
„Holt Hartmann vom Himmel!“ – So lautete eine beliebte Redewendung während des Zweiten Weltkrieges, die von Soldaten der Wehrmacht verwendet wurde, wenn sie Hilfe benötigten und in Schwierigkeiten waren, die im übertragenen Sinne nur von dem aus dem Himmel herabsteigenden Erich Hartmann gelöst werden konnten. Sein Ruf, „übernatürliche Fähigkeiten“ zu besitzen, kam nicht von ungefähr: denn Erich Hartmann ist der bis heute erfolgreichste Jagdflieger aller Zeiten.
Erich Alfred Hartmann wurde am 19. April 1922 im württembergischen Weissach (Landkreis Böblingen) als älterer von zwei Brüdern geboren. Bevor Hartmann 1928 in Weil im Schönbuch eingeschult wurde, lebte er einige Jahre mit seiner Familie in China. Sein Vater Alfred Hartmann arbeitete dort als Arzt. Nach der Volksschule besuchte er zunächst das Gymnasium in Böblingen. 1936 wechselte er nach Rottweil zur Nationalpolitischen Erziehungsanstalt (NPEA), welche landläufig auch als „Napola“ bezeichnet wird.

Vom Segelflug zur Luftwaffe
Bereits 1937 verließ er allerdings die Napola wieder, weil seine Mutter eine Anstellung als Segelfluglehrerin gefunden hatte (damit war sie übrigens eine der ersten weiblichen Segelfluglehrer überhaupt). Elisabeth Hartmann wollte ihren Sohn in ihrer Nähe haben, deshalb besuchte er fortan das Gymnasium im heutigen Korntal-Münchigen (Landkreis Ludwigsburg), wo er 1940 das Abitur ablegte. Durch seine Mutter früh für die Segelfliegerei begeistert, war Erich Hartmann bereits im Alter von 15 Jahren selbst Fluglehrer in der Flieger-HJ. Als 17-Jähriger machte er seinen Motorflugschein.
So war es nur folgerichtig, dass sich der 18-jährige Hartmann 1940, im Anschluss an die Abiturprüfung, kriegsfreiwillig bei der Luftwaffe meldete. Als Offiziersanwärter begann er seine militärische Fliegerausbildung zunächst im ostpreußischen Neukuhren, weiterführend in der Luftkriegsschule Berlin-Gatow. Im Oktober 1942 wurde Hartmann zum JG (Jagdgeschwader) 52 an die Ostfront versetzt. Das JG 52 war das erfolgreichste Jagdgeschwader des Zweiten Weltkrieges: Insgesamt schossen die Piloten dieses Geschwaders über 10.800 feindliche Flugzeuge ab – eine Leistung, die bis heute weltweit unübertroffen ist. Des Weiteren kamen aus den Reihen des JG 52 die drei erfolgreichsten Jagdflieger der Luftwaffe: neben Hartmann waren dies Gerhard Barkhorn und Günther Rall.
Seinen Spitznamen „Bubi“ erhielt Hartmann 1943 von Walter Krupinski, seinem Kapitän bei der 7. Staffel des JG 52. Hartmanns jugendliches Erscheinungsbild und seine Unbekümmertheit, gepaart mit seinen fliegerischen Fähigkeiten, verleiteten wohl zu diesem Spitznamen – wobei „Bubi“ Hartmann durchaus ein knallharter und effizienter Jagdflieger war, wie wir noch erfahren werden.

© Tomás Del Coro from Las Vegas, Nevada, USA, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
Erfolgreichster Jagdflieger aller Zeiten
Die feindlichen, zumeist russischen Piloten – ab März 1944 flog Hartmann zum Beispiel von Zarnesti (Siebenbürgen) aus auch Einsätze gegen feindliche Terrorbomber und ihren Begleitschutz – nannten ihn schnell „Der schwarze Teufel“. Dieser Name kam nicht nur dadurch zustande, weil er im Oktober 1943 bereits 150 Luftsiege auf seinem Leitwerk aufmalen konnte, sondern weil er den Bug seiner Messerschmitt Bf 109 mit einem schwarzen Zackenmuster (sogenannte „Tulpe“) bemalen ließ. Ein Wiedererkennungswert war dadurch also gegeben.
Bereits im März 1944 erzielte „Bubi“ seinen 202. Abschuss, und im August 1944 konnte der Wehrmachtsbericht seinen 301. Luftsieg vermelden. Noch am 8. Mai 1945 schoss er seinen 352. Feindflieger ab. Diese enorme Zahl an bestätigten Luftsiegen machte ihn zum bis heute erfolgreichsten Jagdflieger aller Zeiten! Auf den Plätzen 2 und 3 folgen die bereits erwähnten Gerhard Barkhorn (301 Luftsiege) und Günther Rall (275). Zum Vergleich: Der beste nichtdeutsche Achsen-Pilot, der Japaner Tetsuzo Iwamoto, liegt mit 66 Luftsiegen auf Platz 224. Der beste alliierte Jagdflieger, ein Pilot der U.S. Air Force, folgt mit 40 Luftsiegen sogar erst auf Platz 420 der ewigen Bestenliste.
Dementsprechend ist auch Erich Hartmanns „Klempnerladen“, wie die Landser eine Fülle an Auszeichnungen nannten, beeindruckend:
- Eisernes Kreuz II. und I. Klasse,
- Ehrenpokal der Luftwaffe,
- Deutsches Kreuz in Gold,
- Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes mit Eichenlaub, Schwertern und Brillanten (diese Auszeichnung wurde nur 27 Soldaten zuteil!),
- Frontflugspange für Jäger in Gold mit Anhänger (Einsatzzahl 1.300),
- Flugzeugführer- und Beobachterabzeichen in Gold mit Brillanten,
- Nennung im Wehrmachtsbericht am 24. und 25. August 1944.
Ebenso muss erwähnt werden, dass „Bubi“ Hartmann niemals abgeschossen wurde. Insgesamt musste er zwar 16-mal not- und bruchlanden, aber er blieb stets unbesiegt!

Vom Kriegsgefangenen zum Oberst bei der Bundeswehr
Nach einigen Quellen beendete Hartmann den Krieg als Hauptmann, andere Quellen führen ihn als Major. Offizielle Stellen der späteren BRD erkannten die offenbar noch am 8. Mai 1945 erfolgte Beförderung zum Major nicht an.
Obwohl sich Hartmann bei Kriegsende zusammen mit seinen Kameraden den US-Amerikanern ergab, wurde er an die Sowjetunion ausgeliefert. In der zehn Jahre andauernden Kriegsgefangenschaft rächte man sich an Hartmanns beeindruckenden fliegerischen Leistungen mit einer Folterhaft und zwei politischen Schauprozessen, in denen er einmal zu 20 Jahren Zuchthaus und einmal zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Hartmann protestierte gegen diese Willkür der Sieger unter anderem mit Arbeitsverweigerung und Hungerstreik. Als einer der letzten „Spätheimkehrer“ kam Hartmann 1955 aus der Kriegsgefangenschaft frei und somit in die Bundesrepublik.
Bereits 1956 trat er in die neu aufgestellte Bundeswehr ein, zunächst als Ausbilder an der Luftwaffenschule in Oldenburg. 1959 koordinierte er die Aufstellung des Jagdgeschwaders 71 (Richthofen) der Bundeswehr-Luftwaffe. Interessante Anekdote am Rande: Auch im Bundeswehr-JG 71 ließ er „seine Maschine“ mit der „Schwarzen Tulpe“ bemalen – es war und blieb sein Erkennungszeichen in der Luft.
Als Ausbilder beharrte Hartmann auf die „kriegsverwendungsfähige“ Ausbildung seiner Soldaten, was jedoch nicht in das Konzept der damaligen politischen und militärischen Führung in der BRD passte, weshalb er immer wieder in Streit mit seinen Vorgesetzten geriet. Sein hohes fliegerisches Können und sein Ansehen sowohl in der Truppe als auch in der Bevölkerung schützten ihn jedoch vor härteren Disziplinarmaßnahmen. Das vorzeitige Ende seiner Bundeswehr-Karriere sollte schließlich einen anderen Hintergrund haben: Hartmann kritisierte schon früh die Anschaffung des us-amerikanischen „Starfighters“ als Flugzeug für die Bundeswehr. Im Zuge der „Starfighter-Affäre“, die sich um die Beschaffung dieses unausgereiften Flugzeuges und Korruptionsvorwürfe gegen den damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß drehte, verließ Hartmann 1970 die Bundeswehr im Rang eines Obersten.

Nach dem Ausscheiden aus der Bundeswehr arbeitete Hartmann einige Jahre als Fluglehrer auf dem Flugplatz in Bonn/Hangelar, nach seiner Pensionierung engagierte er sich viele Jahre auf dem Segelflugplatz Poltringen bei Tübingen. Mit 71 Jahren verstarb Erich „Bubi“ Hartmann am 20. September 1993.
1996 verstarb auch seine Frau Ursula, die er 1944 geheiratet hatte und die in all den Jahrzehnten treu an seiner Seite stand. Das Paar hatte zwei gemeinsame Kinder, wobei der Sohn Erich bereits 1947 verstarb. 1957 wurde ihnen dann die Tochter Ursula geschenkt.
„Bubi“ Hartmann bleibt nicht nur mit seinen 352 Luftsiegen als der erfolgreichste Jagdflieger aller Zeiten in Erinnerung, er steht auch sinnbildlich für seine Generation: Glücklich in Deutschland aufgewachsen, tapfer und unbezwungen im Weltkrieg gegen einen oft grausamen Feind gekämpft, und nach der leidvollen Kriegsgefangenschaft doch alles wieder mitaufgebaut und seinen Werten stets treu geblieben.
Ein Mann wie Erich „Bubi“ Hartmann zählt – damals wie heute – für 1000.
Erstveröffentlichung in N.S. Heute #49