Historisches Kalenderblatt: 9. August 1972 – Todestag Ernst v. Salomon

Ernst Friedrich Karl von Salomon, so sein voller Name, wurde am 25. September 1902 als zweites Kind von insgesamt vier Brüdern in Kiel geboren, wo sein Vater als Polizeibeamter arbeitete. Als der Vater 1909 nach Frankfurt/Main versetzt wurde, besuchte Ernst dort die Musterschule im Stadtteil Nordend und das Lessing-Gymnasium. 1913 trat er in die Preußische Kadettenanstalt Karlsruhe ein und wechselte vier Jahre später zur Hauptkadettenanstalt in Groß-Lichterfelde, wo er 1918 sein Abitur ablegte. Allerdings war der Übertritt in das kaiserliche Heer (mit Berechtigung zum Offizierspatent) aufgrund des Kriegsendes nicht mehr möglich. Deutschland musste nach dem verlorenen Krieg 1914-1918 kapitulieren und demobilisieren.

Von der Kadettenanstalt zum Freikorps

Als Folge der Niederlage und des Schanddiktates von Versailles musste 1920 auch die Kadettenanstalt geschlossen werden, allerdings hatte sich v. Salomon bereits im Dezember 1918 einem Freikorps angeschlossen. Die deutschen Freikorps sicherten im „Deutschen Nachkrieg 1918-1923“, wie er später schreiben sollte, die staatliche Ordnung einerseits gegen kommunistische Aufstände im Inneren, aber auch an den Grenzen, wie zum Beispiel in Schlesien gegen polnische Freischärler und Okkupanten. Andererseits versuchten die Freikorps auch, gegen die ungeliebte „Weimarer Republik“ zu putschen, oder sie kämpften im Baltikum gegen den Bolschewismus – zuletzt gegen den erklärten Willen der Reichsregierung.

Und Ernst v. Salomon war fast überall dabei: Zunächst beteiligte er sich 1919 mit dem Freikorps Maercker an der Niederschlagung des kommunistischen „Spartakusaufstandes“ in Berlin (in dessen Rahmen die beiden kommunistischen Anführer Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht verstarben). Im selben Jahr gehörte er zu den Sicherungs- und Ehrenverbänden für die Weimarer Nationalversammlung, doch schon nach wenigen Wochen war ihm das „Gewehr präsentieren für die dicken Bäuche“ zuwider, und er schloss sich kurzerhand dem Freikorps Bahrenfeld an. Teile des Freikorps schlossen sich im Sommer 1919 der „Eisernen Division“ im Baltikum an, wo sie für den Schutz der Baltendeutschen und gegen die Bolschewisten in Lettland kämpften.

Nach der – durch die Reichsregierung erzwungenen – Rückkehr ins Deutsche Reich, schloss sich v. Salomon nun der Marine-Brigade Ehrhardt an. Schon wenige Monate später, im März 1920, nahm er am sogenannten „Kapp-Putsch“ teil. Als Angehörige der „Eisernen Schar“ wollten die „alten Baltikumer“ über Hamburg nach Berlin vorstoßen, gerieten allerdings bereits in Harburg in den Kampf mit Bolschewisten und systemtreuen Reichswehr-Einheiten. Am Ende wurde der Weltkriegsheld und Freikorpsführer Berthold, ebenso wie zehn andere „Baltikumer“, von einem roten Mob viehisch ermordet. Die Überlebenden, darunter v. Salomon, wurden bewusst an den geschändeten Leibern vorbeigeführt. Schon kurz darauf kämpfte er aber wieder im Freikorps Wolf in Oberschlesien gegen polnische Banditen und Freischärler.

Ernst von Salomon im Jahr 1968
Quelle: Bundesarchiv; ADN-Zentralbild Bild 183-G0510-0205-010

Königlich Preußisches Kadettenhaus in Karlsruhe, das v. Salomon 1913-1917 besuchte und in „Die Kadetten“ beschrieb

Von der Organisation Consul zur Konservativen Revolution

Bereits 1920 war v. Salomon Mitglied der „O.C.“ (Organisation Consul) geworden. Die O.C. war ein paramilitärischer Geheimbund, der in der Folge des Verbotes und der Auflösung der Marine-Brigade Ehrhardt entstanden war und im gesamten Reich über gut 5.000 Mann verfügte. Der Weltöffentlichkeit wurde die O.C. durch das tödliche Attentat auf Reichsaußenminister Walther Rathenau am 24. Juni 1922 bekannt. Die Offiziere Fischer und Kern als Ausführende des Attentats wurden am 17. Juli 1922 auf Burg Saaleck im heutigen Sachsen-Anhalt durch Verrat von der Polizei gestellt, wobei Kern erschossen wurde und Fischer den Freitod wählte.

Der Prozess gegen 13 Angeklagte, die angeblich an dem Attentat beteiligt waren, darunter auch Ernst v. Salomon, begann im Oktober 1922 vor dem Staatsgerichtshof in Leipzig. Im Zuge dessen wurde v. Salomon zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. Kein Angeklagter sprach allerdings über die O.C., und auch andere Aktionen wie Attentate, Gefangenenbefreiungen und Femegerichte wurden in dem Prozess nicht behandelt. Erst viele Jahre später sollten diese Dinge ans Tageslicht kommen – zunächst im Deutschen Reich nach 1933, und dann nochmal in der BRD ab den 1950er-Jahren.

Allerdings wurde v. Salomon, der sich damals noch in Haft befand, 1927 im „Gießener Fememordprozess“ (zusammen mit anderen hatte er versucht, einen vermeintlichen Verräter in den Reihen der O.C. umzubringen) erneut zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt, wodurch zusammen mit der Strafe wegen der Beteiligung an dem Rathenau-Attentat eine Gesamtstrafe von sieben Jahren gebildet wurde. Aufgrund einer Amnestie durch Reichspräsident v. Hindenburg konnte v. Salomon das Gefängnis allerdings im Dezember 1927 auf Bewährung verlassen.

Während er seine noch in Haft befindlichen Kameraden weiterhin unterstützte, zum Beispiel durch Geldsammlungen, begann er ab 1928 seine publizistische Arbeit, zunächst für die „Deutsche Allgemeine Zeitung“ (DAZ). Schon bald zählte man v. Salomon zum Kreis der „Konservativen Revolution“ – ein Begriff, der nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst durch den Publizisten Armin Mohler geprägt wurde. Zum Kreis der Protagonisten der Konservativen Revolution in den 20er- und frühen 30er-Jahren gehören prominente Namen wie Ernst Jünger, Carl Schmitt, Ernst Niekisch, Oswald Spengler und eben Ernst v. Salomon.

Diese Protagonisten grenzten sich einerseits vom Nationalsozialismus und von Adolf Hitler ab, doch es gab auch einige Überschneidungen in der politischen und publizistischen Arbeit. Auch einige gemeinsame Auftritte sind überliefert, zum Beispiel bei einem Empfang in der sowjetischen Botschaft in Berlin mit v. Salomon, Niekisch und Otto Strasser, einem Vertreter des „linken“, sozialrevolutionären Flügels der NSDAP während der „Kampfzeit“. Bereits hier wird die Ambivalenz der Person v. Salomon, aber auch der Konservativen Revolution, der Nationalbolschewisten (Niekisch), Sozialrevolutionären (Strasser) und Nationalsozialisten deutlich: Mehr oder weniger kamen sie alle aus der Zeit des Kaiserreiches, der Freikorps und der frühen Weimarer Republik, und doch verfolgten sie viele individuelle Ansätze und Lösungen. Bekanntlich setzte sich der Nationalsozialismus in dieser Gemengelage Anfang der 1930er-Jahre schließlich durch – eine Gemengelage, die wir heute im 21. Jahrhundert so ähnlich erneut beobachten können; von der AfD und „Schnellroda“, Elsässer und sein „Compact“-Magazin, über den III. Weg bis hin zum Nationalen Widerstand.

In den späten 1920er-Jahren unterstützte v. Salomon die militante Landvolkbewegung und setzte dem Bauernaufstand in „Die Stadt“ ein literarisches Denkmal

Vom gefeierten Publizisten zur streitbaren Person im Nationalsozialismus

1929 unterstützte v. Salomon die Landvolkbewegung in Schleswig-Holstein, hauptsächlich publizistisch in der Zeitung „Das Landvolk“, aber auch mit Taten außerhalb der Schreibstube. So half er zum Beispiel, eine nicht lebensgefährliche Bombe (Scheinanschlag) im Reichstag zu platzieren, welche auch hochging, was ihn für drei Monate in Untersuchungshaft brachte. In dieser Zeit vollendete v. Salomon sein erstes Buch „Die Geächteten“, in welchem er seine Erlebnisse bei den Freikorps, der O.C. und während der fünfjährigen Haftzeit verarbeitete. In seinem zweiten Buch „Die Stadt“, erschienen 1932, schrieb er über die Zeit der Landvolkbewegung. Das Werk, das seinerzeit kein Verkaufsschlager wurde, ist heute ein sehr gesuchtes Buch, und selbst Faksimile-Ausgaben erzielen hohe Priese.

Dafür war das Buch „Die Kadetten“ von 1933 wieder ein voller Erfolg. Wie der Name schon verrät, schildert er dort seine Erlebnisse in der Kadettenanstalt, was gleichzeitig auch als Bekenntnis zum Preußentum gilt. Chronologisch in der Reihenfolge „Die Kadetten“, „Die Geächteten“ und „Die Stadt“ gelesen, ergeben diese drei Bücher bereits v. Salomons Lebensgeschichte in bewegten Zeiten – allerdings ist seine Geschichte an dieser Stelle noch lange nicht zu Ende.

Obwohl v. Salomon auch nach 1933 publizistische Erfolge feierte und ab 1936 als Drehbuchautor für die UFA arbeiten konnte, gab er sich gegenüber der nationalsozialistischen Regierung „rebellisch“, allerdings ohne jemals in einen offenen Widerstand zu treten. Auch hier zeigt sich wieder die Ambivalenz seiner Person: Einerseits verweigerte er 1933 die Unterschrift zum „Gelöbnis treuester Gefolgschaft“ deutscher Schriftsteller und Dichter zu Adolf Hitler, andererseits trat er 1934 in die Reichskulturkammer ein – wohl hauptsächlich, um selbst weiterarbeiten zu können, aber auch, um jüdische Lektoren unter seinem Namen arbeiten zu lassen (er selbst hatte keine jüdischen Vorfahren, sondern stammte aus dem lothringischen Adelsgeschlecht Salomon). Doch er arbeitete auch für explizit nationalsozialistisch gefärbte Filmproduktionen, zum Beispiel schrieb er das Drehbuch für den 1941 erschienenen Film „Carl Peters“ über den bekannten Kolonialpionier.

Gleichzeitig pflegte v. Salomon private Kontakte zu oppositionellen Kreisen, etwa jene der „Roten Kapelle“ oder zum späteren Verschwörerkreis des 20. Juli 1944 – letztlich hielt er sich allerdings von diesen fern, als es ruchbar wurde, wofür sie standen und konspirativ arbeiteten. Gegenüber einem der späteren Verschwörer des 20. Juli soll er sinngemäß geäußert haben: „Erstmal müssen wir den Krieg gewinnen, dann können wir uns auch um Hitler kümmern.“

Die Zwiespältigkeit der Person Ernst v. Salomons machte sich auch zu Beginn des Zweiten Weltkrieges bemerkbar, als sich der nicht mehr ganz so junge Soldat freiwillig zum Wehrdienst meldete. Obwohl bei der Musterung als kriegsverwendungsfähig eingestuft, wurde seine Meldung letztendlich abschlägig beschieden. Die Beteiligung an dem Attentat auf Walther Rathenau stand noch in den Akten und verhinderte seinen aktiven Einsatz in der Wehrmacht. Zum Ende des Krieges wurde er noch in den Volkssturm eingezogen, allerdings ohne in ein scharfes Gefecht zu kommen.

1941 schrieb v. Salomon das Drehbuch für den Film „Carl Peters“; die Hauptrolle des Abenteurers und Kolonialpioniers spielte Hans Albers

In „Der Fragebogen“ nimmt v. Salomon mit spitzer Feder die 131 Fragen der Alliierten zur „Entnazifizierung“ aufs Korn

Spätes Wirken im Nachkriegsdeutschland

Im Juni 1945 wurde v. Salomon in Oberbayern, wo er seit 1940 ein Haus besaß, von den us-amerikanischen Besatzern verhaftet und interniert. Während seiner Haftzeit bis September 1946 erlebte er viele Grausamkeiten der Besatzer, von den Internierten erlebte er hingegen viel menschliche Größe, aber auch so manche Unzulänglichkeiten. Dies alles ist in seinem wohl berühmtesten Werk „Der Fragebogen“ von 1951 nachzulesen. Ernst v. Salomon nimmt die in dem Fragebogen zur „Entnazifizierung“ enthaltenen 131 Fragen zum Anlass, diese sehr ausführlich (die verschiedenen Ausgaben haben bis zu 1.150 Seiten), in Rückblenden und teils sarkastisch zu beantworten. Salomon geriert sich in dem Buch allerdings nicht als „Widerstandskämpfer“, wie es nach dem verlorenen Krieg plötzlich sehr viele taten, sondern blieb seiner Natur als nationaler Deutscher treu, auch wenn er kein Parteigänger der Nationalsozialisten war. Durch diese Kontroversen wurde „Der Fragebogen“ zu einem der ersten literarischen Nachkriegs-Verkaufsschlager.

Auch im Filmgeschäft konnte v. Salomon als Drehbuchautor bald wieder Fuß fassen. So verfasste er 1954-1955 die Drehbücher zu der „08/15“-Trilogie, unter anderem mit Joachim „Blacky“ Fuchsberger in einer Hauptrolle. Auch die Drehbücher zu „Liane, das Mädchen aus dem Urwald“ und „Liane, die weiße Sklavin“ stammten aus seiner Feder und wurden zu Erfolgen an den Kinokassen.

Neben seiner Tätigkeit im Filmgeschäft schrieb er auch weiterhin Bücher, die aber nie an den Erfolg seiner frühen autobiographischen Werke anknüpfen konnten. Dennoch sollte sein letztes Werk „Der tote Preuße“ von 1972 nicht unerwähnt bleiben, in dem v. Salomon den „Roman einer Staatsidee“ verfasste. Einerseits ist es ein Geschichtsbuch, andererseits wird darin auch die Sehnsucht nach dem „alten Preußen“ deutlich, das ihm als Jugendlicher und Kadett so viel Halt gegeben hatte.

Bis zu seinem Tod am 9. August 1972 blieb die Person Ernst v. Salomon so faszinierend wie ambivalent: Vom Freikorpskämpfer zum Attentäter, vom Soldaten zum Teilnehmer einer Friedenskonferenz von Gegnern der Atombombe in Tokio 1961; vom gefeierten Schriftsteller und Chronisten („Das Buch vom deutschen Freikorpskämpfer“) im Dritten Reich bis zur Einstufung von „Der Fragebogen“ als „antifaschistische Biographie“ in der DDR; vom Teilnehmer an den „Lippoldsberger Dichtertagen“ von Hans Grimm (Verfasser von „Volk ohne Raum“) bis zum gern gesehenen Gast in französischen Talkshows in der Nachkriegszeit.

Warum ist Ernst v. Salomon auch heute noch als Grundlagenliteratur im nationalen und sozialistischen Lager zu empfehlen? Weil seine Person und seine Erlebnisse ein besseres Verständnis dafür aufzeigen, wie die Welt, insbesondere die deutsche, damals tickte. Er zeigt auf, wie sich ein Volk immer wieder materiell und geistig aus der Not erheben konnte – und welcher Wille, welche Kraft und welcher Kampfesmut dem deutschen Volk einmal innewohnten. Auf der anderen Seite stehen die Epochen, in denen er wirkte, aber auch sinnbildlich dafür, wie sich so mancher Zeitgenosse einfach durch die Zeiten schlängelte – wie die Erzählung von dem Kerkermeister im „Fragebogen“, welcher vom Kaiser über die Republik, dem Großdeutschen Reich bis hin zur Besatzungszeit ab 1945 einfach immer seine Arbeit gemacht hat, nur die Insassen haben sich immer wieder verändert.

Es bleibt – und da muss ich den Begriff noch ein letztes Mal wiederholen – die Ambivalenz der deutschen Nation in der Geschichte, die sich in der Person Ernst v. Salomon manifestiert. Dieses Kalenderblatt kann dazu nur ein winziger Abriss all dessen sein, weshalb ich seine Werke dem geneigten Leser wärmstens ans Herz legen möchte. Ernst v. Salomon war vielleicht nicht unbedingt einer „von uns“, aber immer einer für Deutschland!

Erstveröffentlichung in N.S. Heute #48

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