Japan: Zu Besuch bei den Preußen Asiens (Teil 2/2)

Fortsetzung von Teil 1

Eine Stadt der Superlative

Den Freitag starten wir beim Sensoji-Tempel, dem ältesten und bedeutendsten buddhistischen Heiligtum Tokios, dessen Ursprünge auf das 7. Jahrhundert zurückgehen. Ein Markenzeichen der Tempelanlage ist auch der Umstand, dass es überall von Hakenkreuzen nur so wimmelt, schließlich ist die Swastika bis heute das zentrale buddhistisches Glückssymbol.

Fußläufig ziehen wir weiter zum „Skytree“: Das mit 634 Metern dritthöchste Bauwerk der Erde ist für Touristen vor allem deshalb so interessant, weil es dort zwei große Aussichtsplattformen gibt, die höchste auf 450 Metern. Die Aufzüge erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 600 Metern pro Minute – ohne dass der Fahrgast davon irgendetwas merken würde. In kaum einer Minute sind wir oben und staunen über die riesigen Betonwüsten der größten Metropolregion der Welt mit ihren 38,5 Millionen Einwohnern.

Nachdem wir uns mit der traditionellen Ramen-Suppe (ein erstklassiger Sattmacher!) gestärkt haben, geht es direkt weiter zum nächsten Ort der Superlative: „Shibuya Crossing“ ist die größte Fußgängerkreuzung der Welt, bei jeder Ampelphase wird die Kreuzung von bis zu 2.500 Menschen überquert – in Japan kann also selbst das Überqueren einer Kreuzung, die natürlich von allen Seiten mit bunter Reklame beleuchtet wird, ein Erlebnis sein. Direkt vor dem Bahnhof Shibuya befindet sich die Bronzestatue des „treuen Hundes“ Hachiko (1923-1935), der nach dem plötzlichen Tod seines Herrchens im Jahr 1925 zehn Jahre lang weiterhin täglich zu einer festen Zeit zu dem Bahnhof kam, um auf sein Herrchen zu warten. Hachiko gilt deshalb heute in Japan als Inbegriff der Treue – man könnte es aber auch treudoof nennen.

Tor zum Sensoji-Tempel, dem bedeutendsten buddhistischen Heiligtum in Tokio

Der Tokyo Skytree ist das dritthöchste Bauwerk der Welt

Blick vom Skytree auf den Fluss Sumida, der durch das Zentrum von Tokio fließt

Der wahrscheinlich sauberste Moloch der Welt

Wir sind nun bereits seit einigen Tagen im Lande und haben die Mentalität unserer Gastgeber schon etwas kennengelernt, die ein so interessantes wie zum Teil ambivalentes Bild abgibt. Keine Frage, der Japaner legt viel Wert auf Höflichkeit, die manchmal auch zu einer gewissen Distanziertheit führt. Wo möglich, hält der Japaner auch ein physisches Abstandsgebot ein, der bei uns obligatorische Handschlag ist eher die Ausnahme, stattdessen erfolgt eine Verbeugung mit dem Kopf. Einerlei, wie überfüllt Busse und U-Bahnen sind, niemals gibt es ein Gedränge, jeder wartet bis er dran ist. Der Kalauer, dass sich der Japaner überall anstellen muss, wenn er irgendwo eine Schlange sieht, wird zum geflügelten Wort. In Tokio ist generell (fast) alles schnell und hektisch, niemand schlendert, tagsüber sind die Menschen kaum in Gruppen zu sehen, jeder geht allein seiner Wege. So wirkt der Japaner oft vereinzelt, in der Metro ist grundsätzlich jeder in sein Telefon vertieft, keiner schaut nach links und rechts, niemand hat einen Blick für seinen Nebenmann. Schilder in der Bahn weisen darauf hin, dass es verboten ist, sich so zu verhalten, dass andere Menschen belästigt werden. Japaner können allerdings auch gesellig sein, vor allem dann, wenn sie abends in einer der unzähligen Kneipen und Restaurants beim (recht gewöhnungsbedürftigen) japanischen Bier sitzen.

Jedenfalls bekommen wir schnell einen Eindruck davon, dass die Japaner bis heute nicht umsonst als „Preußen Asiens“ gelten, die Wert auf Disziplin, Ordnung und Pünktlichkeit legen. Als wir an einem Morgen genau eine Minute zu spät zur Frühstücksausgabe kommen, ist jedenfalls eine kleine Diskussion mit dem Personal notwendig, bis wir doch noch etwas zu essen bekommen. Der Beiname „Preußen Asiens“ ist übrigens keine Phrase, denn das kaiserliche Japan hat sich für die Meiji-Verfassung von 1889 tatsächlich von der preußischen Verfassung inspirieren lassen, was den Aufstieg Japans zur Großmacht ermöglichte, mit einer starken Machtkonzentration auf den Kaiser (wohingegen der heutige Tenno Naruhito eher eine symbolische Funktion innehat).

Sehr angenehm für Menschen, die an westeuropäische Zustände gewöhnt sind, ist übrigens das japanische Straßenbild: Keine Drogenzombies und Alkoholsüchtige auf den Straßen, nur sehr wenige Obdachlose, und selbst die scheinen sich einen Rest ihrer Würde bewahren zu wollen. Das heißt nicht, dass es in Tokio keine Rauschgiftsüchtigen geben würde, doch die verstecken sich entweder oder werden von den Behörden aus dem Weg geräumt, damit die große Mehrheit der rechtschaffenen Menschen nicht vom Abschaum belästigt wird. Tokio dürfte wohl der sauberste Großstadt-Moloch der Welt sein, denn es ist absolut verpönt, Müll auf die Straße zu werfen, obwohl es im öffentlichen Raum gar keine Abfalleimer gibt, sodass die Leute ihren Müll mit nach Hause nehmen müssen. Oder, wenn sie darauf keine Lust haben, entsorgen sie ihn im Mülleimer in einem der unzähligen Convenience-Stores – da ist der Japaner ein Schlitzohr. Diese kleinen Läden mit Namen wie „Seven-Eleven“, „Family“ oder „Lawson“ werden während der Urlaubs zu unseren ständigen Begleitern – nicht zuletzt deshalb, weil es sie wirklich an jeder Ecke gibt. In diesen Läden, die man wohl am treffendsten als „Gemischtwarenladen“ bezeichnen kann, gibt es Lebensmittel, Snacks, Knabberzeug sowie eine große Auswahl an Getränken und Tabakwaren. Wo wir auch schon beim nächsten Thema wären: Japan hat eines der strengsten Rauchergesetze der Welt, das Rauchen auf offener Straße ist verboten und nur in extra ausgewiesenen „Smoking Areas“ erlaubt – was von den Fußgängern (na gut, insbesondere von uns) aber eher großzügig ausgelegt wird.

Auffällig ist zudem, dass in Japan viel Wert auf Sicherheit gelegt wird: An jeder Straßenbaustelle, und sei sie noch so klein, gibt es mindestens einen Sicherheitsposten, der den Passanten höflich den Weg um die Baustelle herum weist. Auch an der Ein- und Ausfahrt zu jedem Parkhaus sorgen Einweiser dafür, dass Fußgänger nicht in Gefahr geraten. Und natürlich läuft in Japan nichts ohne Digitalisierung: Jede noch so kleine Imbiss-Bude verfügt über digitalisierte Speisekarten, und für den öffentlichen Nahverkehr wird die „Suica-Card“ genutzt, eine wiederaufladbare elektronische Fahrkarte, die wie eine Kreditkarte aussieht und die man auch zum Einkaufen in den Läden verwenden kann. Bei aller angebrachten Skepsis gegenüber zu viel Digitalisierung, ist es schon sehr auffällig, wie stark sich die japanische Gesellschaft in Richtung Zukunft bewegt, während unser Land, das gezeichnet ist von Deindustrialisierung, Klima-Wahn sowie allgemeiner Unfähigkeit und Dysfunktionalität, sich aktuell vom Industriestaat zum Schwellenland „zurückentwickelt“.

Dabei sind auch in Japan die wirtschaftlichen Schwierigkeiten durchaus vorhanden: Der schwache Yen sorgt aktuell für steigende Lebensmittelpreise, insbesondere für Grundnahrungsmittel wie Reis sind die Preise zuletzt in die Höhe geschossen. Von der Wirtschaftskrise profitiert vor allem die 2020 gegründete Oppositionspartei „Sanseito“, was so viel wie „Partei der politischen Teilhabe“ bedeutet. Die neue politische Kraft mit ihrem Motto „Japaner zuerst!“ wird mit der deutschen AfD verglichen (Kontakte bestehen bereits), ihr Vorsitzender gar mit Donald Trump. Neben der Wirtschaftskrise wird – was auf den ersten Blick überraschend klingen mag – auch die Einwanderungspolitik in Japan immer mehr zum Thema. Premierminister Ishiba von den konservativen „Liberaldemokraten“, dem eine zu liberale Einwanderungspolitik vorgeworfen wurde, hat Anfang September aufgrund dieses Streitthemas sogar seinen Rücktritt angekündigt. Der Migrantenanteil beträgt in Japan zwar „nur“ drei Prozent, wobei die größten Kontingente aus China, Vietnam und Südkorea stammen – doch auch in Deutschland hat es irgendwann einmal klein angefangen, und man siehe, wo wir heute gelandet sind. „Sanseito“ kritisiert vor allem die voranschreitende Einwanderung aus dem islamischen Raum: Zuletzt kamen beispielsweise tausende Kurden ins Land, denen zum Teil Belästigungen, Gewalt und einschüchterndes Verhalten in großen Gruppen vorgeworfen wurde. Man kann sich vorstellen, dass der sonst stets höflich-distanzierte Japaner für solche Sitten überhaupt kein Verständnis aufbringt.

Ein echter Sattmacher: die typisch japanische „Ramen“-Suppe

Die größte Fußgängerkreuzung der Welt im Stadtteil Shibuya

Geschmackssache: Gegrillte Muscheln auf dem Fischmarkt

Bildung macht durstig!

Abschied von Japan

Es gäbe noch so viel zu erzählen über unsere Reise, was den Rahmen dieses Artikels dann allerdings sprengen würde. So statten wir zum Beispiel auch dem berühmtesten Fischmarkt der Welt „Tsukiji“ unseren Besuch ab. Der überdachte Teil wurde zwar mittlerweile in einen anderen Stadtteil verlegt, doch der äußere Markt ist immer noch an seinem ursprünglichen Ort an der Bucht von Tokio zu finden. Anschließend geht es gestärkt in den Hamarikyu-Garten aus der Edo-Zeit – eine Oase der Ruhe mitten in Tokio, umringt von Wolkenkratzern. Auch auf das traditionelle Onsen-Bad, das aus heißen Quellen gespeist wird, verzichten wir nicht. Nun gehe ich ja gerne in die Sauna, doch so ein Schwitzbad ist wirklich nichts für mich, weshalb ich mehr erschöpft als erholt nach zehn Minuten wieder aus dem Becken steige – immerhin kommt mir die drückende Luft draußen nun wesentlich frischer vor. Am Abend kehren wir in ein „deutsches“ Lokal namens „Baden-Baden“ ein, wo das Personal zwar keine Ahnung davon hat, wie man eine typische deutsche Currywurst oder eine deftige Gulaschsuppe zubereitet, dafür gibt es helles bayerisches Bier, und nach der zweiten Maß singen wir ausgelassen „In Tokio steht ein Hofbräuhaus…!“

Mit einer Tagestour nach Kamakura, dem historischen Zentrum der Samurai, beenden wir unsere Reise, die natürlich wieder einmal viel zu schnell vorüberging. In Kamakura besuchen wir noch einmal einen Shinto-Schrein, wo wir von ruhigen Teichen und sorgfältig angelegten Gärten empfangen werden, um die spirituelle Atmosphäre dieser heiligen Stätte einzufangen. Danach geht es weiter zum Hasedera-Tempel mit seiner neun Meter hohen Kannon-Statue, gewidmet der Göttin der Barmherzigkeit. Ein Markenzeichen dieses Tempels sind die vielen lustigen Figuren, die wohl betende Mönche darstellen sollen. Schließlich bestaunen wir noch den Großen Buddha von Kamakura, eine monumentale, über elf Meter hohe Bronzestatue, die sogar von innen begehbar ist. Auf der malerischen Insel Enoshima genießen wir bei Meeresfrüchten noch einmal den Blick auf den Pazifischen Ozean, und sind uns am Ende alle einig, dass wir irgendwann noch einmal wiederkommen wollen in dieses so gastfreundliche wie historisch und kulturell sehr sehenswerte Land am anderen Ende der Welt.

Hamarikyu-Garten – eine Oase der Ruhe inmitten von Wolkenkratzern

Fromm betende Figuren im Hasedera-Tempel

Der Große Buddha von Kamakura (im Hintergrund)

Abschiedsfoto vor unserem „Stammlokal“

Erstveröffentlichung in Nationaler Sozialismus Heute #50

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