt durch dichtes Schilf und feuchte Moorabschnitte. Das leise Holzklappern unter den eigenen Stiefeln, das Rascheln des Schilfs im Wind und der freie Blick über das freigelegte Moor hinüber zum Wasser bilden den perfekten Übergang. Hier, auf den Planken zwischen Schilffeldern und tiefem Wald, schließt sich der Kreis – ein Ort, der mit jedem Schritt zeigt, wie eng ein pures Naturerlebnis, Ruhe und die raue Schönheit des Harzes miteinander verwoben sind.

Die Wächter aus Granit und die gebändigte Natur
Am Ende schlägt der Pfad einen sanften Bogen, und das Rascheln des Schilfs weicht wieder dem festen, kühlen Untergrund aus Granit. Der Blick geht direkt zum imposanten Bauwerk der historischen Staumauer, und es fühlt sich an, als würde man am Ende dieser Reise durch die Wildnis wieder in das Bewusstsein der menschlichen Tatkraft zurückkehren. In nicht allzu weiter Ferne, an der Hochwasserentlastung des Dammes, erheben sich zehn historische Obelisken – stoische Wächter aus Granit. Wer sie zum ersten Mal sieht, vermutet dahinter vielleicht eine religiöse Dekoration oder gar einfache Grenzsteine. Aber ihre Geschichte ist eine ganz andere, denn sie erzählen uns von der unerbittlichen Härte des Harzer Winters.
Diese Pfeiler wurden früher als mächtige Eisbrecher mitten im Überlaufbereich verankert. Denn wenn in der kalten Jahreszeit die Eisdecke auf dem Stausee aufbricht, türmen sich gewaltige Schollen auf. Die steinernen Wächter trotzen den heranrollenden Eismassen, zerschneiden die schwere Last und verhindern so, dass dieses historische Freiflut-Bauwerk zerstört oder verstopft wird. Jeder dieser Steine steht dort als Zeugnis für das Verständnis, das die alten Bergleute von den Kräften der Natur besaßen. Hier bändigte menschliches Wissen die Natur.
Ein paar Schritte weiter befindet sich die alte Ablaufschleuse, welche man durch eine Plattform einsehen kann. An manchen Tagen gibt es hier aufgestautes Wasser, welches gut dosiert in den Rehberger Graben geleitet wird – doch in diesen Tagen ist alles trocken. Kein Glucksern von Wasser, das an den Felswänden widerhallt, und dennoch spürt man hier, wie der Mensch seit jeher gegen die ungezähmten Elemente der Natur kämpft. Dies ist der perfekte Abschluss für den Rundgang um den Oderteich. Während man sich auf den vorherigen Kilometern über steinige Pfade, knorrige Wurzeln und durch nasse Moore ganz der Unberechenbarkeit der Natur hingegeben hat, scheint diese hier am Abschluss, an dem massiven Bauwerk des Dammes, für einen kurzen Moment gebändigt. Die gewaltige Granitmauer und ihre eisernen Wächter trotzen seit nunmehr über 300 Jahren den Naturgewalten, zähmen das dunkle Wasser des Harzes und entlassen den Wanderer schließlich mit einem tiefen Gefühl der Ehrfurcht auf seinen Heimweg. Irgendwie verspürt man dort auch den Jahresrhythmus – ein eigentümliches Gefühl des Dazwischenseins, dort am Oderteich, wo das Alte sanft verblasst und das Neue bereits leise keimt.

