Der Untergrundsender im Moldautal – Januar 1935: Wie die Stimme der Schwarzen Front verstummte

Im vorliegenden Falle haben wir es mit einer frühen Spielart asymmetrischer Kriegsführung zu tun: die Ausschaltung eines Untergrundsenders und die geplante Entführung von dessen Betreiber aus dem angrenzenden Ausland. Entführungen missliebiger Personen aus anderen Ländern und ihre Verbringung über die Grenze in das eigene Land praktizierten seit jeher schon immer bedeutende Geheimdienste wie das KGB, die Stasi, sowie die CIA und der Mossad. In der stalinistischen Sowjetunion waren derartige Praktiken, ausgeführt von der GPU in den 20er- und 30er-Jahren, ein Tagesgeschäft. Hier haben wir es nun mit einer verdeckten Operation zu tun, die von Agenten des deutschen Sicherheitsdienstes (SD) im Januar 1935 ausgeführt wurde.

Ein „Piratensender“ aus der Tschechei

Seit dem Ende des Jahres 1934 konnte in den Grenzgebieten von Bayern, Sachsen und Schlesien zur CSR während der Nacht das Programm eines merkwürdigen Radiosenders empfangen werden. Der Sprecher des Senders meldete sich mit Landschaftssender Berlin und gab vor, mitten aus der Reichshauptstadt zu senden. Als Erkennungsmelodie wurde Auf in den Kampf, Torero! aus der Operette Carmen gespielt. Das Programm bestand aus Reden von Otto Strasser, die vorher aufgenommen worden waren und per Schallplatte abgespielt wurden. Dabei waren auch viele Kommentare Strassers über Interna der NSDAP und ihrer Funktionäre, über die dieser durch seine aktive Rolle als ehemaliger Funktionär der Partei während der Kampfzeit bestens Bescheid wusste. Weiterhin wurden im Programm dieses Schwarzsenders zusammengestellte Meldungen des Pressedienstes der Schwarzen Front verlesen, Musik abgespielt, und der Kommentator des Senders hielt dann noch seine eigenen Ansprachen und rief zu Widerstand und Sabotage im Reichsgebiet auf.

Der Sender wurde angepeilt und man stellte fest, dass er auf dem Gebiet der damaligen CSR, im Moldautal bei Slapy stationiert sein musste. Fälschlicherweise wird oft geschrieben, dass der Sender von der Funkabwehr der militärischen Abwehr angepeilt wurde. Dies ist Blödsinn. Die militärische Abwehr war damals, im Jahre 1934 bis hin zum Kriegsausbruch, auf die Jagd nach Kurzwellensendern überhaupt nicht gerüstet und vorbereitet. Erst mit der Jagd auf die Rote Kapelle holte die Abwehr technisch auf. Zudem wurde während des Krieges die von der Wehrmacht neu aufgebaute Funkabwehr direkt vom OKW im Zusammenspiel mit Gestapo und SD betrieben und nicht von der militärischen Abwehr unter Canaris. Vor dem Krieg, bis in die Anfangsphase des Krieges hinein, war die Bekämpfung von Schwarz- und Kurzwellensendern ein Aufgabenbereich der uniformierten Polizei (ab 1936 Ordnungspolizei). Auch wurde angeblich zur genaueren Ortung des Kurzwellensenders, ohne Rücksicht auf die Lufthoheit des Nachbarlandes, nachts ein Flugzeug mit für die damalige Zeit hochmodernen Peil- und Ortungsgeräten über die Grenze in den Luftraum der CSR entsandt.

Der Senderbetreiber stellte seine Sequenz so ein, dass er im Umkreis von 20 Kilometern nicht geortet werden konnte. Zudem lag er auf der Welle des Senders Königswusterhausen, der oft durch den Schwarzsender gestört wurde. Die Reichsregierung war durch das ausgestrahlte Propagandaprogramm der Schwarzen Front sichtlich genervt und man intervenierte bei der Regierung der damaligen CSR. Doch diese kümmerte sich nicht darum und wiegelte ab, dass dies eine deutsche Angelegenheit sei. Es war zudem bekannt, dass Prag ein von der tschechischen Regierung geduldeter Tummelplatz für Exilantengruppen jeder Couleur war. So auch für Otto Strassers Splittergruppe Schwarze Front, die einen Don Quichottischen Windmühlenkampf gegen die nationalsozialistische Regierung führte.

Man hatte nun genug und wollte gegen den Schwarzsender und seinen Betreiber endgültig vorgehen. Die Ortung des Senders wurde immer exakter, zudem bekam man von Spitzeln aus dem Umfeld von Otto Strasser, die für die Gestapo arbeiteten, nicht nur den genauen Standort des Schwarzsenders mitgeteilt, sondern auch den Namen seines Betreibers: Rudolf Formis.

Wer war Rudolf Formis?

Formis war ein Pionier des Rundfunks und später technischer Direktor der damaligen Süddeutschen Rundfunk AG (SÜRAG), ab 1. April 1934 Reichssender Stuttgart. Am 7. März 1933 besetzte er in SA-Uniform mit anderen Nationalsozialisten den Sender und hielt eine flammende Rede im Sinne des neuen Regimes. Seltsamerweise fiel Formis vorher nie damit auf, dass er sich zum Nationalsozialismus bekannt hätte. Es war von ihm wahrscheinlich reiner Opportunismus, um nicht im Zuge der nationalen Revolution seine herausragende Stellung beim Sender zu verlieren. Vielleicht wollte er auch noch etwas anderes mit seinem Auftreten verdecken. Formis hatte nämlich nach Ansicht der damaligen neuen Machthaber einen dürren Ast im Stammbaum, der für seine weitere Karriere im nationalsozialistischen Deutschland nicht von Vorteil gewesen wäre: eine jüdische Großmutter.

Am 15. Februar 1933 geschah das sogenannte Stuttgarter Kabelattentat. Während der Übertragung einer Rede Hitlers, die er anlässlich seines Besuchs in Stuttgart hielt, beschädigten vier kommunistische Arbeiter ein Übertragungskabel. Einige Minuten vor dem Ende der Rede verstummte auf einmal im Radio die Stimme des Reichskanzlers. Erst ein paar Jahre später kam heraus, wer die Saboteure waren. Formis hatte damit nichts zu tun. Jedoch soll er sich später im Strasserkreis in Prag damit gebrüstet haben, er hätte das Kabelattentat selber gefingert.

Wahrscheinlich im Zuge der Ermittlungen – man suchte wegen des Vorfalls zunächst einmal Sündenböcke – und wegen seiner nicht ganz reinen arischen Abstammung floh Formis aus Deutschland und nahm Exil in Prag. Da er trotz allem von der Idee eines Nationalen Sozialismus nicht so ganz lassen konnte, schloss er sich dort Otto Strasser und seiner Schwarzen Front an. Mit seinem enormen technischen Wissen bezüglich der Funktechnik wurde er bald zu einem unentbehrlichen Mitarbeiter der Organisation und bastelte für Strasser einen Kurzwellensender zusammen. Dies war damals das modernste Mittel zur Übertragung von Propaganda. Nachdem Formis erst von zwei Objekten in Prag heraus gesendet hatte, fühlte er sich in der Moldaumetropole nicht mehr sicher und witterte überall Agenten, die ihn angeblich ermorden wollten. Aus diesem Grunde bekam Formis zu seinem Selbstschutz von Otto Strasser persönlich eine Waffe ausgehändigt. Es soll sich hierbei um eine Mauser-Selbstladepistole, Kaliber 7,65 mm, gehandelt haben.

Formis logierte sich deshalb im November 1934 mit seinem Kurzwellensender im Landhotel Zahori in Slapy nad Vitavou, im landschaftlich schönen Moldautal, 30 Kilometer südwestlich von Prag ein. In der Abgeschiedenheit der mittelgebirgigen Gegend fühlte er sich sicher und strahlte ab jetzt von dort die Propagandasendungen der Schwarzen Front über seinen selbstgebastelten Untergrundsender aus.

Von ihm selbst aufgenommenes Porträtbild von Rudolf Formis

Historische Postkarte vom Continental-Hotel in Dresden. Hier machten Naujocks und Kersbach als erstes Station auf ihrer Reise in die CSR. Das Hotel wurde Mitte der 30er-Jahre zu einem Verwaltungsbau umgebaut und diente von 1937-45 als Staatspolizeileitstelle der Gestapo. 1945 zerstört.
Quelle: Sammlung Arndt-H. Marx

Nationalsozialistische Honigfalle

Die Gestapo spielte ehemaligen Kollegen von Formis, mit denen er beim Süddeutschen Rundfunk zusammengearbeitet hatte, einige aufgezeichnete Reden vor, die dieser über seinen Schwarzsender verbreitet hatte. Alle erkannten eindeutig die schwäbelnde Stimme von Rudolf Formis wieder. In Berlin hatte man die Faxen nun endgültig dicke, und von oberster Stelle, wahrscheinlich von Hitler selbst, wurde der Befehl erteilt, den Sender in der Tschechei zu zerstören und Formis auf deutsches Reichsgebiet zu verschleppen.

Diesen Auftrag im Dienst von Staat und Partei erhielt der Sicherheitsdienst der SS unter der Führung von Reinhard Heydrich. Dieser stellte eine Art kleines Sonderkommando aus Männern seines Vertrauens zusammen. Dieses bestand aus Alfred Naujocks vom SD-Oberabschnitt Ost und Werner Göttsch vom SD-Hauptamt München. Naujocks und Göttsch kannten sich bereits aus der gemeinsamen Kampfzeit der NSDAP in Kiel, die sie als junge SS-Männer mitgemacht hatten. Sie waren das, was man heute als „eingespieltes Team“ bezeichnen würde.

Der von Heydrich persönlich erteilte Auftrag an die beiden SD-Männer lautete: Zerstören Sie den Sender und schaffen Sie Formis nach Deutschland! Alfred Naujocks nahm für das kommende Abenteuer noch eine Freundin mit an Bord, eine Berliner Turnlehrerin namens Edith Kersbach. Ihr war wahrscheinlich die Rolle der Honigfalle und des Lockvogels zugedacht. Getarnt waren die beiden als Paar, das im Moldautal einen Skiurlaub verbringen wollte. Auf dem Dach des Wagens waren zwei Paar Skier befestigt. Naujocks fuhr zusammen mit ihr in einem dunklen Mercedes mit Kieler Kfz-Kennzeichen in Richtung tschechische Grenze. Zuerst machte das Agentenpaar im Dresdner Hotel Continental Station. Dann ging es weiter über die damalige Reichsstraße 177 von Pirna nach Decin (Tetschen). Am Grenzübergang Schneeberg passierten sie die Grenze und reisten am 13. Januar 1935 in die damalige CSR ein. Edith Kersbach reiste unter ihrem richtigen Namen, Alfred Naujocks unter dem Decknamen Hans Müller. Von der Grenze aus fuhren die beiden erst einmal nach Prag und logierten im Hotel Astoria. Am nächsten Tag ging die Fahrt weiter nach Stechovice. Dort übernachtete das Paar im Hotel U Parolodi. Von dort aus planten sie ihre Weiterfahrt ins Hotel Zahori bei Slapy.

Im Landhotel angekommen, machten sie im Speisesaal bald die Bekanntschaft mit Formis, der dem jungen Paar aus Deutschland erzählte, dass er aus gesundheitlichen Gründen im Zahori wohne, um hier in der schönen landschaftlichen Umgebung Ruhe zu finden und auszuspannen. Formis fand schnell Zutrauen zu den beiden vermeintlichen Skitouristen, und Edith Kersbach schien ihn bereits am ersten Abend anzumachen. Während Edith Kersbach im Speisesaal mit Formis turtelte, klärte Naujocks auf, in welchem Zimmer Formis wohnte und nahm vom Schlüssel zu Zimmer Nr. 6 einen Wachsabdruck. Naujocks und Kersbach wohnten im Zimmer Nr. 4.

Am nächsten Tag verabschiedeten sich Naujocks und Kersbach von Formis. Edith Kersbach versprach dem bereits heiß gelaufenen Formis, dass sie am Samstag wieder zurück sein würden. Das SD-Gespann fuhr daraufhin zurück nach Prag. Während Edith Kersbach im Prager Hotel verblieb, flog Alfred Naujocks am 17. Januar vom Prager Flugplatz mit einer Maschine der Lufthansa nach Berlin. Dort machte er bei Heydrich und Franz Josef Huber – letzterer war unter anderem zuständig für die Bekämpfung der Schwarzen Front – Meldung und berichtete ausführlich über die bisherigen Aufklärungsergebnisse. Am nächsten Tag, dem 18. Januar 1935, flog er zurück nach Prag. Am 20. Januar traf dann auch Werner Göttsch unter dem Decknamen Gert Schubert im Prager Hotel Astoria ein. Göttsch brachte auch ein Duplikat des Zimmerschlüssels von Rudolf Formis mit, von dem Naujocks im Zahori einen Wachsabdruck angefertigt hatte. Göttsch fiel im Prager Hotel gleich auf, weil er immer stramm mit „Heil Hitler“ grüßte.

Die Gegend von Slapy auf einer Postkarte aus den 30er-Jahren
Quelle: Sammlung Arndt-H. Marx

Hotel Zahori im Jahre 1935, historische Postkarte
Quelle: Netzfund

Das tragische Ende eines Entführungsversuchs

Das Trio fuhr dann erst einmal zurück nach Stechovice und nahm dort abermals Quartier im Hotel U Parolodi, das so etwas wie die Ausgangsbasis für das geplante Kidnapping-Unternehmen werden sollte. Von dort aus unternahmen sie Ausfahrten und erkundeten die Gegend. Am 23. Januar 1935 fuhr das Trio abermals nach Slapy. Da man nicht direkt beim Hotel Zahori vorfahren konnte, sondern ca. 450 Meter unterhalb des Lokals parken musste, ging man zu Fuß zum Hotel. Unterhalb des Landhotels befand sich am Anfang des Weges, der zum Hotel führte, ein geschlossener Imbisskiosk. Naujocks und Kersbach gingen zu Fuß zum Hotel und trafen dort gegen 16.00 Uhr ein. Göttsch verblieb vorerst beim Wagen.

Im Speisesaal traf man wieder auf Formis, der über die Rückkehr der beiden, besonders von Edith Kersbach, hoch erfreut war. Am Abend herrschte im Speisesaal eine gesellige Stimmung, man trank und tanzte zu Grammophonmusik. Irgendwann zog sich Naujocks nach oben in sein Zimmer zurück; er gab an, ihm wäre schlecht. Jedoch scheint er dabei Hilfe geleistet zu haben, den wartenden Göttsch ins Hotel einzuschleusen. Am nächsten Tag sollte nämlich von der Mordkommission vor einem Fenster eine angelehnte Leiter an der Hauswand vorgefunden werden. Laut der Aussage des Kellners Johann Flieger ging um 22.00 Uhr Rudolf Formis in Begleitung von Edith Kersbach auf sein Zimmer. Die Kersbach scheint Formis schon schön eingewickelt zu haben, und in Erwartung eines Abenteuers hing diesem wahrscheinlich bereits das Hirn in der Hose. Was dann alles ablief, konnte nie ganz eindeutig geklärt werden.

Gegen 22.15 Uhr hörte der Kellner Flieger im ersten Stock die Detonation von Schüssen sowie den Schrei einer Frau. Er rannte in den 1. Stock und wurde von einem unbekannten Mann mit einem Browning bedroht. Dies musste der sich ins Hotel eingeschlichene Göttsch gewesen sein. Ob er wirklich einen Browning benutzte, sei dahingestellt. „Browning“ war in der Zeit nach dem Ende des Ersten Weltkrieges bis hin zum Zweiten Weltkrieg ein im allgemeinen Sprachgebrauch benutzter Begriff für automatische Pistolen jeglicher Art, vor allem in Presseberichten und Kriminalromanen.

Flieger berichtete später der Mordkommission, dass die Leiche eines Mannes von Zimmer Nr. 4 (in dem logierten Naujocks und Kersbach) in das Zimmer Nr. 6 getragen wurde. Dort wurde er neben das Bett gelegt. Der Mann, der sich als Müller ausgab (Naujocks), warf dann einen Behälter mit einer Säure in das Zimmer. Es stellte sich heraus, dass Naujocks hier den Säurebehälter auf das Gerät warf, das im Zimmer von Formis stand. Er wollte mit dieser Aktion den angeblichen Kurzwellensender zerstören. Wie sich später herausstellte, befand sich im Zimmer von Formis jedoch nur ein Empfangsgerät. Das eigentliche Sendegerät war einen Stock höher untergebracht, in einem Mansardenzimmer mit der Nummer 17, versteckt in einer Bettmatratze. Dieses Zimmer unter dem Dach diente auch als das eigentliche improvisierte Sendestudio. Dieser Umstand wurde von dem SD-Kommando nicht entdeckt.

Das Grab von Rudolf „Rolf“ Formis auf dem Friedhof von Slapy im Juni 2015
© Arndt-H. Marx, Hanau

Was geschah wirklich in Zimmer Nr. 4?

Wie es zur Schießerei und dem Tod von Formis kam, ist bis heute ungeklärt. Der Funkprofi sollte letztlich nur gekidnapped, aber nicht getötet werden. Es wird oft behauptet, dass Naujocks und Göttsch mit dem nachgemachten Dietrich die Tür zum Zimmer von Formis öffnen wollten, dieser jedoch nicht funktionierte. Eine andere Version lautet, von innen hätte ein Schlüssel gesteckt, sodass man sie von außen nicht hätte öffnen können. Zudem hätte man nicht damit gerechnet, dass Formis bereits wieder in seinem Zimmer saß, damit durch den missglückten Einbruchsversuch gewarnt wurde und er daraufhin seine eigene Waffe zog.

Der Zeuge Flieger sagte jedoch aus, dass man die Leiche von Zimmer Nr. 4 in Zimmer Nr. 6 geschleppt hätte. Das heißt also, Formis muss mit Edith Kersbach in das von Naujocks und ihr angemietete Zimmer gegangen sein. Wenn dies stimmt, hoffte er wohl auf ein Schäferstündchen – und Naujocks und Göttsch lagen schon im Zimmer mit dem bereitgehaltenem Chloroform auf der Lauer, um Formis zu überwältigen und zu betäuben. Oder, was auch sein könnte: Edith Kersbach ließ die beiden hinein. Auf jeden Fall war Formis bewaffnet, wahrscheinlich hatte er auch zuerst geschossen. Es musste dann zu einem verzweifelten Ringkampf gekommen sein, bei dem sich Schüsse lösten. Zum Schluss blieb Formis tot auf der Strecke, und Naujocks wurde von Schüssen aus dessen Waffe an Hand, Fuß und Oberschenkel verletzt.

Wer Formis letztlich die zwei tödlichen Schüsse in dem Durcheinander und Gerangel verpasste, ob Naujocks oder Göttsch, wird nie mehr geklärt werden können. Die Gerichtsmedizin stellte im späteren Obduktionsbefund fest, dass eine Kugel über das linke Auge in die Stirn eintrat, das Kleinhirn durchschlug und am rechten Teil des Hinterkopfes wieder austrat. Die zweite Kugel durchdrang den Brustkorb, führte beim Herzen vorbei und durchschlug die Leber. Der Ausschuss befand sich unter dem rechten Schulterblatt. Außerdem wurde die Spaltung des Schädelknochens festgestellt, die von einem dumpfen Gegenstand herrührte. Der Kopfschuss wurde als tödlich angesehen. Die Leiche wies auch Verbrennungen zweiten und dritten Grades auf. Diese rührten von der in Flammen aufgegangenen Säure her, die Naujocks zur Vernichtung des Senders per Behälter auf das Gerät geworfen hatte. Die Leiche von Formis wurde dabei in Mitleidenschaft gezogen.

Flucht ins Reichsgebiet

Aus Zimmer Nr. 4 seilte sich das Trio mit einem Strick aus dem ersten Stock ab und rannte zum Mercedes. Unterwegs wurde Edith Kersbach am Prager Hauptbahnhof, damals Wilson-Bahnhof, abgesetzt. Von hier aus fuhr sie mit einem Nachtschnellzug über die Grenze nach Berlin zurück. Naujocks und Göttsch fuhren zum Zollamt Schneeberg. Dort stellten sie fest, dass die Grenzsperre bereits unten war. So konnten sie mit dem Wagen die Grenze nicht passieren und ließen den Mercedes auf tschechischem Gebiet stehen. Danach passierten sie unbehelligt zu Fuß die Grenze. Am nächsten Morgen trat der Oberaufseher der tschechischen Finanzwache namens Zap um 3.30 Uhr seinen Dienst im Zollamt Schneeberg an. Dabei fiel ihm der Mercedes mit dem deutschen Kfz-Kennzeichen auf. Auf dem Dach befanden sich zwei Paar Skier, im Wagen lediglich ein Koffer. Um 5.30 Uhr kam ein dem Zollbeamten flüchtig bekannter Mann aus dem sächsischen Grenzort Rosenthal zu ihm ans Zollhaus und legte ihm die Legitimation eines Herrn Müller vor, dem der abgestellte Wagen gehörte. Der Zollbeamte sollte das Fahrzeug freigeben, der Überbringer der Vollmacht wollte den Mercedes rüber nach Sachsen fahren. Oberaufseher Zap hatte an der Vollmacht nichts zu beanstanden und gab den Wagen frei. Dieser passierte daraufhin mit dem Abholer am Steuer den Schlagbaum. – Die tschechische Mordkommission wird später geflucht haben…

Bis zu diesem Zeitpunkt war die Fahndung wahrscheinlich noch nicht ausgelöst. Es hätte auch nichts genutzt. Denn das Zollamt in Schneeberg verfügte zu dieser Zeit noch über keinen Telefonanschluss. Ebenso hatte auch das Landhotel Zahori keinen Telefonapparat. Der 33-jährige Kellner Flieger verbrachte erstmal neun Stunden eingeschlossen in seinem Zimmer, bevor er Hilfe holte; aus Angst, der geheimnisvolle Mann mit dem Browning wolle auch ihn über den Haufen knallen. Das brachte ihm vorerst eine Verhaftung und ein Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung ein. Nun war es die tschechische Regierung, die wiederum bei der Reichsregierung Protest gegen den „Fememord“ an der Moldau einlegte. Man verlangte die Auslieferung der drei „Fememörder“ an die CSR. Die tschechische Regierung veröffentlichte einen Steckbrief und schaltete auch die Internationale Fahndungsstelle in Wien ein. Hierbei handelte es sich um die Internationale Kriminalpolizeiliche Kommission (IKPK), Vorläufer der Interpol.

Knapp vier Jahre nach der missglückten Entführung von Formis in Slapy wurde im März 1939, nach dem Anschluss des Sudetenlandes und der anschließenden sogenannten „Zerschlagung der Rest-Tschechei“, das Reichsprotektorat Böhmen und Mähren gebildet. SD-Chef Reinhard Heydrich, der Naujocks und Göttsch den Auftrag erteilt hatte, jenseits der Grenze in der CSR den Untergrundsender der Schwarzen Front im Hotel Zahori zum Verstummen zu bringen, hätte am Anfang des Jahres 1935 nicht im Traum daran gedacht, dass er sechs Jahre später, am 27. September 1941, zum Stellvertretenden Reichsprotektor in Böhmen und Mähren ernannt werden würde. Und er hätte auch bestimmt wiederum nicht gedacht, dass er acht Monate später, am 27. Mai 1942, in der Goldenen Stadt an der Moldau einem Attentat zum Opfer fallen wird.

Der Verfasser mit Erna (R.I.P.) auf dem Staudamm von Slapy im Juni 2015
© Arndt-H. Marx, Hanau

Epilog

Bei der Rekonstruktion des Falles habe ich mich hauptsächlich aus den Berichten der damaligen österreichischen Tagespresse bedient, die wiederum die Informationen von den tschechischen Nachrichtenbüros übernommen hatte. Mir fiel auf, dass in der Berichterstattung immer von „Fememord“ und „Fememördern“ geredet wird, während man die Person Rudolf Formis als „Dissident“ bezeichnete. Man sieht, Regierung und Presse des Ständestaates waren, ein halbes Jahr nach dem Tod von Engelbert Dollfuß, auf Aktionen aus dem Altreich, die eine blutige Spur hinterließen, nicht gut zu sprechen. Die Netzseite ANNO der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) ist hier eine riesige Fundgrube. Besonders interessant zur Rekonstruktion des Falles wäre die Berichterstattung aus dem deutschsprachigen Prager Tagblatt gewesen. Aber ausgerechnet der Jahrgang 1935 dieser Zeitung ist noch nicht digitalisiert.

In den 1960er-Jahren wurde gegen Alfred Naujocks und Werner Göttsch noch einmal ein Ermittlungsverfahren von der Hamburger Staatsanwaltschaft eingeleitet. Naujocks verstarb während dieser Zeit, gegen Göttsch wurde später das Verfahren eingestellt. Das Grab von Rudolf Formis befindet sich noch heute auf dem Friedhof von Slapy und wird von tschechischen Amateurfunkern gepflegt. Der von Formis zusammengebaute Kurzwellensender hat die Zeiten überlebt und befindet sich heute noch im Nationalen Technikmuseum in Prag.

Als ich die Gegend um Slapy im Juni des Jahres 2015 besuchte, kam ich mir vor, als wäre ich im heimischen mainfränkischen Spessart, in der Gegend in und um Miltenberg. Anstatt des Mains fließt neben der Autostraße die Moldau. Die mittelgebirgige Landschaft ist dem Spessart äußerst ähnlich. An den Hängen rechts von der Straße sind Netze gegen Steinschlag gespannt, wie bei Miltenberg. Und auch hier wie dort findet man überall Camping- und Zeltplätze sowie Ausflugslokale.

Das Hotel Zahori existiert heute leider nicht mehr. In den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts wurde im Moldautal bei Slapy ein großer Stausee angelegt. Dabei wurde unter anderem das Zahori unter Wasser gesetzt. Die Reste des einstigen Landhotels befinden sich heute ca. 50 Meter unterhalb des Wasserspiegels. Ab und zu werden die Überreste von Tauchern besucht. Unterwasseraufnahmen davon findet man auf YouTube. Nur eine Schautafel erinnert heute noch an die Stelle, an der es einstmals stand. Schade, hätte es das Zahori im Juni 2015 noch gegeben, hätte ich zu gerne mit meiner weiblichen Begleitung darin logiert.

Erstveröffentlichung in Nationaler Sozialismus Heute #54

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