
Wenn am Volkstrauertag, diesen Sonntag, den 16. November 2025, die Glocken läuten und die Fahnen erneut auf Halbmast wehen, dann sollten wir alle einmal tief in uns gehen. Wenn die Novemberluft kühl und klar ist und der Nebel über den Friedhöfen hängt und die Kränze vor den Denkmälern aufgestellt werden, dann beginnt eine Zeit der Stille. Stille, die wir als Ritual des Friedens nutzen sollten. Stille, die für viele Menschen aus den vergangenen Tagen kein Selbstverständnis war. Es sind ihre Taten und ihre Stimmen, die längst verklungen sind und in uns nachhallen. Tief in uns werden wir nicht die Kälte des Novembers verspüren, tief in uns wird es der Ruf an unser Gewissen sein, der uns mahnen wird, an all jene zu denken, die nicht mehr unter uns weilen. Frauen und Männer, die in den Wirren des Krieges ihr Leben ließen – ob auf dem eigenen Heimatboden oder für jene, die nie heimkehrten.
Der Volkstrauertag wurde 1919 erstmals begangen, als Ausdruck der Trauer um die Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Nach 1945 erhielt dieser Trauertag eine neue und versöhnende Bedeutung: Er erinnert uns nicht nur an die Opfer zweier Weltkriege, sondern an alle, die durch Krieg und Gewaltherrschaft ihr Leben verloren. Ein Trauertag für das gesamte deutsche Volk, entstanden durch Verantwortung aus den vergangenen Tagen, für das eigene nationale Gedächtnis. Erinnerungen, begleitet von Menschen und Handeln, deren Wirken durch die Liebe zum Land, dem eigenen Volke und der Familie höhere Ziele hatten als Glanz und Gloria.
Einer meiner Großväter kam 1952 aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Sieben Jahre geschunden in Lagern, geplagt von Hunger, Kälte und Krankheit – und begleitet von ständigen Erinnerungen an jene Kameraden, die es nicht mehr nach Hause schafften. Er sprach selten über diese düsteren Tage, und wenn, dann mit einer stillen Würde, die mich Demut lehrte. Knapp und sachlich sprach er von dem, was er gesehen und was er verloren hatte. Seine Augen wurden trüb, seine Worte zitterten und es wurde einem immer bewusst, dass es nicht nur Kameraden waren, sondern auch ein Stück von ihm selbst, das nicht heimkehrte.
Zum Volkstrauertag stelle ich mir regelmäßig die Frage, was aus jenen geworden ist, die an Großvaters Seite kämpften. Was wurde aus all den Männern, um die in jenen Stunden der Erinnerungen seine Gedanken kreisten. Kummer, Schmerz und Leid – wie groß können diese sein, wenn an einem fremden Ort die Lebenszeit verrinnt. Eine Vorstellung, die mich persönlich graust und deren Wirklichkeit ich auch nicht imstande bin zu begreifen. Was können wir doch froh sein, solch Grausamkeiten bisher nie erfahren zu haben! Und so quält mich der Blick, der abseits meiner Gedanken auf unsere Gesellschaft schweift. Ich frage mich: Was würden diese Männer denken, wenn sie sehen könnten, wie geschichtsvergessen manche in unserem Land geworden sind? Wie würden sie sich fühlen, wenn sie sehen könnten, dass Menschen – Männer und Frauen wie sie, die durch Liebe und Glaube, Pflicht und Ehre ihr Handeln ihrem Land widmeten – pauschal als „Kriegsverbrecher“ diffamiert werden? Wenn sie wüssten, dass die Erinnerungen an sie durch moralische Selbstüberhebung ersetzt wurde?
Gedenken bedeutet nicht Verherrlichung! Niemand, der die Schrecken des Krieges kannte, sehnt ihn herbei und selbst die, die den Krieg nicht wirklich kennen, möchten diesen nicht. Aber wer die Toten ehrt, erkennt an, dass sie Menschen waren. Dass sie gelitten, gehofft und geliebt haben. Und dass ihr Opfer Teil unserer Geschichte ist. Erinnerung ist kein Schuldbekenntnis, es ein wirklicher Akt der Menschlichkeit, denn wer trauert, der ehrt das Leben, auch das der Gefallenen und der Vergessenen. Hinter jedem Grabstein, ob mit oder ohne Namen, stehen Menschen – Menschen mit Hoffnungen, mit Familie, mit einem Leben, das ihnen genommen wurde. Der Volkstrauertag ist eine ehrfürchtige Verbeugung vor all diesen Menschen – er ist Dank und Erinnerung zugleich, er ist eine Pflicht ohne Selbstsucht und Eifer und er ist der Widerstand gegen das Vergessen!
„Ein Volk, das seine Vergangenheit nicht ehrt, verliert die Zukunft“, sagte einst Theodor Heuss, der erste Bundespräsident der BRD, und ich glaube, diese Worte sind aktueller denn je. Viele Menschen haben es zugelassen und gefördert, dass unsere Helden heute kaum noch geehrt werden. Dass ihr Leid, ihre Opferbereitschaft und ihre Würde in der öffentlichen Erinnerung verblassen – statt Dankbarkeit dominiert heute die moralische Überheblichkeit, und dieser müssen wir uns entgegenstellen. Wenn am Sonntag, den 16. November 2025, die Glocken verklingen und der Nebel sich langsam hebt, dann mögen wir nicht nur an Gräber denken, sondern an Gesichter, an Schicksale, an Leben, die uns heute das unsere ermöglichen und die heute fehlen. Denn nur wer sich erinnert, der bleibt menschlich. Nur der ehrt, der bleibt dankbar und nur wer dankbar ist, der darf hoffen – auf eine Zukunft, in der das Opfer all jener Menschen aus der Vergangenheit nicht umsonst gewesen ist.
„Menschen, die wirklich heldenhaft waren, rühmen sich ihrer Verdienste selbst nie, ihr Feuer lodert bis heute – still – in uns!“
Ein Artikel der mich tief bewegt hat. Niemals dürfen wir die Opfer unserer Vorfahren vergessen, niemals.