
Als sich in den Abendstunden des 20. November 2024 die Nachricht verbreitete, dass die Große Dame des deutschen Revisionismus, die so mutige Streiterin für Meinungs- und Forschungsfreiheit, Ursula Haverbeck, im Alter von 96 Jahren gestorben ist, war die Anteilnahme im nationalen Deutschland so überwältigend, wie es seit Jahrzehnten keiner einzelnen Person aus unseren Kreisen mehr zuteilgeworden ist – wahrscheinlich so wie seit dem Tod von Rudolf Heß nicht mehr.
Der deutsche Nationalismus der Gegenwart hatte nur eine Persönlichkeit mit einer solchen Strahlkraft, einem so untadeligen und geradlinigen Leben, eine Idealistin mit reinem Herz, die alte und junge Deutsche so für sich einnehmen und begeistern konnte, wie Ursula Haverbeck. Wo sie auftrat, da erhellten sich die Gesichter, da lauschten gestandene und kampferprobte Männer andächtig einer alten Dame, wenn sie begann von ihrem Leben zu erzählen, von Deutschland und von den Höhen und Tiefen unserer Geschichte. Dabei wirkte sie auch als Greisin noch so frisch und munter, dass, wie es in einer alten Erzählung heißt, der Glanz und Schimmer ihrer längst entschwundenen Jugend wieder aus ihr blühte. – Eine Jugend, die sie in einer schweren Zeit erlebte, was sie selbst jedoch immer als „Gnade der frühen Geburt“ bezeichnete, weil sie Dinge sehen und Kenntnisse erlernen durfte, die der heutigen Jugend verschlossen bleiben müssen.


Ursulas erste Lebensaufgabe: der Einsatz für den Naturschutz
Mit der Gnade der frühen Geburt meinte sie den 8. November 1928, als Ursula Meta Hedwig Wetzel im hessischen Winterscheid (Schwalm-Eder-Kreis) am Vorabend der Weltwirtschaftskrise das Licht der Welt erblickt. Die Eltern besitzen ein Kalkwerk und versorgen die umliegenden Bauern mit Düngekalk. Aufgrund einer Krankheit muss Vater Erich den landwirtschaftlichen Beruf vorerst aufgeben und wird Arbeitsdienstführer im Dritten Reich, mittlerweile war auch Ursulas jüngere Schwester geboren. Nach einigen berufsbedingten Umzügen bekommt die Familie im eroberten „Generalgouvernement“ ein Bauerngut zugewiesen. Das einfache Landleben auf dem Gut beschreibt Ursula später als die schönste Zeit ihres Lebens. Sie lernt, die Natur, insbesondere den Wald zu lieben.
Nach der Flucht aus dem Osten landet die Familie 1945 mit Pferd und Zugwagen bei Verwandten im lippischen Detmold. Doch Ursula hält es nicht lange bei den sturen Ostwestfalen aus, 1949 geht sie für vier Jahre als Zimmermädchen nach Schweden. Noch im Herbst 2023 beim Besuch schwedischer Kameraden in ihrem Haus plaudert sie mit ihren Gästen auf fließendem Schwedisch. Im Anschluss an ihre Zeit als Zimmermädchen studiert sie Pädagogik, Philosophie und Sprachwissenschaften, darunter zwei Jahre in Schottland.
Wieder zurück in Deutschland, lernt Ursula ihren späteren Ehemann Prof. Dr. Werner Georg Haverbeck kennen, die Ehe wird 1970 geschlossen. Prof. Haverbeck, einstiges Mitglied der Reichsleitung der NSDAP, später Pfarrer der anthroposophischen Christengemeinschaft, lehrte trotz seines nationalsozialistischen Hintergrundes bis 1979 als Dozent an der Fachhochschule Bielefeld. Zusammen mit ihrem Ehemann schreibt Ursula zwei Bücher, „Der Weltkampf um den Menschen“ (1995) und „Der Weltkampf um die Gemeinschaft“ (1996), die heute nur noch antiquarisch zu hohen Preisen zu bekommen sind.
Viel Engagement legt Ursula in das „Collegium Humanum“, eine Heimvolkshochschule für Umwelt und Lebensschutz, die sie 1963 zusammen mit ihrem späteren Ehemann gründet. Das Vereinsheim des Collegiums im ostwestfälischen Vlotho ist über Jahrzehnte ein viel besuchter Tagungsort, für völkische Rechte genauso wie für undogmatische Linke, Joseph Beuys und Rudi Dutschke kommen gleich mehrmals zu Besuch. Doch das Regime hat kein Interesse an einer unabhängigen, undogmatischen und freigeistigen Tagungsstätte: Das Collegium Humanum wird am 7. Mai 2008 auf Geheiß des Innenministers verboten, das Vereinsheim und das komplette Vereinsvermögen werden beschlagnahmt, darunter auch Ursulas private Altersvorsorge.
Ursula hat es immer als ihre Lebensaufgabe betrachtet, die Natur zu schützen vor den Menschen, die sie zerstören wollen, wie sie es noch im Juni 2024 bei ihrem letzten öffentlichen Auftritt formuliert, der bezeichnenderweise in einem Gerichtssaal stattfindet – doch dazu später mehr. In den 1970er-Jahren gehört sie zu den Pionieren der Anti-Atomkraft-Bewegung, und 1983 wird sie für sechs Jahre Präsidentin der deutschen Sektion des Weltbundes zum Schutze des Lebens. „Lebensschutz“ versteht sie dabei als integrierenden Oberbegriff für Naturschutz, Tierschutz und Menschenschutz. Zusammen mit dem Bestseller-Autor Herbert Gruhl („Ein Planet wird geplündert“) und dem Ökobauern Baldur Springmann engagiert sie sich zeitweise für die 1982 gegründete „Ökologisch-Demokratische Partei“ (ÖDP). Doch der Versuch scheitert, die Partei als volksfreundliche und heimatbezogene Alternative zu den damals bereits stramm auf Linkskurs getrimmten Grünen aufzubauen.
Ursulas zweite Lebensaufgabe: der Kampf um die Meinungsfreiheit
Ab den 1990er-Jahren beschäftigt sich Ursula verstärkt mit Geschichts- und Erinnerungspolitik. 1992 ist sie Mitgründerin und zeitweise Vorsitzende des Vereins Gedächtnisstätte, der nach seiner selbstgestellten Aufgabe „den Toten, Geschundenen und Geplagten unseres Volkes ein würdiges Denkmal mitten in Deutschland und eine bildliche Darstellung ihres schweren Schicksals in unserer Geschichte mit zeitgemäßen und anschaulichen Mitteln errichten“ will. Dieses Ziel wird 2014 mit der Eröffnung der Gedächtnisstätte im Garten des Rittergutes Guthmannshausen in Thüringen erreicht. Als das Rittergut im April 2021 bei einem linksextremen Brandanschlag stark beschädigt wird, ruft Ursula dazu auf, sich vom Terror nicht einschüchtern zu lassen, weil der Hass niemals über das Gute siegen werde.
Nach dem Tod ihres Mannes 1999 rückt der Geschichtsrevisionismus verstärkt in Ursulas Fokus. Am 9. November 2003 gründet sich in Vlotho eine Organisation mit dem sperrigen Namen „Verein zur Rehabilitierung der wegen Bestreitens des Holocaust Verfolgten“ (VRBHV), dessen stellvertretende Leiterin sie wird, den Vorsitz übernimmt der Schweizer Bernhard Schaub. Doch auch der Einsatz für freie Geschichtsforschung ist im Berliner Regime ein rotes Tuch, der VRBHV wird 2008 zusammen mit dem Collegium Humanum verboten.
Wer nun glaubte, Ursula würde ihren Kampf für Meinungs-, Forschungs- und Wissenschaftsfreiheit aufgeben, der irrte gewaltig: Als für Ursula Anfang der 2000er-Jahre eine 20-jährige Odyssee durch die Gerichtssäle dieses Landes beginnt, wird sie zusammen mit ihrem Mitstreiter Horst Mahler zur bekanntesten Bürgerrechtlerin Deutschlands. Sämtliche Strafverfahren, die in dieser ganzen Zeit gegen sie geführt werden, haben praktisch ein- und denselben Hintergrund: Sie hat in ihrer publizistischen Tätigkeit, durch das Schreiben von Briefen, in Reden oder Interviews die Richtigkeit der offiziellen Geschichtsschreibung zu den jüdischen Opferzahlen während der Zeit des Dritten Reiches abgestritten oder in Frage gestellt. In den ersten Verfahren erhielt sie noch Geldstrafen, 2010 erfolgte erstmals eine Verurteilung zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe.

Die älteste politische Gefangene der Welt
In den folgenden Jahren – Ursula ist zu diesem Zeitpunkt schon längst zu einer Ikone der deutschen Freiheitsbewegung geworden – beschäftigt sie immer wieder die politische Justiz, doch diese ist sich ihrer Sache wohl selbst nicht ganz so sicher: Soll man eine fast 90-jährige Dissidentin am Ende ihres Lebens wegen Meinungsäußerungen einsperren oder nicht? Der Tag sollte allerdings tatsächlich kommen: Ende April 2018 erhält Ursula mal wieder Post von der Staatsanwaltschaft, bis zum 2. Mai soll sie in Bielefeld eine zweijährige Gesinnungshaftstrafe antreten. Allerdings steht zu diesem Zeitpunkt noch ein amtsärztliches Gutachten über ihre Haftfähigkeit aus, zudem befindet sie sich wegen einer Augenkrankheit in ärztlicher Behandlung. Ursula teilt dem Strafverfolgungsapparat deshalb schriftlich mit, dass sie ihre Haft nicht vor dem 10. Mai antreten könne. Was dann passiert, kann man „Zufall“ nennen, oder eben auch nicht: Am 6. Mai fordert das Internationale Auschwitz Komitee, Ursula zur Fahndung auszuschreiben, was dann bereits am folgenden Morgen prompt geschieht. Der Staatsfunk und andere regimenahe Medien geifern schon zur Menschenjagd auf die 89-Jährige – doch Ursula ist nicht etwa auf der Flucht, sondern zu Hause, als sie in den Mittagsstunden des 7. Mai 2018 von einem polizeilichen Greifkommando festgenommen wird. Nun ist es also doch passiert: Ursula Haverbeck wird zur ältesten politischen Gefangenen der Welt, weggesperrt im geschlossenen Vollzug der JVA Bielefeld-Brackwede (wegen „Flucht- und Wiederholungsgefahr“), hinter schweren Eisentüren und wuchtigen Gefängnismauern, in einer 8,4 Quadratmeter kleinen Zelle.
Doch ihre Unterstützer sind vorbereitet: An Christi Himmelfahrt, den 10. Mai, führen bereits über 500 Unterstützer einen Solidaritätsmarsch vom Bahnhof Bielefeld-Quelle zur JVA Brackwede durch, wo sie vor den Gefängnismauern „Die Gedanken sind frei“ singen – und tatsächlich kann Ursula das Lied in ihrer Zelle hören. „Die Gedanken sind frei“, so viel sei an dieser Stelle noch gesagt, war allerdings nicht, wie es viele glauben, Ursulas Lieblingslied. Auf das Lied angesprochen, antwortete Ursula immer: „Es genügt nicht, wenn die Gedanken frei sind, sie müssen auch ausgesprochen werden!“
Kurz nach ihrer Inhaftierung geht die Sonderseite freiheit-fuer-ursula.de an den Start, wo fortan regelmäßig Berichte aus der Haft und kleine Aufsätze erscheinen (kurioserweise verweist die Domain heute auf die Netzpräsenz der AfD). Über die Sonderseite ruft das Aktionsbündnis „Freiheit für Ursula“ zu einer deutschlandweiten Aktionswoche vom 16. bis zum 24. Juni auf. Im Rahmen der Solidaritäts-Woche werden zahlreiche Aktionen durchgeführt, vor allem Aufkleber- und Plakat-Aktionen, Flugblatt-Verteilungen, Banner-Aktionen, Mahnwachen und Kundgebungen.
Doch damit soll es nicht genug sein, der politische Druck soll aufrechterhalten werden, und da bietet sich der nahende 90. Geburtstag der inhaftierten Dissidentin an, um Ursula jetzt erst recht ins Rampenlicht der Öffentlichkeit zu rücken. Kurzerhand gründet sich ein Vorbereitungsstab, der sich in scherzhafter Anlehnung an eine frühere Organisation den Namen „Komitee zur Vorbereitung der Feierlichkeiten zum 90. Geburtstag Ursula Haverbecks“ (KUH) gibt. Der Plan: Die Großstadt Bielefeld mit einer zentralen „Geburtstags-Demonstration“ in den Ausnahmezustand zu versetzen.
Tatsächlich sorgt die Demo am Sonnabend, den 10. November 2018, zwei Tage nach Ursulas Geburtstag, für einen der größten Polizeieinsätze, den die Stadt jemals gesehen hat: 1.800 Polizisten aus 4 Bundesländern werden zusammengezogen, 6 Wasserwerfer und 2 gepanzerte Räumfahrzeuge stehen bereit, in der Luft patrouillieren Hubschrauber und am Boden Reiterstaffeln. Der Fahrzeugverkehr in der Innenstadt wird komplett eingestellt, U-Bahnhöfe geschlossen, die Fußgängerzonen und Konsumtempel wirken wie ausgestorben, und 500 Kämpfer für die Meinungsfreiheit stehen 4.000 Gegendemonstranten gegenüber. Jeder einzelne der 340.000 Einwohner von Bielefeld denkt an diesem 10. November 2018 an den 90. Geburtstag von Ursula Haverbeck – ob er will oder nicht! Der Demonstrationszug führt vom Hauptbahnhof direkt durch die City, vorbei am Rathaus bis zum Justizkomplex aus Staatsanwaltschaft, Amts- und Landgericht, also direkt vor die ostwestfälische Zentrale der politisch motivierten Strafverfolgung. In ganz Deutschland berichten die Hauptnachrichten, und ein Live-Stream von der Demo erreicht bei Facebook innerhalb eines Tages 83.000 Zuschauer – zu viel Reichweite für unzensierte Informationen, das Video wird von Facebook noch am selben Abend gelöscht.

Doch wie ergeht es Ursula selbst während der Haft? Innerhalb des geschlossenen Vollzuges ist sie auf einer offenen Abteilung untergebracht. Auf dieser Abteilung kann sie sich tagsüber frei bewegen, sie kann sich in der Küche selbst etwas kochen und an Gemeinschaftsaktivitäten teilnehmen, die Zelle wird nur über Nacht abgeschlossen. Sowohl bei den Wärtern als auch bei den Mitinsassinnen genießt sie ein sehr hohes Ansehen – letztere, zumeist Verbrecherinnen, können überhaupt nicht verstehen, für was Ursula überhaupt im Gefängnis sitzt. Und sie bekommt Briefe. Kistenweise. Allein zu ihrem Geburtstag einen ganzen Wäschekorb voll. Die Idee eines Unterstützers, ihr durch einen Lieferdienst Blumen in die Zelle zu schicken, muss schon nach wenigen Tagen beendet werden, weil die Anstalt der schieren Masse an Blumen nicht mehr Herr wird, die fortan nicht nur Ursulas Zelle, sondern die ganze Abteilung schmücken. Ursula hält sich in der Haft geistig fit, sie beantwortet Briefe und liest viel. Der Erhalt von kritischer Lektüre wird ihr allerdings verweigert, dafür bekommt sie die Jüdische Allgemeine zu lesen. Auch körperlich bleibt sie agil und geht regelmäßig im Anstaltshof spazieren. Im Sommer 2019 fällt sie mit ihrer Krücke in einen Seerosenteich, sofort eilen Wärter und Mitgefangene zur Hilfe, und noch Jahre später konnte sie über dieses Missgeschick herzhaft lachen.
Doch auch draußen sorgt Ursula weiterhin für Wirbel: Der Partei DIE RECHTE war bereits im April 2018 der Coup gelungen, sie zur Spitzenkandidatin für die Europawahl am 26. Mai 2019 aufzustellen. Der Plan dahinter: Mit einem Wahlergebnis von 0,6 Prozent, das entspricht etwa 180.000 Stimmen, würde DIE RECHTE einen Sitz im EU-Parlament gewinnen, und Ursula müsste dann zumindest solange freigelassen werden, bis das Parlament ihre Immunität aufhebt. Der DIE RECHTE-Europawahlkampf gerät zu einer turbulenten und provokanten Angelegenheit, Ursula ist nicht nur auf tausenden Wahlplakaten zu sehen, ihre Stimme erklingt nun auch im Fernsehen und im Radio, doch am Wahltag kann das nationale Lager leider nicht die erforderliche Schlagkraft unter Beweis stellen.
Zum 91. Geburtstag findet erneut eine Demonstration in Bielefeld statt, wieder ist Ursula tagelang das Stadtgespräch Nr. 1, erneut ziehen ihre Unterstützer, diesmal sind es nur etwa 300 an der Zahl, vom Hauptbahnhof zum Landgericht. Die an den Koordinationsstab herangetretene Idee, an die Teilnehmer Blumensträuße zu verteilen, führt zu dem wohl ersten und einzigen „Blumenblock“ auf einer nationalen Demonstration, wodurch der Marsch ein sehr freundliches Erscheinungsbild bekommt.
Allerdings bleibt Ursula auch über ihren 91. Geburtstag hinaus in Haft, ihre Gesamtstrafe wird auf zweieinhalb Jahre festgesetzt. Zu diesem Zeitpunkt ist sie nicht mehr nur die älteste politische Gefangene, sondern sogar die älteste inhaftierte Frau auf der ganzen Welt; nicht wegen Verbrechen, sondern in Gesinnungshaft wegen Meinungsaussagen; nicht etwa in China, Russland oder Nordkorea, sondern in einem „freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaat“. Kein einziger Tag der Haft wurde ihr erlassen, als sie Anfang November 2018, wenige Tage vor ihrem 92. Geburtstag, wieder in die Freiheit kommt.

Politische Verfolgung bis zum Schluss
Doch die Rachejustiz ist noch längst nicht fertig mit Ursula. Ein Video, das sie kurz vor ihrem Haftantritt zusammen mit dem „Volkslehrer“ aufgenommen hatte, bringt sie wieder vor Gericht, diesmal in Berlin. Besonders der Auftakt des Berufungsprozesses am 18. März 2022 hat die mittlerweile 93-Jährige stark belastet und traumatisiert. Zuvor hatte sie dem Gericht mehrfach erklärt, sich nicht in der Lage zu sehen, von ihrem Wohnort aus 400 Kilometer nach Berlin und 400 Kilometer wieder zurück zu fahren, außerdem fehlten ihr wichtige Unterlagen, um sich auf das Verfahren vorbereiten zu können. Am Abend vor der Verhandlung wird ihr gesagt, dass sie auf jeden Fall am nächsten Morgen vor Gericht erscheinen muss. In der Hektik gelingt es ihr noch, eine Fahrerin zu organisieren, um 4 Uhr morgens wird sie abgeholt und nach Berlin gebracht. Das Ergebnis des Prozesstages: Schon nach 20 Minuten muss die Verhandlung wegen Übermüdung der Angeklagten abgebrochen und vertagt werden.
Ihren letzten juristischen Kampf ficht sie im Juni 2024 an drei Verhandlungstagen vor dem Hamburger Landgericht. Das Berufungsverfahren wegen eines Interviews mit dem ARD-Propagandaformat „Panorama“ und eines Gesprächs mit einem Journalisten am Rande des Schauprozesses gegen den früheren SS-Mann Oskar Gröning in Lüneburg war zuvor fast neun Jahre lang verschleppt worden – ob aus personellen Gründen, wie die offizielle Begründung lautet, oder weil es in der Hamburger Justiz jemand gut mit ihr meinte, wie Ursulas nicht ganz abwegige Vermutung lautet, sei einmal dahingestellt. Zu jedem Verhandlungstag wird sie mit einem Krankentransport aus Vlotho abgeholt und wieder zurückgebracht. Mit dem Rollstuhl wird sie in den Gerichtssaal gefahren, und sie bekommt Kopfhörer, um die Worte der Prozessbeteiligten verstehen zu können. Solche Bilder kennt man sonst aus Kriegsverbrecherprozessen, wenn greisen Ex-Diktatoren irgendwo der Prozess gemacht wird – oder eben einer 95-jährigen Dissidentin in Hamburg.
Wie Kameraden aus ihrem engen Umfeld berichten, hat Ursula zu dieser Zeit gute und weniger gute Tage, wie es bei Menschen ihres Alters oft der Fall ist. Vor Gericht zeigt sie sich mental stark, doch hat auch immer wieder Erinnerungslücken. Von einem schlimmen Sturz im Juli 2023, als sie sich fünf Rippen brach und 13 Tage im Krankenhaus verbrachte, konnte sie sich nie ganz erholen. In ihren „Letzten Worten“ vor Gericht bekräftigt sie noch einmal, dass sie ihr ganzes Leben lang, seit sie denken kann, stets versucht hat, sich das Pro und das Contra anzuhören; sie habe immer wissen wollen, was ist, und mit ihr sei jede Diskussion möglich. Das Hamburger Landgericht hat allerdings kein Interesse an einer Diskussion und verurteilt sie unter Einbeziehung des Berliner Verfahrens zu einer Gesamtstrafe von 16 Monaten, wovon 4 Monate wegen der langen Verfahrensdauer bereits als verbüßt gelten.
Also nochmal ein Jahr in Haft. Alle Freunde aus ihrem Umfeld sind sich einig, und Ursula sagt es mittlerweile auch selbst: diese Haft würde sie nicht überleben. Doch das Justizsystem versucht weiterhin alles, um die Rachegelüste interessierter Kreise zu befriedigen. Der menschenverachtende Plan: Weil sie nicht mehr in ein normales Gefängnis gesteckt werden kann, will man sie ins Justizvollzugskrankenhaus Fröndenberg verfrachten. Das JVK Fröndenberg ist ein geschlossener Vollzug mit eigener psychiatrischer Abteilung – soll Ursula ihre verbleibende Lebenszeit also mit geisteskranken Schwerverbrechern verbringen? Doch erstmal hat sie wieder etwas Zeit gewonnen, denn sie legt Revision gegen das Hamburger Urteil ein, weshalb die Gesamtstrafe bis zu einer letztgültigen Entscheidung nicht vollstreckt werden kann.
Bis zu ihrem 96. Geburtstag am 8. November 2024, den Ursula im kleinen Kreis feiert, hält sie sich tapfer, doch dann kommt ein gesundheitlicher Einbruch. Ursula bereitet sich auf ihren Erdenabschied vor. Jeden Tag sind nun Helfer bei ihr, und ihr Leben bleibt selbstbestimmt bis zuletzt: Infusionen lehnt sie ab, einen Krankenhausaufenthalt ebenfalls, sie will zuhause bleiben. Am Mittwochmorgen des 20. November 2024, um kurz nach 10 Uhr, ist Ursula im Beisein einer Kameradin friedlich eingeschlafen.

Der Preis der Freiheit
Ursula hat ihren Gegnern immer Gesprächsbereitschaft signalisiert. Doch nie hat sie Antworten auf ihre Fragen erhalten, nie ist man ihr mit Argumenten gegenübergetreten, sondern immer nur mit Diffamierungen, Repression und Verhaftung. Wo andere sich feige wegducken, um nicht zu riskieren, nicht zu opfern und nichts in die Waagschale zu werfen, da stand sie, die kleine alte Frau mit den erstaunlich wachen Augen und der (für heutige Verhältnisse) bemerkenswerten Opferbereitschaft, für ihre Überzeugungen ins Gefängnis zu gehen. Sie blieb ein freier Mensch, auch in der Acht-Quadratmeter-Zelle hinter Eisentüren und Gefängnismauern, so wie sie es zuvor im „Panorama“-Interview vor einem Millionenpublikum angekündigt hatte:
Wenn man bereit ist, den Preis für die Freiheit zu zahlen, dann kann man kein Volk unfrei halten. Es geht um den Preis, den man bereit ist zu zahlen.
Erstveröffentlichung in N.S. Heute #45

Weiß man wo Frau Haverbeck begraben wurde? Das Grab sollte geschützt und gepflegt werden.