Plädoyer für die Wiedereinführung der Anrede „Fräulein“

Prinzessin Viktoria Luise von Preußen (1892-1980) hatte als junge Frau bestimmt kein Problem mit der Anrede „Fräulein“

von Gastautor Christian Holz

33 Jahre nach ihrer überhasteten Abschaffung durch übermotivierte Emanzen, die ja meinten, genau zu wissen, wie jede Frau leben müsse, und das zum 1. November 1993 auch gesetzlich durchsetzen konnten, könnte die Anrede „Fräulein“ derzeit ihre Wiedereinführung erleben. Damals mit der Begründung, unverheiratete Frauen würden mit dieser Anrede als „halbe Portion“ und Spielzeug behandelt, auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen, begegne ich inzwischen immer öfter Frauen jeder Altersklasse, die sich von mir gerne mit „Fräulein“ anreden lassen – sei es in einer Chatgruppe im Weltnetz oder im Gespräch auf Erden.

Die einen finden diese Anrede „süß, freundlich und respektvoll“, andere empfinden es als ehrenvoll, und wiederum andere fühlen sich damit wie „gereinigt“. Doch die schönste Bestätigung, dass man wohl die meisten Frauen mit der Anrede „Fräulein“ nicht misshandelt, sondern vielmehr erfreut, lieferte mir erst kürzlich eine etwa 22-Jährige. Nachdem diese Passantin für mich am Automaten Kohle abgehoben und sich mit dem Namen Henriette vorgestellt hatte, wechselten wir noch ein paar Worte, und ich frug sie dabei, ob sie von mir vielleicht mit „Fräulein Henriette“ angeredet werden wolle. Hocherfreut schrie sie fast zurück: „DAS wollen Sie TUN!? Das gefällt mir, Das ist SCHÖN!“

Und in „meiner“ Apotheke folgende Vereinbarung mit einer neuen Mitarbeiterin: „Wie wollen Sie von mir angeredet werden? Sandra und Izra darf ich mit ‚Fräulein‘ anreden.“ – „Dann reden Sie auch mich mit ‚Fräulein Mayer‘ an.“ Praktisch eine herrliche Einwilligung. Und ich rechnete schon mit der Entgegnung: „Nicht mehr ganz knusper, Alter, oder was?“

Ferner gibt es in München die Gastronomiebetriebe „Fräulein Grüneis“ am Südende des Englischen Gartens und das „Café Fräulein“ in der Frauenstraße 11, die obendrein stets rappelvoll sind. Betreiberinnen wie Gäste also scheinen den Begriff „Fräulein“ nicht sittlich anstößig oder für den Umgang mit erwachsenen Frauen „unpassend“ zu finden.

Worauf folglich warten, sondern nichts wie ran an die sofortige gesetzliche Wiedereinführung der Anrede „Fräulein“! Schließlich erwarten auch die jungen Französinnen schier verbiestert, mit „Mademoiselle“ statt mit „Madame“ angeredet zu werden.

Und wie die geneigten Leser selber an der Wiedereinführung der Anrede „Fräulein“ mitwirken können? Vor einer eventuellen Bundestagsinitiative, wenn sich die dortigen Mehrheitsverhältnisse geändert haben werden, kann jeder die unverheirateten Frauen seines Umfelds, zum Beispiel die Verkäuferinnen, Frisörinnen, Physiotherapeutinnen und Nachbarstöchter, mit denen man zu hat, mit „Fräulein“ anreden. Ich unterbreche mich nach der erstmaligen Anrede mit „Fräulein“ allerdings jedes Mal zunächst und frage: „Darf ich Sie überhaupt mit ‚Fräulein‘ anreden?“, um mögliche Entrüstung zu mildern. Oder ich frage im Gespräch: „Möchten Sie von mir vielleicht mit ‚Fräulein xy‘ angeredet werden?“ Und zwar tue ich das auch, um dem jeweiligen Fräulein etwas, daran es selber noch gar nicht dachte, ihm aber gefiele, vorzuschlagen. Ich gewann sogar schon mehrere Lehrerinnen dazu. Auch auf die Gefahr, als kauzig und „von gestern“ durchzugehen, reden die also ihre Schülerinnen seit Neuestem mit „Fräulein Tina“ oder „Fräulein Hübner“ an. Selbst eine Professorin, mit der ich befreundet bin, findet das Anreden ihrer Studentinnen mit „Fräulein“ einen „super Einfall“. Auf diese und ähnliche Weise könnte die Anrede dann wieder üblich werden.

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