Spiele sind für Spieler da – Nochmals zum „Altrechts“-„Neurechts“-Ballett

von https://altwritewegner.com/

„Ich will, dass ich leben kann. Ich will, dass meine Partei leben kann. Ich will, dass mein Land leben kann. Ich will, dass mein Volk leben kann. Ich will, dass der Wahnsinn ein Ende hat.“ Klingt doch wohltemperiert, vernünftig und im Rahmen des viel gerühmten „politisch Machbaren“, oder? Hinter diesen Worten mag mancher einen populistischen Trittbrettfahrer à la Michael Stürzenberger, einen patriotischen Medienschaffenden in den sozialen Netzwerken oder gar einen Funktionär der AfD, jener „Partei des gesunden Menschenverstandes“ (so unter anderem die zweifelhaften Gewährsleute Bernd Lucke und Jörg Meuthen), vermuten. Doch nichts davon trifft zu: Sie stammen vom umtriebigen us-amerikanischen Politikberater und damaligen BlackRock-Geschäftsführer Michael Anton, der – unter Pseudonym – in seinem berühmt-berüchtigten Essay „The Flight 93 Election“ vom September 2016 unmittelbar vor der US-Präsidentschaftswahl Republikaner, die Trump aus persönlicher Abneigung nicht wählen wollten, bezichtigte, durch ihr Nichtstun der Vernichtung Amerikas (infolge eines Wahlsieges Hillary Clintons) Vorschub zu leisten. Mit den zitierten Sätzen stellte Anton kurz dar, was Trump als Kerninhalt seines Wahlkampfes ein Alleinstellungsmerkmal gegenüber allen „vorzeigbareren“ republikanischen Mitbewerbern verschafft habe: sein ausdrückliches Bekenntnis zu dem, was hierzulande in außerparlamentarischen Kreisen gern auf das Begriffsungetüm der „ethnokulturellen Kontinuität“ gebracht wird. Mit weniger Zaudern vor Begriffen, die höchstrichterlich für „verfassungswidrig“ erklärt wurden, könnte man auch einfach „völkisches Fortbestehen“ sagen.

Wenn aber diese Forderungen nicht nur von „Völkis“ gleichermaßen wie von „Ethnopluralisten“ unterschrieben werden können, sondern auch – mit Blick auf Amerika – von einem Anhänger der rassisch-esoterischen „Christian-Identity“-Bewegung ebenso wie (mutmaßlich) von einem gänzlich unpolitischen Machtmenschen wie Donald Trump und einem Machiavellisten wie Michael Anton, der einer der wichtigsten Verbindungsmänner der (neo-)neokonservativen Denkfabrik „Claremont Institute for the Study of Statesmanship and Political Philosophy“ ist: Was bedeutet das dann für unser heiß geliebtes Gezänk um die angebliche Trennlinie zwischen „altrechts“ und „neurechts“? Wenn die Unterscheidung von „altem“, angeblich von der Geschichte ins Aus gestelltem Nationalismus und – in logischer Folge – praktisch postnationaler „Neuer Rechter“ anhand des Standpunktes zum historischen Nationalsozialismus vorgenommen werden soll: Welche praktischen politischen Folgen hat das angesichts gegen Null tendierender Einflussmöglichkeiten für beide „Lager“ außerhalb von sozialen Medien?

Von wem sich die „neue“ Rechte ursprünglich eigentlich abgrenzen wollte

Man muss die nachweisliche Entstehung der westdeutschen „Neuen Rechten“ nicht einmal stark verkürzen, um sie einfach darstellen zu können (das hat 2021 sogar eine ARTE-Dokumentation leidlich gut vollbracht): Ihren Kern bilden Versatzstücke antiliberaler, antibolschewistischer und antikapitalistischer Nischenpublizistik der Weimarer Republik, die der Schweizer Kunsthistoriker Armin Mohler ab 1950 mit der Veröffentlichung seiner gleichnamigen Dissertation unter dem von Hugo v. Hofmannsthal übernommenen, konstruierten Sammelbegriff der „Konservativen Revolution“ neu zu verbreiten begann. Sein erklärtes Ziel war es, damit einer neu entstehenden deutschen Rechten Anknüpfungspunkte zu liefern, die nicht sofort mit dem Vorwurf der historischen Schuld abgekanzelt und kriminalisiert werden könnten. Während bereits wenige Jahre nach Gründung der Bundesrepublik der Versuch scheiterte, unter alliierter Kuratel und unter dem Einfluss des gerade gegründeten Verfassungsschutzes radikal rechte Parteipolitik zu betreiben (1952 Verbot der Sozialistischen Reichspartei, 1953 Zerschlagung des „Naumann-Kreises“ innerhalb der FDP durch britische Besatzungsbehörden), fielen diese Nachhalle aus der Geschichte insbesondere in Frankreich, wo Mohler in den 1950ern als Zeitungskorrespondent arbeitete und sich vernetzte, auf fruchtbaren Boden. Dort wurden sie zusätzlich antibürgerlich aufgeladen und kehrten schließlich wieder nach Deutschland zurück, wo sie „Studentenbewegung“ und „Neuer Linker“ ein knappes Jahrzehnt zuvorkamen.

Ein öffentlichkeitswirksames frühes Lebenszeichen gab diese alternative politische Denkform im September 1962 von sich, als in der seinerzeit einflussreichen (und, wie sich später herausstellen sollte, von der CIA finanzierten) Kulturzeitschrift „Der Monat“ auf fast sechs Seiten ein Leserbrief zur laufenden Artikeldebatte „Was ist heute eigentlich konservativ?“ abgedruckt wurde. Hatten sich zum Thema neben Mohler zuvor allerlei BRD-Honoratioren von privaten und öffentlich-rechtlichen Journalisten bis hin zum CDU-Bundestagspräsidenten Gerstenmaier geäußert und dabei vor allem individuelle Freiheitsrechte hochleben lassen, war der Verfasser diesmal ein gerade 24-jähriger Erlanger Student namens Robert Hepp. Hepp, der seit den späten 1950ern mit seiner Aktivistengruppe „Konservative Front“ liberale und antifaschistische Professoren lächerlich machte und bereits als Schüler die Bekanntschaft Mohlers gemacht hatte, schlug einen gänzlich anderen Ton als die herumdeutelnden Vertreter der westdeutschen Funktionseliten an: Ihm ging es ausdrücklich darum, „die Unmöglichkeit des Begriffs ‚konservativ‘ zu entlarven“.

Dieser bedeute in der jungen BRD „alles und nichts“; die „Monat“-Debatte sei nichts weiter als eine selbstgefällige, realitätsferne Plauderei vorgeblich „Konservativer“ auf dem Weg in die geschichtliche und politische Bedeutungslosigkeit. „Die Wiedergutmachung kann getrost als die Staatsräson unserer Republik gelten. Auf diesem konservativen (sprich: restaurativen) Zug beruht im Ausland ihr Ansehen und ihr Kredit.“ Neben einer glatten Absage an den Versuch einer „Wiedergutmachung“ der Zeit des Nationalsozialismus – ob auf finanzieller oder politisch-gesellschaftlicher Ebene – beschrieb Hepp den sich in der deutschen Jugend formierenden Unwillen gegenüber dem gegensätzlichen Verhaftetsein der Bundesrepublik in ihrer Vorgeschichte: „Die junge Generation (…) wehrt sich gerade gegen den historischen Narzissmus, der sich am Ende immer als perverser Nazismus entpuppt. Aus ihren Reihen hört man immer häufiger den Vorwurf, die Bundesrepublik stagniere in fauler Reaktion. Die Jugend steht bekanntlich nie auf der Seite des status quo; und ein vom Moos der Vergangenheit überwuchertes Staatsgebilde wird gleich gar nicht ihre Sympathie gewinnen.“ Diese „skeptische Generation“, wie der damalige Modesoziologe Helmut Schelsky sie 1957 kategorisiert hatte, sei in einer Zeit, in der politisches Engagement in der Wahl zwischen CDU- und SPD-Parteibuch bestehe, lediglich an der Oberfläche politisch gleichgültig geworden und habe sich in Wahrheit in einer fundamentaloppositionellen Haltung eingelebt: „Sie kennen die Frageverbote einer freiheitlichen Demokratie und ihre fast verfassungsmäßig verankerte Sprachregelung. Weil sie aber gleichzeitig ihre Schwächen durchschauen, halten sie sich von den vielen Diskussionen fern, die unser Staat zum Beweis der Freiheit so unermüdlich organisiert.“

In solchen von der Bundesrepublik insgesamt entfremdeten Jugendlichen erblickte Hepp „die neuen Rechten“; neu nicht im Sinne einer Wiederkehr des Gedankenguts „konservative[r] Restaurateure und Reaktionäre“, sondern aufgrund des neuartigen Charakters ihrer von der bundesrepublikanischen Scheinheiligkeit desillusionierten Anschauungen. Konstitutiv für diese „neuen Rechten“, „die den Kampf gegen das liberale Establishment genauso führen sollte[n] wie den gegen die Linke“, seien allein ihre wiederkehrenden Friktionen mit dem „System“ – darüber hinaus seien sie politisch und auch sozial weitgehend heimatlos, hätten diverse Selbstbilder und Subkulturen vergeblich durchprobiert, sich letztlich auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner des „Widerstands“ besonnen und schwankten gegenwärtig zwischen heroischer Vereinsamung im Sinne des „Waldgängers“ Ernst Jüngers oder des „Partisanen“ Rolf Schroers, der „innere[n] Emigration“ und der vorsichtigen Zusammenkunft mit Gleichgesinnten zu einem „Netz unterirdischer Beziehungen“. Hepps provokative Wortwahl, sein Hohn über Linke wie Konservative sowie der süffisante Schlussverweis auf ein „lustig zu lesen[des]“ Kleinkampfhandbuch aus der Schweiz (gemeint: „Der totale Widerstand“), das „weit verbreitet“ sei und von ihm in eine kontroverse Reihe mit Jünger und Schroers gestellt wurde, zeigten sein Selbstverständnis als ein „neuer Rechter“: geistiger Widerständler in einem progressiven, nicht reaktionären Sinne zu sein, zum „Waldgang auch ohne Wald“ bereit und ohne Rücksicht auf die gesellschaftlichen Konventionen der „ideologisch überfremdet[en]“ Bundesrepublik.

Der Schlusssatz ist das Entscheidende: Die „alte“ Rechte, von der sich „neue“ Rechte nach 1945 absetzen wollten, war nie der Nationalsozialismus, sondern stets die überkommene bürgerliche Rechte. In Frankreich und Italien, wo man aus dem Postfaschismus herkam und sich in Anspruch auf einen Dritten Weg ausdrücklich nicht „Neue Rechte“, sondern „Neue Schule“ nannte (ehe die liberale Presse Ersteres zum Allgemeinbegriff machte), ging es gegen die traditionelle, monarchistische und katholische Rechte. In der BRD trat die „echte“, nationalrevolutionäre „Neue Rechte“ der 1960er gegen maoistische Studenten ebenso an wie gegen nationalkonservativen Parteienfilz, vermochte jedoch nicht, sich zwischen diesen beiden Mühlsteinen länger zu halten. Die Begriffsverwirrung wird komplett durch die BRD-„Neokonservativen“ der 1980er und den Treppenwitz der „Neuen Demokratischen Rechten“ der 1990er, die alle ebenfalls von außen das Etikett der „Neuen Rechten“ aufgedrückt bekamen. Nimmt man noch all die seit „9/11“ beziehungsweise 2015 hinzugekommenen Marktschreier gegen muslimische Einwanderung oder gleich den Islam in Gänze hinzu, bleibt endgültig kein verbindendes Element mehr übrig. Abgesehen natürlich von der NS-Ablehnung, zu der man ja ohnehin per Gesetz verpflichtet ist.

Gemeinsam für eine deutsche Zukunft

Ein ernstzunehmender politischer Standpunkt muss sich aber immer irgendwann daran messen lassen, wofür er ist; eine Haltung des reinen Widerwillens ist nicht langfristig attraktiv und vermag nicht praktisch zu wirken. Das hören Populisten aller Art nicht gern, doch deren Zeit neigt sich sowieso bereits dem Ende zu: Wenn der Verfassungsschutz dieser Tage einmal mehr davor warnt – und zwar sämtliche Landesämter nacheinander und zuletzt auch noch das Bundesamt –, dass sogenannte junge Rechte sich heutzutage im Internet zusammenfinden, radikalisieren und organisieren würden, dann nimmt sich das als eine Mischung aus dem Glauben an eigene Vortäuschungen und der Legitimation zum Ausbau eigener Befugnisse aus. Tatsächlich ist es doch so, dass gerade tatsächliche „Überzeugungstäter“ diejenigen sind, die vom Leben selbst radikalisiert worden sind und nicht etwa durch drollige Kacheln bei Instagram oder Telegram.

Wo aber das Leben selbst in den Blick kommt anstelle von abstrakten Utopien und Konstrukten, fallen vorgebliche „Brandmauern“ von selbst. Und wo es um das Fortleben des eigenen Volkes geht (und das sollte es!), da entlarvt sich das zynische Spiel mit Worthülsen von „Alter“ und „Neuer“, von „Tiefer“ und „Echter Rechter“ von allein als das, was es ist – eine ebensolche Werbemaßnahme wie der Aufdruck „verbesserte Rezeptur“. Unsere Kinder sind aber keine Spielfiguren, und für ihre Zukunft genügt es nicht, zur Schlossallee vorzurücken. Also: Spielen wir nicht mit, ersparen wir uns sinnlose Verrenkungen und bauen wir gemeinsam an einer deutschen Zukunft für Deutsche. „[I]ch werde mich (…) nicht abgrenzen. Nicht weil es keine Unterschiede gebe, sondern weil die falschen Leute dazu auffordern und man das außerdem nicht vor den Ohren des gemeinsamen Feindes tut.“ (Zitat Günter Maschke)

Erstveröffentlichung in N.S. Heute #48

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