
Früher, abseits der Wege, gab es viele Orte, die sich dem heutigen, massiven Tourismus entzogen. Sie erschlossen sich oft nur den Einheimischen – jenen, die die geheimen Pfade durch das Unterholz kannten und genau wussten, hinter welcher Biegung der Farn am dichtesten wächst. Heute, wo die Welt digitaler und damit auch irgendwie kleiner geworden ist, findet man auch an diesen verborgenen Juwelen nur noch selten die gewünschte Einsamkeit. Dennoch, an ihrer mystischen Anziehungskraft und ihrer rauen, geschichtsträchtigen Schönheit haben diese Orte bis heute nichts verloren. Ein solches Zeugnis vergangener Tage thront über dem beschaulichen Stecklenberg im Harz. Tief eingebettet im malerischen Landschaftstreifen um Thale, zeigt sich für den genauen Beobachter die Lauenburg. Wer sich auf den Weg zu dieser Doppelburganlage macht, begibt sich nicht nur auf eine Wanderung durch dichte Buchenwälder, er begibt sich auf eine Zeitreise in das weit entfernte Hochmittelalter, als Kaiser und Gegenkönige die Harzregion wie ein strategisches Schachbrett nutzten. Um dieses steinerne Erbe zu erreichen, bieten sich dem Reisenden verschiedene Wege an, die jeweils einen ganz eigenen Blick auf die Landschaft und die Annäherung an die Lauenburg erlauben.
Der klassische Zugang führt direkt aus der Ortsmitte von Stecklenberg hinaus in die Natur. Hier beginnt die Reise in einer fast familiären Atmosphäre. Der Weg leitet einen zunächst über einen großen, liebevoll gestalteten Kinderspielplatz. Es ist ein wirkungsvoller Kontrast: Während im Vordergrund das Lachen der Kinder und die moderne Freizeitgestaltung stehen, ragen im Hintergrund bereits die bewaldeten Hänge auf, die die Geheimnisse der Vergangenheit verbergen. Man spürt direkt den Unterschied zwischen der lauten Moderne, der man eigentlich entkommen möchte, und der vermeintlichen Ruhe, welche zum Wandern einladen sollte. An manchen Tagen ist diese Sicht auf die Dinge nur eine Wunschvorstellung – an anderen, wenn das Tourismusspektakel fehlt, erfüllen sich aber alle Hoffnungen in diese Einladung. Der Aufstieg ist stetig und führt den Wanderer sanft aus dem dörflichen Treiben hinauf in die Stille des Waldes, wobei man das Gefühl hat, die Zivilisation Schritt für Schritt hinter sich zu lassen. Das Blätterdach scheint Stück für Stück die Geräusche des Ortes und der zurückgelassenen Menschenmenge zu verschlucken. Allein dieser Moment birgt die gewünschte Erfüllung in sich.


Für diejenigen, die die Einsamkeit des Waldes von der ersten Sekunde an suchen, empfiehlt sich hingegen der Start vom offiziellen Wanderparkplatz. Dieser befindet sich am äußersten Ende des Dorfes, dort, wo der Asphalt endet und die raue Natur des Harzes ihren Platz einnimmt. Von hier aus taucht man unmittelbar in das tiefe Grün ein. Die Wege sind hier oft etwas schmaler und ursprünglicher. Man spürt die kühle Waldluft und hört das Knacken der Äste, während man sich auf historischen Pfaden, ununterbrochen bergauf der Burganlage nähert. Dieser Weg betont den Charakter der Lauenburg als wehrhaftes Bollwerk, da man die Steigung und die strategische Lage der Anlage im Gelände intensiv wahrnimmt. Eine ganz andere Perspektive eröffnet sich wiederum, wenn man sich der Ruine von der Landstraße nähert, die Bad Suderode mit Friedrichsbrunn verbindet. Man parkt das Fahrzeug am Waldrand und wandert von der Höhe hinunter zur Burg. Dieser Zugang hat etwas Erhabenes, da man nicht mühsam emporsteigt, sondern sich der Anlage fast auf Augenhöhe nähert. Man durchquert dichte Forstabschnitte und erreicht die Lauenburg aus einer Richtung, aus der einst Boten oder Versorgungstrupps gekommen sein könnten, die nicht aus dem Tal, sondern aus dem Hinterland der Berge eintrafen.
Oben angekommen, am höchsten Punkt des Burgberges, stehen die Überreste der Großen Lauenburg. Sie wurde vermutlich unter Kaiser Lothar III. von Süpplingenburg im 12. Jahrhundert errichtet. Wer heute vor dem massiven Bergfried steht, findet erneut das Zusammenspiel von Moderne und Vergangenheit. Das Metall der Aussichtsplattform glänzt dem Besucher als Erstes entgegen – ein „Hallo“ der Neuzeit, welches eingebettet ist in rustikalen Mauern. Mauern, die gewaltig sind, aus regionalem Rogenstein und Kalkstein bestehen und auch heute noch Bestand haben. Irgendwie wirkt dieser restaurierte Bergfried durch dieses Zusammenspiel sehr markant. Es scheint, als wäre er ein drohender Finger, der Richtung Himmel weist. Von hier oben hat man einen Blick, der einem kurz den Atem raubt. Das Harzvorland breitet sich wie ein bunter Flickenteppich aus. Links blickt man auf die Städte Thale und Neinstedt, und in der Mitte vollzieht sich Richtung Osten der Blick über Quedlinburgs Türme bis weit hin zu den Windrädern – wie ich diese Dinger im Sichtfeld verteufle! – zwischen Hoym und Aschersleben. Und doch wird einem klar, warum man diesen Ort früher gewählt hatte, um sich hier niederzulassen. Wer die Lauenburg als Ort der Zuflucht nutzte, kontrollierte die Zugänge zum Harz und hatte vollen Einblick auf die wichtigsten Handelswege der Region.
Das Besondere an der Lauenburg ist aber ihre Zweiteilung. Man unterscheidet zwischen der Großen Lauenburg (der Hauptburg) und der Kleinen Lauenburg (der Vorburg). Etwa 200 Meter südwestlich und etwas tiefer gelegen findet man die Kleine Lauenburg. Sie liegt abseits des Weges, wirkt intimer, fast ein wenig melancholisch. Oft wird sie als Vorburg bezeichnet, doch archäologische Funde deuten darauf hin, dass sie zeitweise eine eigenständige Funktion hatte. Heute sind hier vor allem Grundmauern und Gräben zu sehen. Zwischen den Steinen haben sich Moose und Farne angesiedelt, kleine Eidechsen huschen über das Gestein und Bäume bahnen sich ihren Weg. Ein Baum ragt über alles hinfort, selbst aus dem festen Gebälk des Mauersteins. Der „Wünsche-“ oder „Pärchenbaum“, so wird er hier genannt. Er wurde zum beliebten Tourismusmagneten für Paare. Schnell mal in den Wald, ein Selfie oder ein Foto unter dem Baum und zwischen dem Gemäuer und wieder fort – so habe ich es schon oft erlebt. Dem Sinn für die Ruhe, der Kraft der Natur oder der Geschichte der Steine folgen hier nur noch wenige. Dieser Anblick der Fotosüchtigen ist dort leider zur Tagesordnung geworden, und irgendwie schmerzt es tief in mir, wenn ich sehe, wie Respekt und Demut für die Schönheit und die Geschichte fehlen, die einen gerade umgeben. Denn hier wäre der perfekte Ort, um endlich einmal innezuhalten.


Die Chronik der Lauenburg liest sich wie das Drehbuch für ein geschichtliches Filmepos. Ursprünglich als Reichsburg konzipiert, diente sie dem Schutz des nahegelegenen Stifts Quedlinburg. Doch die Ruhe währte nie lange. Im 12. Jahrhundert war die Burg Schauplatz erbitterter Kämpfe zwischen den Staufern und den Welfen, und so wechselten in den folgenden Jahrhunderten häufig die Besitzer. Die Grafen von Regenstein hinterließen ebenso ihre Spuren wie die Bischöfe von Halberstadt. Mit dem Aufkommen von Feuerwaffen verlor die Burg wohl zunehmend an militärischer Bedeutung. Was in der Vorstellung uneinnehmbar schien, wurde mit der Zeit zum Steinbruch für die umliegenden Dörfer; viele Häuser in Stecklenberg tragen Steine in sich, die einst Teil der stolzen Ritterburg waren. Trotz all der Zerstörung, die dieser Ort in sich trägt, hat er für mich keinen Reiz verloren. Ich liebe sein Bekenntnis zur Vergänglichkeit. Geburt, Sein, Werden, Vergehen – das ist hier keine metaphysische Erkenntnis; die Lauenburg liefert dafür reale Beweisstücke, Stein um Stein.
Die Lauenburg ist zudem ein Teil des Harzer Wandernadel-Systems. Das bringt noch mehr Besucher hierher, doch der weitläufige Charakter der Anlage sorgt dafür, dass sich der Strom der Touristen manchmal verläuft. Man kann noch immer eine Nische finden, in der man ganz allein mit seinen Gedanken und der Geschichte sein kann. Ein Besuch der Lauenburg lässt sich ideal mit anderen Höhepunkten der Region verbinden. Direkt unterhalb der Ruinen sprudeln die Quellen von Stecklenberg. Das Wasser ist glasklar und eiskalt – eine willkommene Erfrischung nach dem Aufstieg. Zudem finden sich in unmittelbarer Nähe die Überreste der Stecklenburg, einer weiteren kleinen Burgruine, die oft im Schatten der großen Nachbarin steht, aber einen ganz eigenen, verwunschenen Charme besitzt. Der „Calciumquelle“-Wanderweg führt direkt an diesen historischen Stätten vorbei und bietet botanische Besonderheiten wie seltene Orchideenarten, die auf den hiesigen kalkhaltigen Böden gedeihen.
Am Ende können wir festhalten: Stecklenberg und die Lauenburg sind schon lange kein Ort mehr abseits des Spektakels, aber es ist ein Ort, der kleine Schätze mit sich bringt und an manchen Tagen auch die Ruhe bietet, die wir suchen. Die Schönheit dieser Anlage liegt verborgen in ihren Details: in der Art, wie das Abendlicht durch die Wälder fällt, in der Standhaftigkeit des Bergfrieds mit seinem wunderschönen Ausblick über das Harzvorland und in der Geschichte, welche wir Stein für Stein erfahren. Auch wenn die Welt kleiner geworden ist und GPS-Tracks uns heute zielsicher zu jedem vergessenen Turm führen, bleibt die Lauenburg ein Zufluchtsort. Wer bereit ist, die ausgetretenen Pfade der großen Touristenmagnete für ein paar Stunden zu verlassen, wird mit einer Atmosphäre belohnt, die man so schnell nicht vergisst. Vielleicht ist es ein Wagnis, diese Zeilen zu schreiben, denn sie könnten noch mehr Menschen anlocken, die nur das schnelle Bild suchen. Doch ich schreibe sie in der Hoffnung, dass sie genau jene erreichen, die den Sinn für die Stille noch nicht verloren haben. Denn die Lauenburg verdient Besucher, die den Stein nicht nur als Kulisse, sondern als Zeitzeugen begreifen. Vielleicht erhält die Lauenburg neue Besucher – Besucher, die in ihr denselben Wert sehen, den ich entdeckt habe. Dann ist dieser Schriftsatz jede Zeile wert.