Jüdischer Patriotismus im Kaiserreich

Mit der Gründung des Zweiten Deutschen Reiches kam für die Juden in Deutschland reichsweit die gesetzliche Gleichstellung als Staatsbürger. (Vorher hatte es das nur in vereinzelten deutschen Ländern gegeben.)

Mit Rechten sind natürlich auch Pflichten verbunden; damit wurden die deutschen Juden wehrpflichtig.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, erfaßte ein Taumel nationaler Begeisterung nicht nur die Bio-Deutschen, sondern auch in gleichem Maße ihre jüdischen Mitbürger. Ja, die Juden möglicherweise sogar noch mehr, denn viele von ihnen sahen darin eine Chance, sich als echte Deutsche zu beweisen. So forderte der „Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ (CV) zum „bedingungslosen Patriotismus“ und zum freiwilligen Kriegsdienst der deutschen Juden auf.

Bevor sich allerdings die letztlich hunderttausend jüdischen Soldaten, die unter der Flagge des Kaiserreichs gefochten haben, richtig beweisen konnten, rettete ein anderer einzelner Jude das deutsche Militär vor einer schmählich-frühen Niederlage.

Zu Beginn des Krieges, den man in der Zwischenkriegszeit allgemein den „Großen Krieg“ nannte, bevor man dann begann, die Weltkriege zu nummerieren, wurde Sprengstoff und mithin Munition so gut wie ausschließlich aus Chile-Salpeter hergestellt. Diese Quelle war durch die britische Seeblockade alsbald versiegt. Die Vorräte in den Depots und die äußerst geringe heimische Produktion von Salpeter hätte allenfalls für ein halbes Jahr Kampf gereicht.

Aber nur wenige Jahre vorher hatten die Chemiker Fritz Haber (ein jüdischer Deutscher) und Carl Bosch (Ein Bio-Deutscher) das Haber-Bosch-Verfahren zur Stickstoffsynthese und damit zur Herstellung des für Sprengstoffe erforderlichen Ammoniaks entwickelt. So konnte die deutsche Rüstungsindustrie den durch das Embargo entstandenen Engpaß alsbald überwinden.

Allerdings wandelte sich der Krieg nach anfänglichen deutschen Offensiverfolgen in einen Stellungskrieg.  Die Lebensmittelversorgung wurde schlechter, und die anfängliche Euphorie schwand zunehmend.

Auf der Suche nach einem Sündenbock verbreiteten antisemitische Kreise das Gerücht, Juden würden sich in hohem Maße mit allen möglichen faulen Ausreden vor dem Wehrdienst drücken; oder aber, wenn sie dann doch eine Einberufung nicht vermeiden könnten, dafür sorgen, möglichst fern der Fronten eingesetzt zu werden.

Das Kriegsministerium veranlaßte daraufhin im Jahre 1916 eine sogenannte „Judenzählung“. Das Ergebnis war eindeutig. Ungefähr hunderttausend jüdische Männer trugen des Kaisers Rock; gemessen an ihrem Anteil an der Bevölkerung klarer Durchschnitt. Zwölftausend von ihnen blieben auf dem Feld der Ehre. Die Verlustrate an Toten entsprach damit nahezu exakt der der bio-deutschen kaiserlichen Soldaten. Dreißigtausend deutsch-jüdische Soldaten wurden wegen Tapferkeit ausgezeichnet; fast jeder dritte. Und zweitausend von ihnen – damit also einer von fünfzig – erlangte während des Krieges den Offiziersrang.

Der wohl bekannteste jüdische Kriegsheld war der Jagdflieger Wilhelm Fraenkl, der mit dem höchsten preußischen Orden „Pour le Mérite“ geehrt wurde. Nach einigen Quellen erzielte er 19, nach anderen 20 Abschüsse, eine für die damalige Zeit höchst beachtliche Zahl. (Hermann Göring, gleichfalls mit dem „Pour le Mérite“ geehrt, konnte ihn mit 22 Abschüssen nur knapp toppen.)

Selbst Adolf Hitler hatte im Ersten Weltkrieg zeitweilig jüdische Vorgesetzte. Ernst Moritz Hess war kurze Zeit sein Kompanieführer. Länger war es Hugo Gutmann, ebenso wie Hess Jude. Gutmann war es übrigens auch, der den Gefreiten Hitler für das Eiserne Kreuz 1. Klasse vorschlug, eine damals für einen Gefreiten sehr seltene Auszeichnung.

Auch der bereits erwähnte deutsch-jüdische Chemiker Prof. Dr. Fritz Haber griff noch einmal in das Kriegsgeschehen ein und hätte ihm beinahe eine für uns positive Wende gegeben.

Schon etliche Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hatte es Überlegungen gegeben, giftige Gase oder „stickende Stoffe“ als Waffe militärisch einzusetzen. Im Krim-Krieg von 1854/1855 schlug ein englischer Admiral vor, die russische Besatzung der Festung Sewastopol durch das Verbrennen großer Mengen von Schwefel „auszuräuchern“. Die britische Heeresführung lehnte dies als unmenschlich ab. – Im Burenkrieg von 1899 bis 1902 verwendeten die Briten einen Sprengstoff namens Lyddit. Dieser explodierte beziehungsweise verbrannte in vielen Fällen nicht vollständig, so daß als Rückstand Pikrin blieb, ein atemwegsreizender und ätzender Stoff. Dem lag aber keine absichtliche Gaskriegsführung zugrunde. Und kurz vor dem Ersten Weltkrieg erörterten Militärs mehrerer Länder die Frage, ob Giftgas vernünftig einzusetzen sei. Man kam zu dem Ergebnis, daß der Aufwand ungleich viel höher sei als der zu erwartende Nutzen.

Der Zivilist Haber bewies den Militärs, daß sie sich geirrt hatten. Unter seiner Regie wurde am 22. April 1915 während der Ypern-Schlacht Chlorgas (Chlorin) auf einer Breite von sechs Kilometern abgeblasen.

Etwa tausend alliierte Soldaten starben sofort, und eine weit größere Zahl wurde verletzt, manche davon erlitten so bleibende Schäden, daß sie für den weiteren Kriegseinsatz untauglich waren.

Der Einbruch der Front auf sechs Kilometern hätte eine Wende herbeiführen können, wenn die preußisch geprägten Militärs nur an den Erfolg eines deutsch-jüdischen Wissenschaftlers geglaubt hätten. Es waren zum Nachstoßen nicht genügend Kräfte bereitgestellt worden. So blieb es nur ein kleiner, lokal beschränkter Erfolg. Und die Alliierten erholten sich rasch von dem Schock, indem sie nachrüsteten und ihrerseits auf immer breiterer Front Kampfgase einsetzen.

All das waren aus heutiger Sicht gesehen politische (oder militärische) Sackgassen.

Trotzdem, und das ist interessant, auch wenn man 1914 nicht mit dem ein Vierteljahrhundert später ausgebrochenen Zweiten Weltkrieg vergleichen kann: Auch nach 1939 gab es noch „Hitlers jüdische Soldaten“, wie ein amerikanischer Historiker es beschrieb. Völlig korrekt ist die Bezeichnung nicht. Denn es handelte sich nicht um „Volljuden“, wie die Nürnberger Rassegesetze sie definierten, sondern um „Mischlinge ersten Grades“, im Volksmund auch als „Halbjuden“ bezeichnet. Von denen dienten immerhin hundertfünfzigtausend in der Wehrmacht und speziell auch der Marine.

Einer der bekanntesten, der hier pars pro toto stehen soll, ist Paul Ascher.

Der 1899 geborene Mann, zur Hälfte jüdischer Abstammung, diente in der Kaiserlichen Reichsmarine und wurde bis Kriegsende Fähnrich zur See. In den Jahren 1920 und 1921 diente er in der bekanntlich äußerst rechtsextremen „Brigade Ehrhardt“, deren Lied lautete: „Hakenkreuz am Stahlhelm, schwarz-weiß-rotes Band, die Brigade Ehrhardt werden wir genannt!“ Er war nach den nationalsozialistischen Rassengesetzen Halbjude, erhielt aber von Adolf Hitler persönlich eine „Deutschblütigkeitsbescheinigung“. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkrieges war er Artillerieoffizier des Panzerkreuzers Graf Spee. Der versenkte sich nach einem aufsehenerregenden Gefecht gegen eine Übermacht feindlicher Kreuzer in der La-Plata-Mündung selbst. Ascher geriet in Internierung. Aus dieser floh er und gelangte 1940 zurück nach Deutschland, wo er sich erneut zum Einsatz meldete. Sein letztes Kommando war das berühmte Schlachtschiff Bismarck, wo er unter Admiral Lütjens Zweitkommandierender im Rang eines Fregattenkapitäns war.

Bis zum letzten Augenblick auf der Brücke zusammen mit seinem Admiral den Kampf gegen die gewaltige feindliche Übermacht koordinierend, versank er mit seinem Schiff zusammen in den Tiefen des Atlantiks. Seines tapferen Einsatzes wegen wurde er postum vom Fregattenkapitän zum Kapitän zur See befördert.

Admiral Lütjens übrigens, der mit einer Halbjüdin verheiratet war, versicherte in seinem letzten Funkspruch den damaligen Führer Adolf Hitler seiner unverbrüchlichen Treue und bekundete, bis zu seinem letzten Atemzug für Deutschland fechten zu wollen.

Welche persönliche Verbindung zwischen dem Admiral und seinem Stabschef bestanden hat, ist nicht bekannt. Man darf vermuten, daß die teilweise jüdische Abstammung des einen und die teilweise jüdische Versippung des anderen beiden bekannt war. Und sie blieben als treue Waffenbrüder Seit an Seite bis zum Untergang.

Späte Nachwirkungen deutsch-jüdischen Patriotismus der wilhelminischen Zeit. Es ist ein Verdienst von Robert Bürkle, in der September/Oktober-Ausgabe von N.S. Heute daran erinnert zu haben. Dieser Artikel mag es möglicherweise vertiefen.

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