Hamburger Seemann mit Berliner Schnauze – Vor 65 Jahren starb Hans Albers

Industrialisierung, Urbanisierung und Modernisierung treffen auf Armut, Entwurzelung und Luftverpestung in den deutschen Großstädten, als Hans Philipp August Albers am 22. September 1891 im zentralen Hamburger Stadtteil St. Georg als jüngstes von sechs Kindern eines Schlachtermeisters das Licht der Welt erblickt. Schon als Kind legt der junge Hans ein eher flegelhaftes Benehmen an den Tag: Als Quartaner fliegt er nach einem tätlichen Konflikt mit einem Lehrer von der Uhlenhorster Oberrealschule. Gleiches widerfährt ihm kurze Zeit später in der St. Georgs-Realschule. Nachdem ihm doch noch der Schulabschluss gelungen ist, beginnt Albers in Hamburg eine Kaufmannslehre bei einer Farb- und Chemikalienhandlung, die er jedoch vorzeitig beendet.

Der junge Mann hat nämlich andere Pläne: Im Alter von 20 Jahren entdeckt er seine Liebe zum Theater, erste Schauspielversuche zeitigen jedoch einen mäßigen Erfolg. Es verschlägt ihn nach Frankfurt, wo er in einer Seidenfirma arbeitet und nebenbei privaten Schauspielunterricht erhält. In der Mainmetropole trifft er auf den Theaterdirektor Arthur Hellmer, der die Begabung des jungen Laienschauspielers erkennt und fördert. Bei seinen ersten Engagements am Neuen Theater in Frankfurt erhält Albers eine Gage von 60 bis 120 Mark im Monat und muss zusätzlich bei den Bühnenarbeiten mithelfen. Nach einem kurzen Gastspiel in Güstrow zieht es ihn an die Waterkant zurück. Der zunehmend professioneller auftretende Albers gastiert an verschiedenen Hamburger Theatern und erhält nach mehreren Jahren als Nebendarsteller seine ersten Hauptrollen.

Im Ersten Weltkrieg dient er als Soldat an der Westfront im Reserveinfanterieregiment 31. In einem Gefecht wird er schwer verwundet und landet mit zerschossenem Bein in einem Krankenhaus in Wiesbaden. Die Ärzte wollen das Bein amputieren, doch Albers wehrt sich vehement gegen eine Amputation. Bereits zu diesem Zeitpunkt hätte seine Schauspielkarriere zu Ende sein können, und Deutschland hätte vielleicht niemals etwas von einem Volksschauspieler namens Hans Albers gehört, doch wie durch ein Wunder kann das Bein vollständig wiederhergestellt werden.

Statue auf dem Hans-Albers-Platz in Hamburg
© Andreas Straßer / Wikimedia Commons

Von der Theaterbühne zum Filmset

Da nicht mehr kriegsverwendungsfähig, geht Albers 1917 nach Berlin, wo er an verschiedenen Theatern und an der Komischen Oper seinen Ruf als Komödiant und Allroundkünstler begründet. Den Sprung von der Theaterbühne zum Film beschreibt die Gedenkseite „Der blonde Hans“ folgendermaßen: „Seine ureigene Art, eine Mischung aus Berliner Schnoddrigkeit und Hamburger Kauzigkeit, verhilft ihm schließlich zu dem Sprung in die Filmbranche.“

Nach dem Ersten Weltkrieg beginnt weltweit der große Siegeszug des Stummfilms, das Kino wird zum Massenmedium. Doch Albers brilliert nicht nur als Schauspieler, sondern tritt auch als Sänger, Tänzer, Komiker, Artist und Conférencier in Berliner Revuen und Komödien auf. Der Schritt von der Berliner Lokalprominenz zum deutschlandweiten Durchbruch gelingt ihm 1928 im Deutschen Theater Berlin durch seinen großen Bühnenerfolg in der Rolle des Kellners Gustav Tunichtgut in dem Stück „Die Verbrecher“.

Bis 1929 hat er bereits in über 100 Stummfilmen mitgewirkt. Der hemdsärmelige und draufgängerische Albers spielt vor allem Lebemänner, Verführer und Hochstapler. Da sich der „blonde Hans“ sowohl im Bereich der Mimik als auch der Sprache versteht, ist er einer der wenigen bekannten Schauspieler seiner Zeit, der den Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm nahtlos übersteht. 1930 spielt er in „Der blaue Engel“, einem der ersten deutschen Tonfilme, an der Seite von Marlene Dietrich. Seine Paraderolle findet er als Rummelplatz-Ausrufer „Liliom“ im gleichnamigen Theaterstück; sein in dieser Rolle gesungenes Lied „Komm‘ auf die Schaukel, Luise“ wird ein erfolgreicher Gassenhauer.

In den letzten Jahren der Weimarer Republik feiert Albers weitere große Filmerfolge: 1931 steht er in „Bomben auf Monte Carlo“ erstmals zusammen mit Heinz Rühmann vor der Kamera. Im Jahr darauf mimt er in dem Fliegerdrama „F.P. 1 antwortet nicht“ den draufgängerischen Piloten Ellissen. In dem Film singt Albers den als „Fliegerlied“ bis heute bekannten Schlager „Flieger, grüß‘ mir die Sonne“. 

Ambivalentes Verhältnis zum Nationalsozialismus

Die von seinen heutigen Anhängern oftmals vorgebrachte Behauptung, Albers sei ein vehementer Gegner der nationalsozialistischen Regierung gewesen, hört sich aus heutiger Mainstream-Sicht zwar gut an, in Wirklichkeit ist die Angelegenheit aber weitaus komplizierter. Auf der einen Seite zeigt sich Albers während des Dritten Reiches nie an der Seite von NS-Größen und nimmt ab 1933 keine Bühnenrollen mehr an, dennoch kann er als Publikumsmagnet für seine Filmrollen hohe Gagen fordern. 1937 spielt er in der Kriminalkomödie „Der Mann, der Sherlock Holmes war“ erneut an der Seite von Heinz Rühmann; das im Film gesungene Duett „Jawoll, meine Herrn…“ wird zum Kassenschlager. Ein weiterer großer Publikumserfolg gelingt ihm in der Spätphase des Dritten Reiches mit dem UFA-Klassiker „Münchhausen“. Schaut man sich den zum 25-jährigen Jubiläum der UFA gedrehten Farbfilm an, ist man erstaunt darüber, wie der Dreh eines derart aufwendigen Films in der schlimmsten Phase des Zweiten Weltkrieges überhaupt gelingen konnte. Hans Albers spielt zwischen 1933 und 1945 allerdings nicht nur in Unterhaltungsfilmen, sondern auch in Produktionen mit politischem Einschlag: 1935 ist er in dem Freikorps-Porträt „Henker, Frauen und Soldaten“ zu sehen. „Carl Peters“, ein politischer Film über das Lebenswerk des berühmten Pioniers und Afrikakolonisten, wird von ihm sogar mitproduziert.

Das Verhältnis zur nationalsozialistischen Regierung ist jedoch allein schon deshalb erschwert, da er mit Hansi Burg eine halbjüdische Lebensgefährtin hat. Nach entsprechendem Druck aus Regierungskreisen erklärt Albers in einem Schreiben an Joseph Goebbels vom 15. Oktober 1935 offiziell die Trennung von seiner Lebenspartnerin. Es bleibt jedoch ein offenes Geheimnis, dass die beiden weiterhin als Paar in ihrem Haus am Starnberger See zusammenleben. 1939 emigriert Hansi Burg nach London. Umstritten ist bis heute die Frage, ob Albers seine Lebensgefährtin im Hinblick auf die sich verschärfende innen- und außenpolitische Lage nach London geschickt hat, oder ob sie ohne sein Wissen nach England ausreiste. Nach Kriegsende kehrt sie nach Deutschland zurück, wo die beiden bis zu Albers‘ Tod wieder zusammenleben.  

Der alternde Volksschauspieler verfällt in den letzten Kriegsmonaten zunehmend dem Alkohol, von seiner Sucht wird er sich nie wieder ganz erholen. 1944 spielt Albers in dem Farbfilm „Große Freiheit Nr. 7“ den verkrachten Seemann Hannes Kröger. Das melancholische Kiezporträt wird aufgrund seiner düsteren, von Resignation geprägten Grundstimmung jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg uraufgeführt. Aus dem Film stammt auch sein größter musikalischer Erfolg „La Paloma“. Zusammengefasst dürfte man Albers‘ Verhältnis zum nationalsozialistischen Deutschland als äußerst ambivalent bezeichnen. Festzuhalten bleibt jedenfalls, dass er sich niemals öffentlich zu politischen Themen geäußert hat, weder zu Zeiten der Weimarer Republik, des Dritten Reiches oder der jungen Bundesrepublik.

Hans-Albers-Wandbild in St. Pauli, 2015
Quelle: Piratenkniff, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Volksschauspieler – ein ausgestorbener Beruf

Genauso nahtlos wie in der Übergangsphase von der Weimarer Republik zum Dritten Reich kann der blonde Hans seine Filmkarriere auch in der jungen BRD erfolgreich fortsetzen. Nun übernimmt er auch wieder Theaterrollen und spielt wieder in seiner „Liliom“-Paraderolle. Die Gedenkseite „Der blonde Hans“ beschreibt die Nachkriegsjahre von Hans Albers treffend: „Noch immer war der blonde Hans, dessen Devise ‚Hoppla, jetzt komm‘ ich‘ zum Markenzeichen wurde, das Symbol für deftige, kernige Männlichkeit mit umwerfendem Charme.“

Späte Erfolge feiert Albers mit „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ (1954), wo er zum letzten Mal gemeinsam mit Heinz Rühmann vor der Kamera steht, sowie mit der Verfilmung von Gerhart Hauptmanns Drama „Vor Sonnenuntergang“ (1956), wofür er bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin den Goldenen Bären erhält. Im Alter von 68 Jahren bricht Albers während einer Theateraufführung mit schweren inneren Blutungen zusammen. Einige Monate später, am 24. Juli 1960, stirbt er in einem Sanatorium am Starnberger See. Zu seiner Urnenbeisetzung auf dem Ohlsdorfer Friedhof in seiner Geburtsstadt Hamburg kommen mehr als 10.000 Menschen. Vier Jahre nach Albers‘ Tod wird der Wilhelmsplatz auf der Reeperbahn in „Hans-Albers-Platz“ umbenannt. 1986 kommt eine Statue hinzu, die den blonden Hans als singenden Seemann zeigt.

Es gibt sehr wenige deutsche Schauspieler, die so lange nach ihrem Tod noch über einen derartigen Bekanntheitsgrad verfügen wie Hans Albers. Es sind nicht nur die bis heute bekannten Filmklassiker, die seinen Ruhm Jahrzehnte über seinen Tod hinaus begründen, sondern auch seine zu Dauerbrennern gewordenen Seemanns- und Herzschmerzlieder. Die Tatsache, dass Albers noch heute über eine große Fangemeinde verfügt, dürfte aber vor allem daran liegen, dass man solche markanten, kernigen und volksnahen Schauspieler wie Hans Albers in der BRD-Filmbranche der heutigen Zeit vergeblich sucht. Man vergleiche wahrhaftige Volksschauspieler vergangener Tage wie Hans Albers, Heinz Rühmann und Heinrich George nur einmal mit den nuschelnden Gutmenschen und selbstgefälligen Schlepper-Unterstützern, die heutzutage in den politisch korrekten Propagandastreifen des Regimes über die Bildschirme flimmern. Dann kann man es gut verstehen, warum sich immer mehr Filmfans für die guten, alten Klassiker begeistern.

Erstveröffentlichung in N.S. Heute #22

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