Die Nationalmannschaft und der Nationalismus: Das Tabu in der Fankurve – „Ich bin Nationalist!“

Die Handball-EM ist vorbei – Deutschland hat den zweiten Platz geholt. Sportlich betrachtet ist das ein starkes Ergebnis. Für mich persönlich aber ist Deutschland ohnehin auf Platz 1 – nicht nur auf dem Spielfeld, sondern in meinem Herzen. Genau hier möchte ich ansetzen und den Bogen zu einem grundlegenden Thema spannen: dem Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus. Wie falsch liegen doch all die Menschen, die ein Spiel ihrer Nationalmannschaft verfolgen, ihr die Daumen drücken und behaupten: „Ich bin Patriot, natürlich drücke ich unserer Mannschaft die Daumen.“ – „Ähm, falsch, mein Lieber, das ist Nationalismus, und es steckt schon im Namen ‚Nationalmannschaft‘ – du verwechselst da etwas.“ Und so beginnen sie oft, diese unnützen Gesprächsrunden über Patriotismus und Nationalismus, bei denen das eine als „gut“ gilt und das andere als „böse“. Heute möchte ich mit diesem Irrglauben aufräumen.

Die Frage der Zugehörigkeit setzt sich aus vielen Mosaiksteinen zusammen, die ineinandergreifen und am Ende ein Bild ergeben, das wir als nationale Identität anerkennen. Abgesehen von der Genetik, unseren Vererbungsmerkmalen und unserer kulturellen Prägung – also Geschichte, Sprache und Traditionen – gibt es räumliche Bedingungen: regionale und lokale Räume, die wir als Heimat bezeichnen, sowie das staatliche Konstrukt, das all diese Räume umfasst und uns als Vaterland beziehungsweise Nationalstaat einhegt. In diesem Mosaik der nationalen Zugehörigkeit finden wir die Antworten auf die Begriffe Patriotismus und Nationalismus.

Eines vorweg: Patriotismus und Nationalismus sind Teile unserer nationalen Selbstwahrnehmung. Beide entstehen aus Gefühlen, die wir aus bestimmten Regionen und Räumen beziehen. Ihr Ursprung ist daher identisch. Am Ende trennt sie nicht die Entstehung, sondern das Ergebnis. Während Patriotismus in Heimatverbundenheit mündet, überschreitet der Nationalismus diese – ursprünglich patriotischen – Grenzen und formt ein übergeordnetes Nationalgefühl. Und dennoch tragen beide Selbstwahrnehmungen, trotz ihrer gemeinsamen Wurzeln, gegensätzliche Entwicklungen in sich. Gerade dort, wo regionale Ansprüche auf nationale Interessen treffen, können sich Patriotismus und Nationalismus als Gegenspieler gegenüberstehen.

Die Geschichte Europas ist geprägt von diesem Zwiespalt. Sie greift auf regionale Identitäten zurück und führte dennoch zur Nationalstaatlichkeit. Ein Blick auf die Geschichte Deutschlands verdeutlicht dies. Freie Städte und Fürstentümer pflegten ihre eigenen kulturellen Gepflogenheiten; Loyalitäten und Bedürfnisse galten keinem Staat, sondern waren auf den jeweiligen Raum beschränkt. Das war reiner Patriotismus – begrenzt, lokal verankert und mit den Räumen wachsend, in denen man lebte. Erst mit dem Jahr 1871 und der Reichsgründung erfolgte eine Weiterentwicklung der nationalen Selbstwahrnehmung. Aus einer regionalen Perspektive wurde eine, die über die eigenen Grenzen hinausging – eine nationale. Der regionale Patriotismus wuchs über sich hinaus und wurde zum überregionalen Nationalismus.

Diese Entwicklung lässt sich auch in anderen Ländern beobachten. Italien etwa bestand aus Stadtstaaten wie Florenz, der Republik Genua oder dem Königreich Sardinien-Piemont. Erst das „Risorgimento“ führte zu einer nationalen Einigungsbewegung. Ähnlich verliefen die Entwicklungen im 19. Jahrhundert in Frankreich, wo die Bretagne, Okzitanien und Korsika in einen gemeinsamen Nationalstaat übergingen. In Spanien prägen das Baskenland, Katalonien und Galicien bis heute das Verständnis des modernen Nationalstaates – und zeigen zugleich jene Spannungen, die aus lokalem Patriotismus und dem Streben nach Selbstbestimmung entstehen. Auch in anderen europäischen Ländern spielt diese Wechselwirkung eine zentrale Rolle: In Belgien existieren flämische und wallonische Identitäten nebeneinander, und in Großbritannien bringt der wiederkehrende Konflikt um Schottlands Unabhängigkeit stets die Frage nach nationalem Zusammenhalt auf. Diese Beispiele machen deutlich, dass ein patriotischer Blickwinkel nicht zwangsläufig ein nationaler ist. Die Behauptung „Ich bin Patriot und deshalb stehe ich zu meinem Land“ ist daher falsch. Nur wer die Differenz zwischen Regionalität und Nationalität ausklammert oder überwunden hat, kann von sich sagen: „Ich bin Nationalist und deshalb stehe ich zu meinem Land.“ Das wäre die einzig richtige Schlussfolgerung.

Ein moderner Nationalstaat muss nicht als Gegner regionaler Vielfalt verstanden werden, sondern kann ihr Garant sein. Subventionen für die Landwirtschaft in Bayern, die Unterstützung von Regionalsprachen in Katalonien, Investitionen in die Infrastruktur der Bretagne oder die Förderung traditioneller Handwerke im Baskenland zeigen, wie staatliche Ordnung regionale Stärke bewahren kann. Ostmitteleuropäische Länder wie Polen oder Ungarn stützen sich auf einen ausgeprägten Nationalismus, um ihre nationale Souveränität zu verteidigen. Der Nationalismus fungiert dabei als Ordnungsprinzip eines homogenen Gesamtgefüges, das seine regionalen Mosaiksteine nicht verdrängt, sondern integriert und widerspiegelt. Der Mensch lebt nicht im luftleeren Raum. Er ist eingebettet in Netzwerke von Beziehungen, Traditionen und Symbolen. Heimat und regionale Räume sind mehr als geographische Orte – sie sind Räume, in denen Geborgenheit, Vertrauen und Sinnstiftung wachsen. Doch diese Räume benötigen Schutz und Ordnung. Patriotismus entspringt dem Bedürfnis nach Verankerung und Orientierung. Nationalismus hingegen kanalisiert das Streben nach kollektiver Selbstbehauptung und schafft Ordnung in einem Flickenteppich, der sich selbst als Patriotismus versteht. Der Patriotismus und der Nationalismus dürfen daher nicht als Gegensätze betrachtet werden. Sie ergänzen sich in einer produktiven Symbiose. In einer globalisierten Welt würde der Patriotismus alleinstehen – seine regionale Begrenzung wäre zugleich seine Schwäche. Die regionale Identität gibt Halt, das nationale Bewusstsein verbindet. Nationalismus ist der einzige Weg, dem Patriotismus eine internationale Stimme zu verleihen. Er entstand aus der Notwendigkeit, als einendes Band die Interessen aller Regionen zu vertreten und zu schützen.

Kehren wir zum Schluss noch einmal zum Handball zurück. Hier wird der Unterschied zwischen patriotischer und nationaler Perspektive besonders greifbar. Ein Verein wie der TBV Lemgo, der SC Magdeburg oder die Füchse Berlin hätte aus rein patriotischer Sicht – also aus der engen Bindung an den eigenen regionalen Raum – kaum das Finale dieser Europameisterschaft erreicht. Diese Vereine repräsentieren einzelne Heimaträume, lokale Identitäten und regional gewachsene Gemeinschaften. Die deutsche Nationalmannschaft hingegen steht für etwas Größeres. Sie ist das Ergebnis eines überregionalen Zusammenspiels, eines nationalen Mosaiks, das sich aus vielen patriotischen Räumen zusammensetzt. Erst diese nationale Vernetzung – also das, was wir als Nationalismus im eigentlichen, unverzerrten Sinne verstehen sollten – macht eine solche kollektive Leistung möglich. Und genau darin liegt die Essenz: Der Patriot schöpft aus seiner Heimat. Der Nationalist verbindet Heimaten zu einer gemeinsamen Idee. Die Nationalmannschaft kann nur existieren, weil sie einem nationalen Identitätsbewusstsein unterliegt, das sich über regionale Grenzen hinaus versteht und alle zur Nationalmannschaft zusammenführt – selbst der Zuschauer wird eingebunden. Beim nächsten großen Sportturnier, egal ob Fußball, Handball oder Volleyball, sollten wir alle, folgende Worte nutzen: „Ich bin Nationalist, ich bin für unsere Mannschaft.“

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