
von Gastautor Stefan Raven
Ein Pfad aus Wurzeln, nass vom Tau
Die Bäume flüstern sacht
Der Nebel steigt wie bleicher Hauch
Inmitten uralter Macht
Der Wind trägt Stimmen aus der Zeit
Wo Runen noch gesprochen
Und unter Moos, im Dämmerlicht
Die alten Schwüre pochten.
So beginnt das Lied „Brockenblut“ auf dem neuesten Album von Kategorie C. Und genau diese Atmosphäre war es, die uns an jenem 11. April auf unserer Wanderung von Ilsenburg hinauf zum Brocken und über einen anderen Weg zurück begleitete.
Der Brocken wirkt auf viele zunächst unspektakulär. Kein alpines Panorama, keine schroffen Felswände, kein Extremsportziel wie die Zugspitze. Und doch ist er – oder gerade deshalb – ein besonderer Ort. Als höchster Berg Norddeutschlands erhebt er sich nicht nur geographisch, sondern auch kulturell und geschichtlich über seine Umgebung.
Seine Bedeutung reicht weit über das hinaus, was man auf den ersten Blick erkennt. Der Brocken ist ein Ort voller Mythen, historischer Brüche und persönlicher Eindrücke – ein Ort, der sich nicht aufdrängt, aber nachwirkt.
Die Jagd beginnt
Um 1:30 Uhr klingelte bei mir an jenem Samstag der Wecker. Nur vier Stunden Schlaf. Auch mehr schlecht als recht. Selbst meine Katze guckte komisch, als ich so ungewohnt früh aufstand. Dabei ist sie es gewohnt, mich um 4:30 Uhr zu wecken. Das macht sie auch am Wochenende, denn auf den Wecker ist ja kein Verlass, der lässt die Wochenenden aus.
Meinen Kaffee trank ich halbwegs unter der Dusche, füllte meine Trinkblase auf, packte meinen Proviant in meinen vorgepackten 35-Liter-Rucksack und bekam pünktlich um 3:28 Uhr die S-Bahn, die mich bis nach Potsdam brachte. Doch da fing das Drama dann an: Die ODEG (Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft), die mich bis nach Magdeburg bringen sollte, hatte über 20 Minuten Verspätung. Ich hätte dank meiner Planung den Anschluss bis nach Ilsenburg im Harz noch bekommen, wo Hannes von Kategorie C mich um 8:29 Uhr abholen wollte. Doch auch auf dem Weg nach Magdeburg kam es wegen zusätzlicher Zwischenstopps zu erheblichen Verspätungen, sodass ich meinen Anschluss nicht mehr bekommen würde. Nach kurzer Absprache mit Hannes haben wir uns darauf geeinigt, dass er und seine Jungs (plus Frau) dann schon mal vorgehen und ich diese einhole. Damit hatten sie einen Vorsprung von einer Stunde, und da sie direkt am Parkplatz zum Heinrich-Heine-Weg geparkt haben und ich vom Bahnhof aus startete, zusätzliche 2,7 km Vorsprung. Würde ich es schaffen, diese einzuholen? Positiv wie ich bin, habe ich das für kein Problem gehalten. Das wurde es aber. Warum, das erzähle ich später…

1. Mythologie – Naturheiligtum, Dämonisierung und lebendige Tradition
Der Brocken ist kein Produkt mittelalterlicher Fantasie. Seine besondere Rolle beginnt deutlich früher – in einer Zeit, in der Landschaft selbst Bedeutung trug.
In vorchristlichen Kulturen Mitteleuropas existierten keine Tempelbauten im klassischen Sinne. Kultische Handlungen fanden in der Natur statt: auf Bergen, in Hainen, an Quellen oder markanten Felsen. Der Ort selbst war das Heiligtum. Gerade exponierte Höhen wie der Brocken boten sich dafür an. Sie waren weithin sichtbar, schwer zugänglich und durch ihre Wetterlage von einer gewissen Unberechenbarkeit geprägt.
Auch wenn archäologische Beweise für konkrete Rituale auf dem Brocken begrenzt sind, sprechen viele Sagen und Überlieferungen für eine frühe besondere Wahrnehmung. Immer wieder tauchen Motive auf wie Geistererscheinungen, wilde Jagden oder Begegnungen mit übernatürlichen Kräften. Solche Motive sind typisch für vorchristliche Vorstellungswelten, in denen Natur nicht nur Kulisse, sondern Akteur war.
Ein zentraler Punkt ist die Natur selbst. Der Brocken ist bekannt für schnelle Wetterwechsel, dichten Nebel und optische Phänomene. Das sogenannte Brockengespenst – ein riesiger Schatten im Nebel, oft von einem Lichtkranz umgeben – dürfte über Jahrhunderte hinweg als Erscheinung gedeutet worden sein. Für Menschen ohne physikalische Erklärung war das kein Zufall, sondern Bedeutung.
Mit der Christianisierung änderte sich die Deutung solcher Orte grundlegend. Was zuvor möglicherweise als heilig galt, wurde nun häufig als unheimlich oder dämonisch eingeordnet. Der Brocken wurde zum Schauplatz der sogenannten Hexensabbate.
Die Walpurgisnacht – die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai – wurde dabei zum zentralen Mythos. In der Vorstellung der Zeit versammelten sich hier Hexen, um mit dem Teufel zu feiern. Diese Bilder sagen weniger über tatsächliche Ereignisse aus als über die Denkweise der damaligen Gesellschaft.
Dabei darf ein Punkt nicht ausgeblendet werden: die reale Brutalität der Hexenverfolgungen. Sie zeigt deutlich, was es heißt, wenn sich die Mehrheit der Menschen von einer politischen Meinung einfangen lässt. (Ähnliches – zum Glück ohne Hinrichtungen – haben wir während „Corona“ erlebt.) Unter dem Einfluss kirchlicher und weltlicher Machtstrukturen wurden Menschen beschuldigt, gefoltert und hingerichtet. Der Brocken wurde symbolisch zu einem Ort dieser Ängste, obwohl er selbst nicht der Ort dieser Prozesse war.
Gleichzeitig zeigt sich hier, wie Mythen sich verändern. Was einst Angst erzeugte, ist heute Teil gelebter Kultur. Die Walpurgisnacht wird im Harz bis heute gefeiert – etwa in Schierke oder Thale. Verkleidungen, Feuer und Inszenierungen greifen die alten Bilder auf, jedoch ohne den ursprünglichen Schrecken. Aus Verfolgungsfantasien wurde Folklore.
Der Brocken ist damit ein Ort, an dem sich Wahrnehmung über Jahrhunderte verschoben hat – ohne dass der Kern verloren ging.

12,5 km und 1.000 Höhenmeter ohne Pause in 2 Stunden und 50 Minuten
Ich war relativ außer Form, hatte in den letzten Wochen wenig Sport gemacht. Ich fragte mich also, ob ich es schaffen würde, Hannes vor dem Gipfel einzuholen. Ich gab von Anfang an richtig Gas. Habe nur kurze Filmsequenzen für meinen YouTube-Kanal gemacht, denn der Weg von Ilsenburg aus gilt, vorbei an mehreren kleinen Wasserfällen und schmalen Bergpfaden, als die schönste Wanderung auf Norddeutschlands höchsten Berg. Das alles hinter mir gelassen, kam ich auf dem Kolonnenweg an, wo ich trotz Funktionsshirt mein T-Shirt wechseln musste, denn unten in Ilsenburg waren es zweistellige Temperaturen mit Frühling, da oben Winter mit mittelstarkem Wind. Kurz nach der 1.000-Meter-Marke sah ich sogar die ersten Schneereste. Dann der Anruf von Hannes. Wir haben uns vorher versucht zu erreichen, hatten aber fast auf der gesamten Tour kein Netz, obwohl die Anbieter von 99 % Netzabdeckung berichten. Ich bin mir sicher, der Empfang wurde in 1.000 Meter Höhe gemessen. Alles andere halte ich für schlichten Mythos.
Hannes sagte, sie würden im Imbiss kurz hinter dem Gipfel sitzen und eine Erbsensuppe essen. Wo ich jetzt sei. In diesem Moment ging ich um eine Kurve und sah vor mir den Funkmast auf dem Brocken. 30 Minuten später habe ich es dann geschafft, machte ein paar Filmaufnahmen vom Gipfel und kehrte dann im Gasthaus ein. Da saß er dann, Erbsensuppe und Bockwurst essend (8,60 € und angeblich sehr lecker). Nach einer herzlichen Umarmung (wir haben uns über ein halbes Jahr nicht mehr gesehen, da wir an unterschiedlichen Enden des heutigen Deutschlands wohnen) sagte er dann zu mir, ich solle mich doch hinsetzen. Ich meinte großspurig: „Ich steh doch hier schon zwei Minuten. Das ist genug Pause.“ Das sorgte für herzhaftes Gelächter unter Hannes‘ Begleitern. Aber ja, ich war noch erstaunlich fit. Ich habe die Strecke in 2 Stunden und 50 Minuten geschafft. Ohne eine Pause. Hannes und seine Leute haben vom Parkplatz aus 3 Stunden gebraucht, was ebenfalls sehr sportlich ist. Wie k.o. wir aber wirklich waren, stellte sich beim Weitergehen heraus. Wir haben überlegt, ob wir noch ein Foto von uns auf dem Gipfel vor dem Stein machen, aber diese 200 Meter wollte keiner mehr wirklich zurückgehen. Einer hat es gemacht, weil er noch einmal in den Souvenirshop wollte. Über den Rückweg berichte ich dann im nächsten Abschnitt.

2. Geschichte in neuerer Zeit – Dichtung, Forschung, Krieg und Grenze
Mit der Neuzeit wurde der Brocken nicht nur betreten, sondern beschrieben, analysiert und gedeutet.
Eine zentrale Figur ist Johann Wolfgang v. Goethe, der den Brocken 1777 erstmals bestieg. Seine Eindrücke fanden Eingang in seine Werke. In „Faust“ beschreibt er die Walpurgisnacht mit den Worten:
Die Hexen zu dem Brocken ziehn,
Die Stoppel ist gelb, die Saat ist grün.
Diese Zeilen zeigen, wie fest der Brocken bereits im kulturellen Bewusstsein verankert war.
Auch Heinrich Heine, dessen Pfad wir gefolgt sind, griff den Harz literarisch auf. In „Die Harzreise“ verbindet er Naturbeschreibung mit persönlicher Reflektion und gesellschaftlicher Beobachtung. Der Brocken erscheint hier nicht nur als Ort, sondern als Erfahrung.
Eine spätere volkstümliche Verdichtung der Harzreise von Heinrich Heine leitete daraus ab:
Viele Steine, müde Beine,
Aussicht keine, Heinrich Heine.
Neben der Literatur entwickelte sich auch die wissenschaftliche Bedeutung. Der Brocken wurde zu einem wichtigen Ort für meteorologische Beobachtungen. Aufgrund seiner Höhe und Lage konnten hier früh systematische Wetterdaten gesammelt werden. Auch die Pflanzenwelt – geprägt durch raue Bedingungen – wurde intensiv untersucht.
Mit dem Bau der Brockenbahn im Jahr 1899 wurde der Berg weiter erschlossen. Technik und Natur trafen hier direkt aufeinander – ein Symbol für den Wandel der Zeit.
2.1 Der Brocken in den Weltkriegen
Im Ersten Weltkrieg spielte der Brocken keine zentrale Rolle im Kampfgeschehen, war aber aufgrund seiner Höhe und Lage für Beobachtung und Kommunikation von Bedeutung.
Im Zweiten Weltkrieg wurde diese Funktion konkreter genutzt. Auf dem Brocken befanden sich militärische Anlagen, insbesondere im Bereich Funktechnik und Luftüberwachung. Seine exponierte Lage ermöglichte eine weiträumige Kontrolle des Luftraums sowie die Nutzung für Signal- und Kommunikationssysteme.
Der Berg war damit kein Ort direkter Gefechte, aber Teil der militärischen Infrastruktur – ein stiller, aber funktionaler Bestandteil des Krieges.
Der gemeinsame Rückweg
Kurz nach Aufbruch vom Gipfel-Imbiss aus haben alle zusammen gemeinsam ein Lied gesummt, was auch die Aufmerksamkeit der anderen Wanderer erregte. Wir freuten uns, als wir wieder unterhalb der Baumgrenze waren, der Wind nachließ und die Temperaturen wieder stiegen. Endlich nicht mehr frieren.
Wir unterhielten uns über allerhand Dinge. Hannes spielte in seiner typischen Art oftmals den Alleinunterhalter. Dabei ging es um die Ablehnung der Theorie der flachen Erde, aber andersherum auch um die Hinterfragung der Mondlandung. Wir stellten auch fest, dass wir beide unabgesprochen voneinander eine Hose von „Revolution Race“ für die Wanderung gewählt haben. Diese tat ihren Job auch richtig gut.
Wir unterhielten uns dann explizit zu diesem Artikel über das neue KC-Lied „Brockenblut“, welches auf dem aktuellen Album „Wir brennen“ erschienen ist. Die Idee entstand im Mai 2025, als ich auf den Brocken gewandert bin. Ich bin ein Anhänger des alten Götterglaubens, mag Mystik und Magie auf meinen Touren. Davon inspiriert schrieb ich, ursprünglich als Gothic-Lied, das Lied „Brockenblut“ und ließ es per KI umsetzen, um meine Brockenwanderung von damals musikalisch zu untermalen. Dieses Lied fand Hannes so gut, dass er als Musiker selbst Hand angelegt hat, den Text maßgeblich optimierte und eigene Ideen einbrachte. Musikalisch wurde das von seiner Band bei Beibehaltung der Melodie in einen mystischen Rocksong umgewandelt und erschien auf der aktuellen CD der Band. Ich bin sehr stolz darauf, den Grundstein gelegt zu haben. Das Lied ist auf Spotify, Amazon Musik, Apple Music und vielen anderen Streamingdiensten verfügbar. Natürlich kann „Wir brennen“ auch als CD unter www.kategoriec.de bestellt werden.
Es ging dann beim Abstieg auf dem Pfad „Gelber Brink“, wo wir uns freuten, auch mal weicheren Boden unter den Füßen zu haben, viel um private Themen. Ich sprach mit Hannes‘ Frau über ihren neuen Kleiderschrank, Hannes erkundigte sich nach meiner Ex-Freundin, welche er ja auch kennengelernt hat, die an jenem Tag meine Katze gesittet hat, und wir sprachen natürlich auch über politische Themen wie das wohl fehlende Geld für die Aufforstung des Brockens nach der Borkenkäferplage, die durch Monokultur künstlich herbeigeführt wurde.
Nebenbei folgten auch viele Witze und gemeinsamer Spaß mit allen Beteiligten. Es war ein rundum positiver Haufen von Menschen, die einfach Spaß und Freude daran hatten, was ihnen auf dieser Tour geboten wurde.

2.2. Der Brocken in der DDR-Zeit
Die einschneidendste Phase begann nach 1945.
Mit der deutschen Teilung wurde der Brocken zum Sperrgebiet. Der Gipfel lag in unmittelbarer Nähe zur innerdeutschen Grenze und wurde vollständig militärisch genutzt. Für die Bevölkerung war er nicht mehr zugänglich.
Auf dem Brocken entstanden umfangreiche Anlagen, darunter Abhörstationen der Staatssicherheit sowie Einrichtungen sowjetischer Dienste. Von hier aus wurden Funkverbindungen überwacht und Informationen gesammelt. Die Höhe des Berges machte ihn zu einem idealen Standort für diese Zwecke.
Der Brocken wurde damit zu einem Symbol der Kontrolle. Sichtbar – aber unerreichbar.
Diese Zeit hat die Wahrnehmung des Berges bis heute geprägt.
3. Wandern seit der Teilvereinigung – ein Berg mit vielen Wegen
Seit der Teilvereinigung hat sich der Brocken zu einem der beliebtesten Wanderziele Deutschlands entwickelt.
Seine Stärke liegt in der Vielfalt. Es gibt zahlreiche Aufstiegsrouten mit unterschiedlichen Charakteren. Der Weg von Ilsenburg führt durch das Ilsetal, vorbei an Wasserläufen, Felsen und dichten Wäldern. Mit zunehmender Höhe verändert sich die Landschaft deutlich – sie wird offener, rauer und windgeprägter.
Andere Wege, etwa über Schierke oder Torfhaus, bieten eigene Eindrücke und Perspektiven.
Der Brocken ist dabei zugänglich, aber nicht belanglos. Gerade das Wetter kann schnell umschlagen. Nebel, Wind und Temperaturunterschiede sorgen dafür, dass der Berg trotz moderater Höhe ernst genommen werden sollte.
Was ihn besonders macht, ist die Verbindung von Natur und Geschichte. Man bewegt sich nicht nur durch Landschaft, sondern auch durch verschiedene Zeitebenen – von alten Sagen über literarische Verarbeitung bis hin zur jüngeren Vergangenheit.

4. Warum der Brocken eine Reise wert ist
Der Brocken ist kein Berg der Extreme – und genau darin liegt seine Stärke.
Er ist zugänglich und gleichzeitig eigen. Historisch aufgeladen, ohne schwer zu wirken. Mystisch, ohne ins Beliebige abzurutschen.
Kaum ein anderer Ort in Norddeutschland vereint so viele Ebenen: mögliche vorchristliche Bedeutung, mittelalterliche Deutung, literarische Verarbeitung, politische Geschichte und heutige Nutzung.
Wer den Brocken besteigt, erlebt nicht nur eine Wanderung. Sondern einen Ort, der mehr ist als die Summe seiner Teile.
Und vielleicht ist es genau das, was bleibt:
Dass dieser Berg nicht laut ist – aber lange nachhallt.
Dummerweise habe ich am Ende der Tour gefragt, ob wir im nächsten Jahr den Höllensteig zum Brocken hochgehen wollen, was der schwerste Weg ist. Hannes fand die Idee gut und hat sogar gefragt, warum erst nächstes Jahr? Ich habe noch nie in Wanderforen gelesen, dass jemand diesen Weg aufwärts gegangen ist. Und auch, als ich letztes Jahr diesen Weg als beschwerlichen Abstieg wählte, ist mir niemand entgegengekommen. Sollte es aber so kommen, bin ich mir sicher, dass mindestens Hannes und ich auf dem Gipfel ankommen. Das wäre hier wieder einen Bericht wert.
Einen 10-minütigen Videobericht zum Artikel gibt es auf dem YouTube-Kanal „Die Abenteuer von Black Raven“
Erstveröffentlichung in Nationaler Sozialismus Heute #54