
Das Jahr 2025 gab uns allen ein Dauerbrenner-Thema vor: „alte Rechte“ – „neue Rechte“. Diese Thematik schien in dem ablaufenden Jahr so interessant, dass gar renommierte Szene-Zeitschriften sich dies nicht entgehen ließen und damit ihre Hefte füllten. N.S. Heute #46 machte dieses Thema gar zum Leitthema der Ausgabe, und in der Sezession #125 klärte Benedikt Kaiser dazu auf, was er in seinem aktuellen Buch „Der Hegemonie entgegen“ auch letztendlich fortführt und vollendete. Mit der Kolumne „Seitenhieb“ in N.S. Heute #48 von Gottfried Küssel, war meine Vermutung, dass diese Thematik endlich beendet sei, denn Küssel brachte es auf den Punkt: „Die Begriffe einer ‚Alten Rechten‘ und einer ‚Neuen Rechten‘ sind obsolet und jemand, der sie als Begriff der Spaltung nutzen will, ist eben das, was er wirklich ist.“ Und so hätte man mit Küssels Worten diese Thematik abhaken können.
Nun können wir drüber diskutieren, ob dieses Kaugummi-Thema weiterhin sinnvoll ist oder nicht. Aus meiner Sicht wäre die Schublade geschlossen, Thema beendet – für andere, so scheint es, ist diese Themenwelt wohl essenzieller Natur. In der Aufarbeitung zu Gießen und den Vorfällen rund um die Gründung der „Generation Deutschland“ öffnete Götz Kubitschek wieder diese Tür, welche den Zugang zu diesem Thema ermöglichte. Am 30. November schrieb er auf der Internetseite der Sezession: „Die AfD ist überhaupt die Normalisierung patriotischer, rechtskonservativer Potentiale in Deutschland. Alles, was rechts von ihr wuchern und laut sein konnte, spielt keine Rolle mehr. Sie hat den Maßstab angelegt und hat abgeschnitten, was sich nicht anpassen wollte. Diese Aufgabe hat zuvor das neurechte Vorfeld in seinem Bereich erfüllt. Es hat die radikalen, altrechten Kräfte ausgetrocknet und vor eine Wahl gestellt: mit uns, aber mit geläuterter Weltanschauung und der Beachtung roter Linien – oder weiter ohne uns mit unpolitischem, falschem Pathos. Die Parole lautete: Herüber zu uns – unter Bedingungen.“ – So bin ich heute geneigt, zu sagen: Herr Kubitschek, ich möchte Ihnen widersprechen!
Ja, Recht geben möchte ich ihm auch, denn die AfD wird angepasster und gemäßigter auftreten, und dies wird eine grundlegende Aufgabe der Partei und ihrer Jugendorganisation im Kampf um das landesweite Wählerstimmenpotenzial. Man macht sich eben gesellschaftsfähig und attraktiv für die breite Masse. Ja, dies ist, wenn man das so benennen möchte, ein Erfolg des sogenannten „Vorfeldes“, und auch ich nutze nun diesen Begriff gerade vorrangig, um einen anderen zu überdecken. Dennoch steckt in den Aussagen ein gravierender Fehler – natürlich kann man radikale Kräfte eindämmen oder austrocknen, bei dem „altrechten“, lieber Herr Kubitschek, wird Ihnen das nicht gelingen. Meine ersten Widerworte sind nicht meine Widerworte, und so hielt Baldur Landogart in der N.S. Heute #46 folgerichtig fest: „In aller Kürze: Es gibt keine ‚alte Rechte‘ und keine ‚neue Rechte‘, da konservative Werte zeitlos sind…“ und weist eindringlich darauf hin, dass man diese auf allen Seiten wiederfindet. Dies ist die einzige Schlussfolgerung bzw. Erkenntnis, welche themenbasierend es zu teilen gilt!
Nun folgen meine Widerworte. Die Identität und die politischen Haltungen des Menshcen galten schon immer als Domäne der Soziologie, der Philosophie und der Ethik – für mich selbst stellt sich das als chaotisches Gefühlsgewebe dar. Als Mann, auch heute noch im Alter, geplagt mit ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom) benötige ich feste Strukturen, standfeste Orientierungen und Bezugspunkte. In dieser Notwendigkeit findet sich eine Erklärung, warum ich bis heute ein Freund der Mathematik bin – Zahlen und Formeln ergeben immer Sinn. Deshalb stelle ich eine provokante These auf: Konservative politische Haltungen sind die fundamentalen Pfeiler nationaler Selbstwahrnehmung, welche man als ein mathematisches Axiomensystem verstehen muss. In meinen Büchern folge ich den Schritten der Entwicklung, und so ist jede politische Haltungsform ein Ergebnis, ergo eine Weiterentwicklung – ein politisches Baukastensystem, in dem alles aufeinander aufbaut. Die Politik, traditionell das Terrain von Überzeugungen, Werten und kulturellen Prägungen, muss neu vermessen werden.
Wenn wir es schaffen, die biologischen, wissenschaftlichen und emotionalen Basiswerte, die aus unseren politischen Haltungen entstehen, als mathematische Variablen zu begreifen, eröffnet sich uns ein neuer und ungewöhnlicher Interpretationsraum. Statt sich im Getümmel widersprüchlicher Meinungen zu verlieren, finden wir Politik und Haltungen mit Präzision, die sich an axiomatischen Grundlagen, geometrischen Prinzipien und einer unwiderlegbaren Kausalität herleiten lassen. Dieses für mich grundlegende Gedankenspiel mündet in eine konkrete Anwendung: Die Struktur der nationalen Identität, oft als emotionales Konstrukt abgetan, lässt sich als eine hierarchische Pyramide darstellen. Eine Form, die in der Mathematik für ihre Stabilität und klare Gliederung steht. Von der Basis der Familie über das Volk und das Vaterland bis hin zur Spitze des Nationalismus – jedes Element kann als ein definierbares Segment, eine Menge oder eine Funktion innerhalb eines größeren Systems verstanden werden. Das Ziel ist nicht, Emotionen und Haltungen zu leugnen oder zu widersprechen, sondern ihre Entstehung und ihre Wirkungen innerhalb einer kohärenten Struktur zu verorten und darzustellen.
Die Basis wird gelegt in den drei Säulen: Familie, Volk und Vaterland. Hier treffen wir auf die Grundlagen, die das Fundament der konservativen Werte tragen. Eine unumstößliche Feststellung ist, dass diese eine gemeinsame Basis ist, die jegliche Form der „rechten“ Selbstwahrnehmung trägt – in diesen Säulen finden alle politischen Rechts-Strömungen, von Konservativen, „Altrechten“, „Neurechten“, Rechts-Libertären bis zu den Identitären ihren Ursprung. Die Familie wird hier als die Keimzelle der Gesellschaft und der erste Ort der Sozialisation verstanden. Ihre Bewahrung gilt traditionell als Voraussetzung für die Stabilität des Staates und des Menschen. Das Volk wird hierbei nicht staatsbürgerlich, sondern ethno-kulturell definiert, als Schicksals- und Kulturgemeinschaft. Das Vaterland schließlich bildet den geografischen und historischen Rahmen dieser Gemeinschaft. „Eine Gemeinschaft, die ihre Wurzeln verleugnet, verleugnet ihr eigenes Schicksal“ – so hielt es Alain de Benoist fest. Worte, die das sogenannte „Vorfeld“ dementsprechend kennt und somit gebunden ist an der Erkenntnis, dass diese drei Säulen in ihrer Gültigkeit unumstößlich sind.
Die konservativen Werte sind hier als erste Ebene, in einer sich auf den Säulen aufbauenden Pyramide, als Weiterentwicklung zu verstehen, welche in einer substanziellen Verbindung das Individuum und dessen Basiswerte (Familie, Volk und Vaterland) vereint. Sie betont Tradition, Ordnung, Autorität und die Ablehnung radikaler Experimente. Konservative Werte sind darauf ausgerichtet, das Überlieferte zu bewahren und die Kontinuität unserer natürlichen Volksgemeinschaft und der dazugehörigen Kulturlandschaft zu sichern. In der zweiten Ebene entdecken wir den Patriotismus, welcher als aufbauende positive emotionale Bindung zur Nation und zur Region entsteht. Der Patriotismus gilt in der heutigen Zeit als gesunde Form der Heimatliebe und steht ganzheitlich und gesellschaftlich für die Identifikation mit den kulturellen Errungenschaften des eigenen Landes. Eine Pyramidenform würde implizieren, dass nur durch die Einhaltung dieser konservativen Werte der Patriotismus als notwendige kollektive Emotion entstehen kann. Die dritte Ebene, die Spitze der Pyramide, ist der Nationalismus – in der sich der Nationalismus als höchste Form der nationalen Selbstwahrnehmung herauskristallisiert. Nationalismus bedeutet die souveräne Selbstbestimmung unseres Volkes, das Recht, die Geschicke des Vaterlandes ohne fremde Einmischung zu lenken. Es ist eine Weiterentwicklung aus dem Patriotismus heraus, in der die Interessen und die Identität unserer Nation im Zentrum aller politischen Entscheidungen stehen müssen. Der Nationalismus sichert die eigene kulturelle Vielfalt, indem er seine Einzigartigkeit als Nation bewahrt.
Jetzt könnte man mir mit den Worten von Lothar Fritze aus seinem Buch „Kulturkampf“ widersprechen: „Ein Nationalist (…) hat weder übersteigertes, engstirniges Nationalbewusstsein, noch sieht er in Fremden Minderwertiges (…) Ein solcher Nationalismus ist Patriotismus“ – doch wäre diese Aussage nur eine Gleichsetzung von Patriotismus und Nationalismus. In einem Pyramidenmodell müssten sich diese beiden nationalen Selbstwahrnehmungsformen nun dementsprechend eine Ebene teilen, sie wären dann gleichwertig bzw. ebenbürtig. Dies ist dann eine Sichtweise, die von meiner Idee abweichen würde, da man verkennt, dass der Nationalismus eine unweigerliche Weiterentwicklung aus dem Patriotismus heraus ist, welche diesen als Entwicklungsgrundlage bedingt.
Eine Pyramide als Modell, welche eine Hierarchie nationaler Werte und Entwicklungen präsentiert, könnte das Verhältnisdenken innerhalb des „rechten“ Lagers neu ordnen. Mir ist bewusst, dass dieser neuartige Blickwinkel, der zutiefst persönlicher Natur ist, Streitpotenzial in sich birgt und dementsprechend auch Ablehnung erzeugen kann, aber gerade, weil er so unkonventionell und provokant erscheint, so sind dieses Streitpotenzial und diese Ablehnung nicht sein Ziel. Ich möchte eher ein Bewusstsein einfordern, welches mit Respekt und Anstand begleitet wird, indem wir anerkennen, welche Grundlagen unsere politischen Haltungen oder nationalen Selbstwahrnehmungen haben und indem wir ein Verständnis aufbauen für jegliche Entwicklungen innerhalb des patriotischen Pyramidenmodells.
In meinen Widerworten, bzw. dem aufgezeigten Modell der nationalen Werte und Entwicklungen, erkennen wir, worauf ich hinaus möchte: Angeblich „altrechtes“ kann nicht ausgetrocknet oder abgestoßen werden, da man im Umkehrschluss sich selbst austrocknet oder abstößt. „Leben heißt kämpfen gegen das, was mich verneint“ – so möchte ich mit den Worten von Dominique Venner darauf hinweisen, dass Familie, Volk und Vaterland, so „ur-ur-ur-ur-ur-altrechts“ sind, dass die Ablehnung von einem angeblich „Altrechten“ immer auch eine Ablehnung seiner selbst ist. Mir sagte mal ein weiser Mann: „Wenn du mit dem Finger auf andere zeigst, dann zeigen immer drei auf dich zurück.“ In diesem Sinne fordere ich Akzeptanz und Respekt für die gemeinsamen Ursprünge und den individuellen Entwicklungen, denn Seite an Seite lebt es sich doch gar angenehmer als in Ablehnung – gerade dann, wenn es einen gemeinsamen Ursprung gibt, der uns eint. Lasst uns die Differenzierungen vergessen, ordnen wir uns einmal neu und schauen wir gemeinsam, stolz und treu, auf Familie, Volk und Vaterland – den drei Säulen, auf denen unsere politische Verortung aufbaut.
