
„…Rainer Sonntag, wir werden Dich rächen!“ – Welcher nationale Musikfreund kennt diese Textzeile nicht? Doch wer war dieser Mann, der damals besungen wurde? Rainer Sonntag knüpfte Ende der 80er-Jahre in Hessen Kontakte zu den Kreisen um Michael Kühnen, zog nach der Wende zurück nach Dresden und baute eine schlagkräftige Truppe auf, die angetreten war, die Organisierte Kriminalität in der Elbmetropole zu zerschlagen. Den Kampf gegen das kriminelle Rotlichtmilieu bezahlte Rainer Sonntag am 31. Mai 1991 mit seinem Leben.
Rainer Sonntag, Jahrgang 1955, gebürtiger DDR-Bürger, siedelt wenige Jahre vor dem Mauerfall als DDR-Dissident in den Westen über. Er lässt sich im Raum Frankfurt / Langen nieder und knüpft Kontakte zu den Kreisen um Michael Kühnen. In der damaligen nationalen Hochburg Langen, wenige Kilometer südlich von Frankfurt, wird er zum Sicherheitsbeauftragten für öffentliche Aktionen der Kühnen-Truppe. Ab Juli 1988 beteiligt er sich bei der „Nationalen Sammlung“ (NS), die aber schon im darauffolgenden Februar durch das Bundesinnenministerium verboten wird. Seine Kameraden erinnern sich an Rainer Sonntag als einen geselligen und kumpelhaften Typen, der gut mit Leuten umgehen kann. In Krisensituationen ist er furchtlos und zuverlässig, eine echte Kämpfernatur, aber nicht unbedingt ein Schlägertyp, der sich um des Prügelns willen schlägt, sondern ein politischer Soldat im besten Sinne.
Nach der Wende kehrt Rainer Sonntag nach Dresden zurück, wo er sofort beginnt, größtenteils junge Leute um sich zu scharen. In der Plattenbauwüste Dresden-Gorbitz wird er zu einer Art „nationalen Jugendarbeiter“: Im „Grünen Heinrich“, dem einzigen Jugendtreff in Gorbitz, hält er Kameradschaftsabende ab und redet den Jugendlichen ins Gewissen, dass sie nicht auf die schiefe Bahn geraten dürfen und sich von Drogen und Kriminalität fernhalten sollen. Rainer weiß, wovon er spricht, bewegte er sich doch in seiner Frankfurter Zeit selbst vorübergehend im Halbweltmilieu.

Bildquelle: Archiv Thomas Brehl
Gründung des „Nationalen Widerstandes Dresden“
Rainer Sonntag gründet den „Nationalen Widerstand Dresden“, woraufhin sich die nationale Szene in der Elbmetropole als sehr mobilisierungsstark erweist. Christian Worch erinnert sich an folgende Episode: „Wir hatten kurz nach der formalen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 eine Demonstration in Dresden. Unsere einzige Mobilisierung bestand darin, dass ein Kamerad aus Ost-Berlin (aus dem besetzten Haus) nach Dresden fuhr, sich in die nächstgelegene Kneipe am Bahnhof setzte, zwei, drei Leute ansprach, die kurze Haare hatten, und ihnen sagte, nächsten Sonnabend ist Demo, Beginn sowieso Uhr am Bahnhof, Kühnen kommt. Das war die ganze Mobilisierung… Als wir vor Ort ankamen und davon hörten, waren wir ein wenig schockiert. Aber nicht lange. Es kamen immerhin dreihundert Mann! So gut wie alle nur aus Dresden; gerade mal ein dutzend Wessis oder so, und auch aus Berlin (Ostberlin) nicht mehr als zwei oder drei Leute.“
Doch politischer Aktivismus ist für Rainer Sonntag mehr, als nur zu demonstrieren und Kameradschaftsabende abzuhalten. Illegales Glücksspiel, Drogen und Prostitution sollen in Dresden keinen Platz haben, die Elbmetropole hat kurz nach der Wende bereits den Ruf eines „Klein Chicago“. Deshalb gibt Rainer Sonntag die Losung aus: „Dresden darf kein zweites Frankfurt werden!“ Zunächst geht er mit seiner Truppe gegen osteuropäische Hütchenspieler vor, die sich in der Dresdener Innenstadt zu einer wahren Landplage entwickelt haben und mit ihren Tricks Passanten und Straßenhändler bestehlen. Rainer sorgt dafür, dass die Hütchenspieler systematisch aus der Innenstadt vertrieben werden. Meistens reichen dafür Drohungen aus. Wo das nicht hilft, wird wohl auch hin und wieder jemand verprügelt. Von der Polizei werden die Aktivitäten von Sonntags Truppe stillschweigend toleriert. So erwirbt er sich in Dresden einen Ruf als jemand, der mit seinen Kahlköpfen für Ordnung sorgt – sozusagen eine inoffizielle Hilfspolizei.
Märtyrer im Kampf gegen Organisierte Kriminalität
Nach der erfolgreichen Vertreibung der Hütchenspieler nimmt sich Rainer Sonntag die Dresdener Bordellszene vor. Dort blühen Waffen- und Drogenhandel, Zwangs- und Kinderprostitution. Gegenüber den Betreibern des „Sex Shopping Centers“, einem übel beleumundeten Puff in der Moritzburger Straße, kündigt er an, selbst für die Schließung des Bordells sorgen zu wollen, sollte der Laden nicht freiwillig dichtmachen.
Was schließlich an jenem folgenschweren Abend des 31. Mai 1991 geschieht, ist aufgrund der zahlreichen widersprüchlichen Zeugenaussagen nur schwer zu rekonstruieren. Jedenfalls fahren die beiden 24-jährigen Zuhälter und Teilhaber im „Sex Shopping Center“, Nikolas Simeonidis und Ronny Matz, um 23.50 Uhr vor dem Kino „Faun-Palast“ an der Leipziger Straße vor. Dort hat sich bereits eine Gruppe von 20-30 nationalen Jugendlichen versammelt. Was die Skinheads vorhaben, ist unklar: Planen sie eine friedliche Protestaktion oder wollen sie das Bordell gewaltsam stürmen? Jedenfalls steigt Simeonidis mit einer abgesägten Schrotflinte aus dem Fahrzeug, richtet den Lauf auf die Gruppe und lädt durch. Die Gruppe zerstreut sich. Auf der den Zuhältern gegenüberliegenden Straßenseite steigt Rainer Sonntag aus einem Auto aus. Unbewaffnet und mit erhobenen Händen geht er auf Simeonidis zu. Er ruft etwas in die Richtung des Griechen und geht weiter in dessen Richtung, wahrscheinlich will er mit den Zuhältern sprechen. Simeonidis streckt Rainer Sonntag mit einem gezielten Kopfschuss nieder. Die Täter flüchten. Rainer Sonntag stirbt noch am Tatort, er wird nur 36 Jahre alt.

1.500 Nationalisten beim Gedenkmarsch
Nach der Tat halten seine Kameraden am Tatort mehrere Wochen lang eine Mahnwache ab. Die Stelle, an der Rainer Sonntag erschossen wurde, wird zum Blumenmeer. Auf einem Zettel steht „In ewiger Treue fest! Deine Kameraden!“ Auf einem Aufkleber wird martialisch „Blutrache für Rainer Sonntag“ gefordert. Von einem Gebäude weht die Reichskriegsflagge des Ersten Weltkriegs. Am Montag nach dem Mordanschlag stürmen Kameraden das „Sex Shopping Center“ und verwandeln die Einrichtung in Kleinholz.
Am Vormittag des 15. Juni 1991, einem Sonnabend, wird Rainer Sonntag im Beisein von hunderten Kameraden beerdigt. Am Grab spricht sein Kamerad aus der Zeit in Langen, Heinz „Nero“ Reisz: „Das Vermächtnis, das Rainer Sonntag uns zurückgelassen hat: Einigkeit macht stark! Ich bitte darum, befolgen wir es im Sinne von Rainer Sonntag, bekämpfen wir das Chaos, das vor den Türen steht, und lassen wir Rainer Sonntag in seinem geliebten Mitteldeutschland, seiner heiligen Stadt Dresden, das so viel erlebt hat, in Frieden ruhen.“
Nach der Beerdigung findet in der Dresdener Innenstadt der Trauer- und Gedenkmarsch für Rainer Sonntag statt, an dem sich 1.500 Kameraden beteiligen, darunter viele Skinheads und Jugendliche aus Dresden. Der Schweigemarsch verläuft diszipliniert in Reihen und mit Trommelschlägen, im Wind wehen schwarz-weiß-rote Fahnen, Reichskriegsflaggen und Fahnen der später verbotenen „Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei“ (FAP).
Christian Worch erinnert sich an folgende erheiternde Episode: „Ich war mit meinem Auto und einer Lautsprecheranlage da. Irgendwann relativ kurz vor dem Ort der Zwischenkundgebung, dem Kino, das in ein Bordell umgewandelt werden sollte, stockte der Zug. Es war kein Grund zu erkennen. Thomas Wulff schickte ein paar Ordner los zur Zugspitze. Sie kamen nicht zurück, und es ging auch nicht weiter. Wulff schickte mehr Ordner. Die kamen auch nicht zurück, und es ging immer noch nicht weiter. In der Nähe des Lautis waren Siggi Borchardt und die Jungs von der Borussenfront. Wulff sprach Siggi an: Siggi, geh‘ doch mit deinen Leuten mal vor, da scheint es ein echtes Problem zu geben, vielleicht könnt ihr das lösen?! – Siggi trabte mit 50 Mann los. Kam nicht zurück, und es ging auch nicht weiter. Da dachte ich mir, das ist ja merkwürdig. Normalerweise hilft es, wenn man erst Ordner schickt, dann noch mehr Ordner, dann Siggi mit 50 Borussen, wenn das alles nicht hilft, dann muss es wohl ein ernstes Problem geben! Also übergab ich meinen Wagen an einen anderen Kameraden, für den Fall, dass es doch weitergehen sollte, und ging selbst nach vorn. Dort fand ich folgende Situation vor: Am Todesort war eine Mahnwache eingerichtet worden, die übrigens über Tage hinweg rund um die Uhr mit mindestens 20 Personen besetzt gewesen war. (Auch das wieder ein Zeichen für die damalige Mobilisierungsstärke in Dresden.) Als die Spitze des Zuges den Ort erreichte, war sie von der Besetzung der Mahnwache mit lautem ‚Sieg Heil‘ begrüßt wurden. Die Spitze hielt natürlich an und erwiderte in rhythmischen Sprechchören den Gruß. War ‘ne Szene, die ein wenig an die klassische italienische Oper erinnerte. Die ersten eintreffenden Ordner stellten fest: Keine gegnerischen Kräfte, keine Hindernisse, die es physisch zu beseitigen gilt, also stellten sie sich dazu und riefen ebenfalls ‚Sieg Heil‘. Genauso ging es mit den nächsten eintreffenden Ordnern. Und dann mit Siggi und seinen Mannen. Eine Situation, wie man sie sich heute nicht mehr vorstellen kann. Die Polizei war in moderater Stärke vorhanden und blieb passiv. ‚Sieg Heil‘ galt damals noch nicht als ‚Kennzeichen‘, zumindest im (neuen) Osten der Republik nicht. Schließlich ließen sich die Teilnehmer davon überzeugen, dass die Veranstaltung sich nicht darin beschränken könne, eine halbe Stunde lang gewissermaßen wie bei einem Wechselgesang gruppenweise ‚Sieg Heil‘ zu rufen, sodass aufgerückt wurde und die Zwischenkundgebung beginnen konnte…“
Auf der Zwischenkundgebung sprechen unter anderem der später als V-Mann enttarnte Thomas Dienel aus Thüringen sowie „Nazi-Rocker“ Arnulf Priem aus Berlin, der in seiner Rede verspricht, die ersten 100 Mark an jene zu spenden, die die Mörder von Rainer Sonntag zur Strecke bringen, und seine Rede mit einem dreifachen ‚Sieg Heil‘ beendet, das von vielen Demonstrationsteilnehmern erwidert wird.

Erstinstanzlicher Freispruch, Haftstrafe in der Revision
Der Prozess gegen Nikolas Simeonidis und Ronny Matz beginnt im März 1992 vor dem damaligen Dresdener Bezirksgericht (heute: Landgericht). Simeonidis wird in Handschellen vorgeführt, Matz wurde bereits aus der Untersuchungshaft entlassen und kommt als freier Mann zum Prozess, obwohl die Anklage auf gemeinschaftlichen Mord lautet. Der Verteidiger von Simeonidis ist der „Star-Anwalt“ Rolf Bossi, der in einem Interview den Vertreter der Anklage, Oberstaatsanwalt Hans Heck, als „Nazi“ bezeichnet und ihn mit Richtern in der NS-Zeit vergleicht. Bossi weiß, wie man die Medien für seine Zwecke einspannen kann.
Der Mordvorwurf gegen die Angeklagten wird bereits während des Prozesses fallengelassen und auf Totschlag runtergestuft. In seinem Plädoyer fordert der Vertreter der Staatsanwaltschaft für den Todesschützen Simeonidis viereinhalb Jahre Haft. Selbst die Medien und sogar die Verteidiger reagieren überrascht, als das Urteil verkündet wird und die Täter freigesprochen werden. Zwar habe Simeonidis mit dem gezielten Kopfschuss die Grenzen der Notwehr ganz klar überschritten, doch sei er in der konkreten Situation in Todesangst gewesen und habe in einer „Angstpsychose“ gehandelt. – Klar, ein druchtriebener Zuhälter bekommt Todesangst, wenn ein einzelner, unbewaffneter Mann mit erhobenen Händen auf einen zugeht…
Die politische Motivation der Freisprüche hätte deutlicher kaum sein können. Bundesweit berichten die Medien über den Prozess, auch im Fernsehen werden die Bilder gezeigt, wie der grinsende Todesschütze nach dem Urteilsspruch als freier Mann den Gerichtssaal verlässt und mit dem Auto nach Hause gefahren wird. Nach dem Urteilsspruch demonstrieren erneut über 1.000 Nationalisten für Rainer Sonntag, diesmal allerdings in Leipzig. Der Protestmarsch zum alten Reichsgerichtsgebäude muss zwischenzeitlich unterbrochen werden, weil die Polizei eine Bombe räumen muss, wobei auch Bombenroboter zum Einsatz kommen. Ob die Bombe funktionsfähig war und wie viel Schaden sie hätte anrichten können, ist nie öffentlich bekannt geworden.
In der Revision werden die Freisprüche am 3. Februar 1993 vom Bundesgerichtshof aufgehoben und das Urteil zur erneuten Entscheidung an das Landgericht zurückverwiesen. Das Landgericht Dresden verurteilt Simeonidis schließlich im Oktober 1993 doch noch wegen Totschlags, allerdings zu einer vergleichsweise geringen Haftstrafe von fünf Jahren. Mittäter Ronny Matz, der das Fluchtauto fuhr, erhält eine zehnmonatige Bewährungsstrafe.
Weitere öffentliche Gedenkaktivitäten für Rainer Sonntag hat es nach hiesigem Kenntnisstand nicht gegeben. Ein Hauptgrund wird darin bestanden haben, dass die Truppe, die sich um Rainer Sonntag geschart hatte, sich bald nach seinem Tode wieder verlief. Allerdings erhielt der Blutzeuge der Bewegung noch einige musikalische Erwähnungen in Liedern von „Tonstörung“, „Macht & Ehre“ sowie der später als „kriminelle Vereinigung“ verbotenen Musikgruppe „Landser“.