
Unsere Sprache ist voller Wörter, die aus einer Welt stammen, die es sprachlich so nicht mehr gibt. In Zeiten des Globalismus und Denglisch geht leider viel Althergebrachtes verloren. Wir verwenden Worte wie selbstverständlich, routiniert und meistens gedankenlos. Doch viele Ausdrücke sind älter als Städte, älter als Nationalstaaten, älter sogar als die Trennung von Deutsch und Englisch. Sie sind Sprachreste aus einer Zeit, in der Denken, Fühlen und Handeln enger miteinander verbunden waren als es heute der Fall ist.
Ein Beispiel ist das Wort „harmlos“. Heute meint es etwas Ungefährliches, Belangloses, oft auch etwas, das man nicht ernst nehmen muss. Beispiel: „Der Hund ist harmlos.“ Ursprünglich bedeutete „harmlos“ jedoch schlicht: ohne Harm. Und „Harm“ wiederum war kein physischer Schaden, sondern Kummer, Leid, seelische Bedrängnis. Wer harmlos war, verursachte kein Leid, keinen Unfrieden, keinen Ärger. Dass das englische „harm“ übersetzt bis heute „Schaden“ oder „Leid“ bedeutet, ist kein Zufall. Beide Wörter gehen auf dieselbe germanische Wurzel zurück – ein gemeinsames Erbe, das im Deutschen abgeschwächt, im Englischen jedoch direkter erhalten blieb.
Solche Verwandtschaften finden sich überall. „Angst“ etwa ist kein rein psychologischer Begriff. Im Althochdeutschen bezeichnete Angst Enge, Bedrängnis, das Gefühl des Zusammengedrücktseins in der Brust, in der Seele. Dass das Englische mit „anguish“ ein fast gleich klingendes Wort für seelische Qual kennt, verweist auf dieselbe Vorstellung: Angst war etwas Räumliches, Körperliches und kein abstrakter, seelenloser Zustand. Gefühle wurden nicht „empfunden“, sie widerfuhren einem nahezu und waren körperlich fühlbar. Auch soziale Begriffe tragen Konkretheit in sich. „Freund“ und „friend“ stammen von einer Wurzel, die „lieben“ oder „zuneigen“ bedeutete. Freundschaft war kein neutraler Status, sondern ein aktives Verhältnis der gegenseitigen Zuwendung. Ähnlich verhält es sich mit „Treue“ und „true“: Beide Wörter meinten ursprünglich Festigkeit, Verlässlichkeit und Standhaftigkeit. Wahrheit, also „truth“, war nicht einfach nur etwas Richtiges, sondern meinte eben auch Zuverlässigkeit. Es war also alles irgendwie zusammenhängender, runder und allumfassender; es ergab alles einen Sinn. Mit fortdauernder Sprachvergewaltigung gingen die Bedeutungen verloren.
Manche Wörter haben im Laufe der Zeit ihre Unschuld verloren. „Schlicht“ bedeutete einst einfach, klar oder auch unverstellt. Heute klingt darin oft ein leiser Vorwurf mit. „Listig“ war ursprünglich der Wissende, der Kundige – verwandt mit dem englischen „list“, der Liste, dem geordneten Wissen. Erst später wurde daraus Argwohn. Sprachgeschichte ist eben auch eine Geschichte von Misstrauen. Auch das Wort „Ding“ verweist auf eine andere Welt: Es bezeichnete eine Versammlung, ein Gericht, einen Ort des gemeinsamen Entscheidens. Das englische „thing“ hat diese Spur noch bewahrt. Der Begriff stammt vom germanischen Thing. Wir kennen das am ehesten von dem Begriff des Thingplatzes. Oder von der Zusammenkunft, bei der etwas geklärt wird.
Diese sprachlichen Überreste erzählen von einer Zeit, in der Begriffe weniger abstrakt waren, näher am Körper, näher am sozialen Gefüge. Deutsch und Englisch erscheinen heute wie getrennte Systeme – dabei sind sie Geschwistersprachen, die sich unterschiedlich entwickelt haben. Das Englische hat viele Bedeutungen direkter konserviert, im Deutschen hat sich weitaus mehr verschoben, abgeschwächt oder moralisch aufgeladen. Etymologie ist mehr als Wortkunde. Sie ist eine Form kultureller Erinnerung. In unseren Sätzen leben Vorstellungen und Fantasie. Unsere Sprache war blumig, bedeutsam und inhaltsschwer. Wer genau hinhört, entdeckt unter der modernen Sprache eine andere Welt. Es wäre schön, wenn Worte wieder in ihrer eigentlichen Bedeutung verwendet werden würden. Es ist ungemein spannend, Wörter liebevoll zu zerlegen, um die ursprüngliche Bedeutung zu be„greifen“. Was das Hirn ergreift, geht in Mark und Bein über. Sprache ist ein mächtiges Instrument, welches es zu beherrschen gilt.
Erstveröffentlichung in Nationaler Sozialismus Heute #53
