Reich und Imperium

Die Überreste des Forum Romanum in Rom
Quelle: BeBo86, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Unser Herausgeber meint im Editorial der Ausgabe Mai/Juni, so sei „Imperium schließlich die lateinische Entsprechung des Wortes, das wir heute als ‚Reich‘ übersetzen“.

Das ist ein Irrtum.* Imperium kommt vom lateinischen imperare. Dies bedeutet „befehlen“, die Nebenbedeutung ist „herrschen“. (Was logisch ist, denn wer erfolgreich befiehlt, herrscht…)

Das Imperium Romanum – in unserer Kultur der Urbegriff des Imperiums, auch wenn es in Kleinasien und im Nahen wie Mittleren Osten früher schon andere Imperien gegeben hat – herrschte durch Sprache und Kultur, nicht durch eine geschlossene Ethnie. Das römische Bürgerrecht konnte jeder erlangen, der Latein gelernt hatte, der mit der römischen Kultur vertraut war und sie akzeptierte, und der entweder reich und von hohem Stand war oder aber sich durch Verdienste – beispielweise bei den Auxiliarien, den Hilfstruppen der Legionen – ausgezeichnet hatte. Joachim Fernau beschrieb den Kulturimperialismus des frühen Roms spöttisch so: „Sie sagten sich, warum sollten hunderttausend Römer Sarmatisch lernen, wenn genausogut eine Million Sarmaten Latein lernen konnten.“ So wurden dann letztlich aus Sarmaten und Sabinern und anderen historischen Völkerschaften Nord- und Mittelitaliens Römer; so wurden aus den Nachkommen griechischer Siedler in Süditalien und auf Sizilien Römer, so wurden aus vielen Galliern und hier und da auch mal Germanen Römer.

„Reich“ hat als sprachliche Wurzel das protogermanische rikijaz, königlich, mächtig, reich. Über rihhi (althochdeutsch) und rich(e) (mittelhochdeutsch) entstand dann das neuhochdeutsche „Reich“. Es bezeichnete den Be-Reich eines Herrschers. Insofern war es ein eher geographisch geprägter Begriff.

Die Bevölkerung eines solchen „Be-Reichs“ beispielsweise germanischer oder keltischer Stammesfürsten zeichnete sich dadurch aus, daß sie überwiegend, ganz überwiegend, ethnisch homogen war. Des sprachlich-kulturellen Imperialismus des Römischen Reiches bedurfte es auch dann nicht, wenn ein Stammesfürst durch kriegerische Handlungen sein Gebiet, seinen „Be-Reich“, erweiterte, weil auch der dann unterworfene Stamm germanischer oder keltischer Art war.

Erst erheblich später wurden die Grenzen des dann „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ so weit nach Osten verschoben, daß in diesen Randgebieten auch slawische Völker dazugehörten.

Sicherlich kann man die Ausdehnung eines Herrschaftsbereiches als „Imperialismus“ bezeichnen, vor allem dann, wenn sie kriegerisch erfolgt und nicht etwa durch Bündnis oder Vertrag oder durch Heirat und Erbfolge.

Klassisch verstanden vereint ein Imperium aber die teilweise unterschiedlichsten Völkerstämme in sich. Bei den Römern ging es von den Numidiern der nordafrikanischen Steppen bis hin zu den gallisch-keltischen Bretonen des südlichen Englands. Und ohne den Cheruskerfürsten Hermann hätten auch nicht nur kleinere germanische Gebiete dazu gehört, sondern recht zentrale Teile des damaligen germanischen Siedlungsraumes.

In der Neuzeit wandelte der Begriff sich, als die meisten Völker Europas mit Kolonialismus begannen. Genaugenommen ist das eine falsche Bezeichnung: Wenn ich von Spanien und Portugal aus ganz Südamerika unterwerfe, dann weniger, um es mit eigenen Volksangehörigen zu besiedeln. (Das war mehr in Nordamerika der Fall, durch Angelsachen und teilweise Franzosen.) Da ging es dann um Ausbeutung natürlicher Ressourcen, meist verbunden mit Ausbeutung, ja, Versklavung der ursprünglichen Bevölkerung.

Da der Begriff Kolonialismus überwiegend falsch war – wenn wir von der südafrikanischen Burenrepulik absehen, die eine echte Landnahme durch eine ortsfremde Ethnie dargestellt hat –, setzte sich für das, was in Südamerika, in Afrika oder auf dem indischen Subkontinent geschah, der Begriff des „Imperialismus“ durch.

Seither ist dieser negativ konnotiert.

Insofern sind wir Antiimperialisten aus sogar zwei Gründen. Einmal, weil wir Vielvölkerstaaten als unnatürliche und sehr zerbrechliche Gebilde ablehnen. Und zum anderen, weil wir die Ausbeutung oder gar Versklavung fremder Völker ablehnen.

* Anmerkung: Die etymologischen Wurzeln der beiden Begriffe sind tatsächlich unterschiedlich, im Vorwort zur Ausgabe Mai/Juni sollte allerdings darauf hingewiesen werden, dass die beiden Begriffe heute weitgehend synonym verwendet werden und das deutsche „Reich“ inhaltlich somit sinngemäß dem lateinischen „Imperium“ entspricht.

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