
In der letzten Ausgabe von N.S. Heute vertraten die bekannten Autoren Nils Wegner und Gottfried Küssel übereinstimmend die Meinung, dass die Spiele Neu- gegen Alt-Rechts und umgekehrt beendet werden müssen, weil der Existenzkampf des Volkes vorrangig ist – in beiden Artikeln wurde die Auseinandersetzung übereinstimmend als „Spiel“ dargestellt, sodass trotz großer Unterschiede der beiden Autoren erkennbar ist, dass wir uns in der Bewertung der Auseinandersetzung näherkommen.
Ohne der Entwicklung vorgreifen zu wollen, sehe ich hier schon einen großen Erfolg unseres seit der Ausgabe #46 diskutierten Leitthemas. Und wenn sich doch nicht alle von den Abgrenzungen und Distanzierungen verabschieden wollen, sind hier schon Meilensteine und Maßstäbe gesetzt, denn auch moralisch gesehen kann niemand den Vorrang der Existenz des Volkes und der Zukunft unserer Kinder bestreiten.
Für mich ist der Kern aller Abgrenzungen und Distanzierungen das Verhältnis zum NS, das sich bei manchen rechten Denkern und Aktivisten im Laufe ihres Lebens zwar manchmal wesentlich ändert, aber nie an Bedeutung verliert.
Diesen Kampf mit dem NS will ich am Beispiel des großen Philosophen Heidegger und des identitären Aktivisten Sellner nachzeichnen. Ich schreibe absichtlich vom Kampf mit und nicht gegen den NS, da es manchmal eine Hassliebe ist, ein innerer Kampf der Vernunft gegen die eigenen Instinkte, manchmal aber auch nur billige Verächtlichmachung der Konkurrenz trotz besseren Wissens.

© Muesse, commons.wikimedia.org, CC BY-SA 3.0
Heideggers Philosophie
Martin Heidegger ist einer der größten und weltweit einflussreichsten Philosophen.
Die wichtigste Arbeit Heideggers war ein grundsätzlich neues Weltverständnis. Dieses umfasst die Untersuchung grundlegender Strukturen des menschlichen Daseins und dessen, was den Menschen in seinem Sein ausmacht, auf das Wesentliche zurückgeführt.
Diese neue Lehre vom Sein, also vom Dasein oder Existenz, war so fundamental tiefgehender als die gesamte Philosophie vor ihm, dass er damit auch eine grundsätzliche Kritik an der gesamten abendländischen Philosophie verbinden konnte.
Heidegger hat sich jahrelang mit Nietzsche beschäftigt und war von ihm und seiner grundsätzlichen Kritik an der modernen Welt fasziniert, dann aber wieder kritisch in der Seinsfrage, hin und her gerissen soll er gesagt haben: „Er hat mich kaputt gemacht.“
Der Zugang zu Heideggers Werk gilt als durchaus schwierig. Er selbst vollzog später eine Kehre in seinem Denken zum Sein, sodass er später seine philosophische Arbeit als Weg „des sich wandelnden Fragens der mehrdeutigen Seinsfrage“ bezeichnet hat, auf dem ihn seine Leser und Philosophen begleiten sollen.

© Jérémy-Günther-Heinz Jähnick, commons.wikimedia.org, GFDL-1.2
Heidegger und der NS
Vor diesem Hintergrund trat Professor Heidegger nach der Wahl Adolf Hitlers zum Reichskanzler im Frühjahr 1933 in die NSDAP ein und wurde im April 1933 zum Rektor der Freiburger Universität gewählt.
Einen Monat später hielt er seine Antrittsrede als Rektor: „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“. In seiner Rede sprach er davon, die deutsche Studentenschaft in die deutsche Volksgemeinschaft einbinden und auf den Führer einschwören zu wollen.
Ein Jahr später gab Heidegger enttäuscht sein Rektorat auf, weil er weder von seinen Kollegen noch von der Partei die gewünschte Unterstützung für den geforderten radikalen Umbau der deutschen Universitäten erhielt.
Er sprach später vom Irrtum des Rektorats, und er begründete seine Kritik an den Nationalsozialisten damit, dass sie in den Universitäten den Schwerpunkt auf die moderne Technik und Biologie setzten, statt auf eine radikale philosophische Wende, die bei den vorsokratischen griechischen Denkern ansetzen sollte.
Sein Herausgeber Peter Trawny dazu: „Als er gesehen hat, dass diese Revolution mitnichten so radikal realisiert worden ist, von den Nazis, wie er meinte, da hat er doch relativ schnell sich zurückgezogen. Mit anderen Worten: Die revolutionäre Dynamik der Nationalsozialisten war ihm nicht revolutionär und nicht radikal genug.“
Mit dieser geforderten radikalen Wende hatte er ja durchaus recht, so war vor ihm schon Nietzsche der gleichen Meinung, da die Philosophie seit Sokrates, also seit etwa 2.500 Jahren, nur noch von Vernunft und Moral statt Lebensfreude, Intuition, Dynamik und Erfahrung geprägt war.
Aber die Umsetzung einer so tiefen grundsätzlichen philosophischen Wende direkt im ersten Regierungsjahr zu fordern, kann eigentlich nur einem Universitätsprofessor einfallen. Sein Bruder Fritz Heidegger kommentierte seine Weltfremdheit im schwäbisch-allemanischen Dialekt so: „Den Martin hot me für nix Gscheits brauche kenne, no isch er halt Philosoph worre.“ – Den Martin hat man für nichts Gescheites gebrauchen können, da ist er eben Philosoph geworden.
Trotz der Ernüchterung hielt Heidegger weiterhin Vorlesungen, verfasste Schriften, hielt Vorträge und beteiligte sich an verschiedenen Ausschüssen und Arbeitskreisen.
Grundsätzlich sah sich Heidegger als etwas Besseres und sah auf das fehlende Niveau der NSDAP herab, sah aber den Nationalsozialismus als einziges Mittel gegen die „Kulturvernichtung durch den Kommunismus“.
Nach 1945 wurde ein Lehrverbot über Heidegger verhängt. Er zeigte aber Stil, beteiligte sich nicht an der allgemeinen Verdammung und Hexenjagd, und hatte eine ähnliche Haltung wie Ernst Jünger und Carl Schmitt, der ebenfalls Lehrverbot hatte und von mir schon im Artikel „Der Rechtsstaat auf dem Prüfstand“ in N.S. Heute #46 ausführlich dargestellt wurde. Sie ließen sich weder von der amerikanischen Reeducation noch von den deutschen Reueübungen beeindrucken.

Quelle: https://t.me/martinsellnerIB
Konservative Revolution
Diese Elite rechter Intellektueller wie Carl Schmitt, Ernst Jünger, Heidegger und anderen bezeichnete man schon in der Zwischenkriegszeit gelegentlich als „Konservative Revolution“.
Die Zugehörigkeit einzelner Intellektueller ist je nach Blickpunkt umstritten, da sie ja keine Gruppe, sondern ein publizistisches Geflecht mit persönlichen Kontakten waren.
Auch die Ideen der Konservativen Revolution waren weitgehend verschieden, einige Punkte waren: nationales Denken, autoritärer Staat gegen Liberalismus, gegen die Gleichmacherei der Aufklärung, aber auch gegen biedere bürgerliche Konservative und für einen neuen abendländischen Aufbruch gegen die Moderne – böse Zungen sprechen zusammenfassend von einem deutschen Faschismus.
Zur Nähe der Konservativen Revolution zum NS hier nur einige Schlaglichter:
Nach dem Historiker Rolf Peter Sieferle war der Nationalsozialismus eine „reale konservative Revolution“ und ihre einzig praktisch gewordene Ausprägung.
Thomas Manns Tagebuchnotiz vom 26. September 1933 bezeichnet den Nationalsozialismus als „politische Wirklichkeit jener konservativen Revolution“.
Franz v. Papen sagte als Vizekanzler unter Reichskanzler Adolf Hitler am 17. März 1933 in Breslau: „Der Unterschied zwischen der konservativ-revolutionären und der nationalsozialistischen Bewegung lag entscheidend in der Taktik.“
Erst nach 1945 machte Armin Mohler den Begriff „Konservative Revolution“ richtig bekannt und stellte sie als eine eigenständige Strömung der Zwischenkriegszeit dar, die sich deutlich vom Nationalsozialismus unterschieden habe. Nils Wegner schreibt in N.S. Heute #48, Mohlers „erklärtes Ziel war es, damit einer neu entstehenden deutschen Rechten Anknüpfungspunkte zu liefern, die nicht sofort mit dem Vorwurf der historischen Schuld abgekanzelt und kriminalisiert werden könnten“.

Neue Rechte und Sellner
Nils Wegner schreibt weiter und weist anhand eines grundsätzlichen Textes der damaligen neuen Rechten von 1962 nach: „Die ,alte‘ Rechte, von der sich die ‚neue‘ Rechte nach 1945 absetzen wollte, war nie der Nationalsozialismus, sondern stets die überkommene bürgerliche Rechte.“ Wie es zum Wechsel des Feindbildes kam, erklärt er mit Begriffsverwirrung und Zieländerungen der Neuen Rechten im Laufe der Jahrzehnte, und nun „bleibt endgültig kein verbindendes Element mehr übrig. Abgesehen natürlich von der NS-Ablehnung, zu der man ja ohnehin per Gesetz verpflichtet ist.“
Damit kommen wir zum zweiten Beispiel vom Kampf mit dem NS, Martin Sellner.
Er ist identitärer Aktivist und Vordenker der Neuen Rechten, veröffentlicht allerlei politische Analysen und strategische Überlegungen und ist der breiten Öffentlichkeit bekannt durch seine Vorträge und sein Buch zum Thema Remigration, sein größter Erfolg bisher. Remigration in die politische Debatte einzubringen ist aber nicht seine eigene Idee, der Begriff wurde unter vielen anderen schon in den 1990er-Jahren von Bruno Mégret, einem Anführer des damaligen französischen Front National verwendet – so wie viele Begriffe und Strategien der deutschen Neuen Rechten aus Frankreich stammen.
Richtig böse ist Sellners aggressive Ablehnung und billige Verächtlichmachung des NS und der jungen Aktivisten unserer neuen Generation in seiner Audioanalyse „Die Alte Rechte ist zurück – und weiter?“ vom 2. Juni 2025.
Als wilden Garten mit scharfer Saat beschreibt er das Auftreten der jungen Aktivisten. Radikalität, Schärfe, Härte und Militanz gepaart mit mangelnder Bildung und altrechter Subkultur wären eine Art Designerdroge für junge Männer, die auf hundertfach schon gescheiterten Irrwegen in absurden, idiotischen Zusammenhängen Gesicht zeigen würden, so Sellner.
Es ist ihm auch nicht zu billig, auf jahrzehntealte Unterstellungen zurückzugreifen, indem er in dieser Audioanalyse behauptet, die jungen Aktivisten würden von bezahlten Agenten zum Bekenntnis zum NS und zum Terrorismus angestiftet. Dadurch wären sie eine Gefahr für die AfD oder Neue Rechte, die selbst in den Strudel der Repression geraten und Schaden nehmen würden.
Vielleicht dient die auffällige Boshaftigkeit der glaubhaften Distanzierung von seiner eigenen NS-Vergangenheit, denn aus der Zeit vor seiner Hinwendung zur Neuen Rechten ist bekannt, dass er im Jahre 2006 polizeilich auffiel, als er gemeinsam mit einer anderen Person Hakenkreuz-Aufkleber an der Synagoge im niederösterreichischen Baden angebracht hat.
Sein Beispiel zeigt deutlich, wie sich die Hassliebe zum NS im Laufe des Lebens entwickeln kann, aber nie an Bedeutung verliert.
Wir sehen hier einen Sellner, der sich wie die Neue Rechte auf die Konservative Revolution beruft, aber vom alten Stil und der Haltung eines Heidegger, Ernst Jünger oder Carl Schmitt ist bei ihm nichts mehr übrig, ein absoluter Verfall.
Dabei begründet er seine Ausführungen immer wieder sehr ausführlich mit Heidegger. Er erklärte 2016 im Interview mit der Zeitschrift „Sezession“, dass ihm Heidegger die Gelassenheit zur Überwindung Nietzsches und des nationalistischen Tatkults gäbe, da die Figur des eisernen politischen Soldaten nur noch für eine Freakshow oder fürs Kabarett taugen würde.
Gelassenheit oder Zersetzung der Kampfkraft?
Diese merkwürdige Gelassenheit habe ich mir in Sellners Büchlein aus der Kaplaken-Reihe „Gelassen in den Widerstand – Ein Gespräch über Heidegger“ näher angesehen.
Sellner erkennt den Einstieg Heideggers in den NS so: „Heidegger bekennt sich mit trotzigem Stolz von der Höhe seines Genies zu bäuerlicher Einfachheit, Landschaft, Volk, Kultur und endlich zur ,Pöbeltruppe‘ der NSDAP.“
Aber Heideggers Enttäuschung vom NS begründet er, abseits der geschichtlichen Wirklichkeit, nicht mit Heideggers gefordertem radikalen Umbau der deutschen Universitäten und der geforderten radikalen philosophischen Wende zu den vorsokratischen griechischen Denkern – Sellner sieht den Grund in der anderen, tieferen Definition des Volkes bei Heidegger.
Natürlich hält ein großer Philosoph andere Definitionen bereit als eine „Pöbeltruppe“, aber Heideggers bekannteste Textstelle dazu ist eigentlich nichts anderes als die Volksgemeinschaft: „Wir als Dasein fügen uns in eigener Weise hinein in die Zugehörigkeit zum Volk, wir stehen im Sein des Volkes, wir sind das Volk selbst.“
Sellner nutzt aber den angeblichen Unterschied im Volksbegriff zwischen Heidegger und dem NS, um einen ganz neuen Volksbegriff erarbeiten zu wollen, sonst „lassen die Schlagworte ,Blut und Boden‘ und die Nazikeule nicht lange auf sich warten“. Da läuft der Hase also wieder.
Eine neue Definition von „Volk“ gelingt ihm aber nicht, er schlängelt sich um Blut und Boden immer wieder herum, und jetzt kommt die Gelassenheit gegenüber der Völkerwanderung aus der Dritten Welt ins Spiel, Sellner schreibt:
„Könnte man zur Annahme gelangen, dass sich die Masseneinwanderung ebenfalls aus dem sich verbergenden und entziehenden Geist des neuen Zeitalters quasi ergebe, und ihr mit Gelassenheit gegenüberstehen? (…) Hier wäre ein deutlicher Unterschied zu einem Problemfeld, das auch die Nationalsozialisten bearbeitet haben – freilich mit anderen Lösungsansätzen. Hier das Fügen in den Geist des Zeitalters, das Hegen und Hüten des Denkens, der Versuch, den Zuspruch trotz des umgebenden Lärms zu hören und die Hoffnung, die tatsächliche Bodenständigkeit zurückzurufen. Dort der direkte und harte Kampf um Selbstbehauptung. Das unnachgiebige Zurückdrängen des feindlichen Geistes und das kompromisslose Einfordern und Verteidigen des Bodens.“
Klarer geht‘s nicht. Auch wenn er weiter ausführt, diese Gelassenheit wäre ja nicht direktes Aufgeben, sondern Bereitschaft und nebelhafte Suche nach neuem Erkennen von Volk und Bodenständigkeit – es ist Zersetzung der Kampfkraft.
Bildlich gesehen klettert Sellner auf das Heidegger-Denkmal und bewirft von dort aus die Öffentlichkeit und die „Pöbeltruppe“ mit ihm genehmen Bruchstücken der Philosophie Heideggers. Die „Pöbeltruppe“ zieht belustigt weiter und die Öffentlichkeit schreit ihm trotzdem „Nazi“ entgegen.
Anhand von Heidegger und Sellner habe ich Euch zwei unterschiedliche Charaktere im Kampf mit dem NS dargestellt und hoffe, dass Euch der Ausflug gefallen und Erkenntnisgewinn gebracht hat.
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Erwähnenswert ist, dass Sellner ein besonders negatives Beispiel darstellt und die meisten Neuen Rechten im Gegensatz zu ihm aufrecht und guten Willens sind.
Freue mich über Kritik oder Anmerkungen zum Artikel an: christian.malcoci@protonmail.com
Erstveröffentlichung in N.S. Heute #49
