Seitenhieb – Die Kolumne von Gottfried Küssel: „Wenn ich Kultur höre… entsichere ich meinen Browning!“

Ein Satz, der Dr. Goebbels angedichtet wird, genauso wie Hermann Göring, tatsächlich aber im Schaustück „Schlageter“ von Hanns Johst dem Protagonisten in den Mund gelegt wird.

Kultur? Welche Kultur?

Ist Kultur das, was als „Kunst“ zur Aufführung gelangt, oder gibt es da noch mehr?

Die Herkunft des lateinischen Worts colere leitet sich ab von der indogermanischen Wurzel kuel- für „[sich] drehen, wenden“, sodass die ursprüngliche Bedeutung wohl im Sinne von „emsig beschäftigt sein“ zu suchen ist.
Duden-Redaktion: Kolonie. In: Der Große Duden. Etymologie. Dudenverlag, Mannheim 1963.

Damit wird es klarer!

Kultur umfasst all das, was uns vom rein Triebhaften abhebt. Und somit bekommt die Esskultur ihren Platz, die Wohnkultur, und alle -kulturen bekommen einen solchen in unserer Lebenskultur.

Kultur ist nichts Festes, nichts Festgeschriebenes, sondern ein sich stets entwickelnder Zustand unserer Gemeinschaften, der alle Lebensbereiche umfasst und von jedem Einzelnen getragen werden muss. Dies ist auch der Grund, warum wir begrifflich – zum Glück – keinen kulturellen Einheitsbrei erschaffen können, warum, wie im Wienerischen so treffend beschrieben, „Geschmäcker und Watsch’n verschieden sind“. Weil in die Kultur persönliche Vorlieben einfließen und sie so zu einem großen Ganzen, ohne feste Grenzen, wird.

Eines aber, und das ist vorrangig: Kultur fordert die Tat, das Tun!

Der Konsument, gleich ob er Musik hört, liest, oder dann ganz unten auf der Skala den Bildschirm des Fernsehers oder des Mobiltelefons benutzt, ist kein Teil der Kultur, sondern nur noch das Objekt. In der heutigen materialistischen Zeit das Objekt, welches als kapitalistischer Durchlauferhitzer mit seinem Geld, seinen Daten, oder sonst was, den Markt der Mittelklassigkeit befeuert.

Wenn wir nun fordern, wir müssen uns der eigenen Kultur besinnen, wir bräuchten eine „Kulturrevolution“, oder was auch immer da an Gedankengängen verkündet werden, dann ist dies etwas zu kurz gegriffen. Notwendig ist die Wende weg vom Konsumenten hin zum Schaffenden. Und nein, nicht zum „Kulturschaffenden“. Dieser Dummbegriff der Jetztzeit dient nur dazu, eine selbsternannte Blödelelite zu formen, die, gesteuert von globalen Kapitalströmen, sich vom „Konsumentenvieh“ unterscheiden möge, selbst aber schon längst zu einem solchen verkommen ist.

Die Kultur des Volkes wächst in sich selbst und aus sich selbst. Sie braucht die Reflexion der Gemeinschaft und diese alleine bestimmt den kulturellen Wert der gesetzten Handlung.

Selbst die Unterhaltung einer geselligen Runde in einem Wirtshaus wird so vom blöden Besäufnis zur Wirtshauskultur und schafft in Verbindung mit Bier- und Weinkultur einen nicht unwichtigen Teil unserer Beziehungskultur.

Und so wie schon Goethe festgestellt hat, dass „der Sinn des Lebens das Leben an sich ist“, so kann, auf Kultur umgemünzt, „der Sinn der Kultur die Kultur an sich“ sein.

Kultur ist also wohl, vom dumben Zuhörer zum Erzähler zu werden, vom Leser zum Schreiber, und vom Zuseher zum Darsteller! Dann erst können wir in einen Zwist der Qualität eintreten, wenn genügend Handelnde da sind, über die zu streiten es sich lohnt, denn auch dem Streit liegt eine Streitkultur zugrunde.

Die „Kulturrevolution“ ist demnach nichts Künstliches und gehört daher nicht in die Hand von Künstlern, sondern sollte in jedem innewohnen und sich Wege bahnen aus dem Herzen über Hirn, Zunge und Hand hin zu dem, was dann berechtigt als Volkskultur neu ersteht und das Künstliche, Aufgesetzte hinwegschiebt und einer ständigen Erneuerung und Auffrischung bedarf, denn:

„Die Kultur kann nicht ins Unendliche fort steigen; hat sie den für jedes Volk eigenen wahren nützlichen Grad erreicht, so wird sie Weichlichkeit, Üppigkeit und Zügellosigkeit der Sitten, und endlich gänzlichen Verfall zur Folge haben.“
Johann Christoph Adelung, „Geschichte der Cultur, oder Geschichte der Verbesserung der menschlichen Gattung in Ansehung der häuslichen und öffentlichen Leben“, Band 1 (1782), Vorrede, Seite XXII–XXIII.

Erstveröffentlichung in N.S. Heute #51

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