Weitlingstraße, Berlin-Lichtenberg 1990: Im Gespräch mit Thomas „Steiner“ Wulff über die erste nationale Hausbesetzung

N.S. Heute: Moin Steiner! Wir wollen mit Dir über ein sehr interessantes Kapitel aus der Geschichte des Nationalen Widerstandes sprechen, nämlich über die ersten „nationalen Hausbesetzungen“ im Frühjahr 1990 im Ost-Berliner Bezirk Lichtenberg. Wie ist damals der Kontakt zwischen den Nationalisten aus Westdeutschland und den Kameraden in Ost-Berlin zustande gekommen?

Steiner: Mitte 1989 war ich als Bereichsleiter-Nord der damaligen „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“ für Schleswig-Holstein, Bremen, Hamburg, Niedersachsen und West-Berlin zuständig, die Mauer war ja noch nicht gefallen. Meine Aufgabe war es, Strukturen aufzubauen, Kameraden zu organisieren und Aktivitäten zu koordinieren.

Zu dieser Zeit kamen die DDR-Flüchtlinge, die über die Tschechoslowakei oder Ungarn ausgereist waren, mit den Zügen in Westdeutschland an. Auch bei uns in Hamburg-Bergedorf wurden einige Flüchtlinge in einer Turnhalle einquartiert. Da waren auch einige junge Burschen dabei, die mit ihren Eltern gekommen waren. Einer davon hatte ganz gezielt nach Kontakt zu uns „Neonazis“ gesucht. In der DDR wurde ja viel darüber berichtet, der „Schwarze Kanal“ von Karl-Eduard von Schnitzler brachte öfter etwas über die Aktivitäten der ANS oder andere Neonazi-Organisationen. Mir wurde gesagt, der junge Bursche möchte gerne mit mir sprechen und einen Kontakt zwischen uns und den Kameraden in Ost-Berlin herstellen. So kam es dann zu den ersten Gesprächen.

N.S. Heute: Wie hast Du die Zeit des Mauerfalls miterlebt?

Steiner: Ich selbst bin am 9. November noch in der Nacht nach Berlin gefahren, wir haben da an der Mauer rumgepickert und hatten schwarz-weiß-rote Fahnen dabei. Uns allen von der politisch aktiven Truppe war klipp und klar, dass das ein unheimlicher Bruch in der Geschichte ist, der uns etwas miterleben ließ, woran wir immer geglaubt haben, nämlich dass die Mauer fällt. Das war für uns eine gigantische Zeit, die wir miterleben durften, und für uns war das natürlich auch ein Aufbruch in Richtung Mitteldeutschland.

Wir erlebten den Zusammenbruch eines Systems, und wir waren uns darüber im Klaren, dass dieser Systemzusammenbruch so total sein wird, dass es erstmal eine Zeitlang dauern wird, bis dort wieder irgendeine Ordnung eintritt, denn es war ja tatsächlich ein Zerfall der Ordnung. Dass es nicht zum kompletten Chaos gekommen ist, lag daran, dass die Deutschen aufgrund ihrer inneren Verfasstheit selbst Ordnung gehalten haben. Die Vopos [Volkspolizisten, die Ordnungshüter der DDR – Anm. d. Red.] haben ihren Dienst weitergemacht, so gut es ging, aber viele Dinge funktionierten nicht mehr und gerieten vollkommen außer Kontrolle. Das war für uns natürlich eine großartige Zeit, in der wir vieles machen konnten, was sonst nicht möglich gewesen wäre und was wir auch im Westen in dieser Zeit nicht umsetzen konnten.

Andre Riechert erstattet Meldung und begrüßt Steiner, um ihm das Objekt zu zeigen
© Steiner
Das erste besetzte Haus in der Türschmiedstraße in Lichtenberg
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N.S. Heute: Wie kam der erste direkte Kontakt zu den Kameraden in Ost-Berlin zustande?

Steiner: Ich machte ein Treffen aus, um die Truppe kennenzulernen, die sich dort in Ost-Berlin schon seit geraumer Zeit gesammelt hatte. Das war noch keine richtige Kameradschaftsstruktur, aber es waren junge Leute, die alle eine nationale Einstellung hatten. Einige von ihnen hatten 1987 beim Sturm auf ein linkes Konzert in der Ost-Berliner Zionskirche teilgenommen, manche hatten auch schon in dem Haftarbeitslager „Schwarze Pumpe“ gesessen, weil sie eine neonazistische Gesinnung hatten und dafür verurteilt wurden.

Ich fuhr aus Hamburg über die Transitstrecke nach Ost-Berlin, wir trafen uns dort am 30. Januar 1990 in der Wohnung eines Kameraden. Die Wohnung war sehr spartanisch eingerichtet, aber das waren halt die DDR-Verhältnisse. Damals hatte auch nicht jeder Kamerad eine eigene Wohnung, das war damals noch Mangelware. Jedenfalls waren die jungen Kameraden aufgeschlossen, neugierig und sehr daran interessiert zu erfahren, wie denn die Neonazi-Strukturen aus dem Westen so arbeiten.

N.S. Heute: Wie waren diese jungen Leute politisch eingestellt?

Steiner: Sie waren antikommunistisch durch und durch, sie wollten unbedingt an einer Revolution mitarbeiten und sie waren absolute Anhänger des Nationalsozialismus, auch wenn sie noch nicht so viel weltanschauliche Schulung hatten. Aber sie hatten eine Grundeinstellung, wie sie bei vielen jungen Mitteldeutschen vorhanden war. Zur Zeit des Mauerfalls waren ja gerade die jungen Leute antikommunistisch eingestellt, da gab es keine „mitteldeutsche Antifa“ oder sowas.

Von ihrer Ausstattung und von der Musikrichtung her waren sie natürlich Skinheads, das gehörte damals dazu. Viele von ihnen hatten, das muss man sagen, gescheiterte und zerrüttete Biographien in der Familie. Nach dem Mauerfall waren diese jungen Burschen nun auf der Suche nach Sinn und Zweck in ihrem Leben. Sie waren voll und ganz auf uns fixiert, und sie hatten im Hinterkopf noch die ganzen Erfahrungen mit der Verfolgung in der DDR, der Stasi-Haft usw. Da steckte denen noch eine gewisse Angst in den Knochen.

Grundsätzlich war aber alles dabei: Der Waffennarr, der schon zu DDR-Zeiten Waffen ausgebuddelt und gesammelt hatte, dann gab es die NS-Devotionalien-Sammler, oder auch die ganz soliden Burschen, die arbeiten gegangen sind, Geld verdienen wollten und auch ganz normal aussahen.

Des Weiteren waren auch schon einige Mädels dabei, die die gleiche Einstellung hatten wie die Kerle und sich engagiert haben. Es gab auch richtige Haudraufs, Kampfburschen, die nach alter Berliner Arbeitersitte einen guten Schwinger gehabt haben und mit ihrer Durchsetzungsfähigkeit keine Angst vor irgendeiner Auseinandersetzung hatten. Und dann gab es noch die zu dieser Zeit weit verbreiteten „Schnacker“, das waren Gernegroß‘ und Wichtigtuer, die damals schon viel sabbeln konnten. Die waren innerlich auch gar nicht gefestigt genug, um dem Staat gegenüberzutreten, was wir später dann auch erfahren mussten.

N.S. Heute: Wie bist Du überhaupt auf die Idee gekommen, leerstehende Wohnhäuser zu besetzen? Das ist ja eine Methode, die man vorher nur von Linksextremisten und Herumtreibern kannte.

Steiner: Ja, wie kam es zu dieser Idee… da muss ich etwas weiter ausholen. Die Stadt Hamburg hatte mich als jungen Burschen sehr geprägt, dort hatte ich mit 16 Jahren meine ersten politischen Kontakte zu den jungen ANS-Aktivisten der 1. Generation.

Zu dieser Zeit habe ich in Hamburg erlebt, wie sich die Linken die Gebäude in der berühmt-berüchtigten Hafenstraße genommen hatten. Diese Hausbesetzer-Szene nahm dann auch Einfluss auf die Musikszene und auf die Punks, die damals noch nicht links waren, sondern einfach nur gegen den Staat. Ich selber war zu der Zeit quasi ein „Nazi-Punk“, wir hatten sogar eine eigene Gruppe, die „Savage Army“, abgekürzt „SA“, und wir hatten das stilisierte Hakenkreuz auf der Jacke mit den vier Balken, das sich Michael Kühnen ausgedacht hatte. In unserer Freizeit haben wir Wehrsport gemacht, aber dann eben auch in der Innenstadt mit den anderen Punks zusammen getrunken und gefeiert – es gab damals schon einige wilde Geschichten.

Einige Jahre nach dem Verbot der ANS/NA 1983 haben wir die „Nationale Liste Hamburg“ (NL) gegründet. Ich hatte die Fahne für die NL entworfen, eine schwarze Fahne mit weißem „NL“-Schriftzug und das „L“ zu einem Pfeil gemacht, das hatte ich mir auch ein bisschen abgeguckt von den Linken. Die Parteizeitung der Nationalen Liste hieß „Index“, den Namen hatte ich mir ausgedacht, weil ich mir dachte, wenn wir sowieso auf den Index kommen, dann können wir uns auch so nennen.

Oder als wir 1986 in Berlin-Spandau Flugzettel für die Freilassung von Rudolf Heß verteilt haben, war das Flugblatt unterschrieben mit „Autonome Nationalisten“ – der Begriff „Autonome“ war damals nur bei den Linken gebräuchlich. Wir haben uns also einiges bei der linken Szenerie abgeguckt und für uns genutzt, auch weil es durchaus einen Charme hatte, denen durch unsere Aktivitäten so ein bisschen Paroli zu bieten.

Das war also ein Grund, warum ich der Meinung war, wir müssten es den Linken gleichtun und ebenfalls ein Haus besetzen. Unabhängig davon hatte ich mich schon zu den frühen Zeiten der ANS und später der FAP geärgert, dass es der nationalen Bewegung im Westen nicht gelungen war, eine solche Struktur aufzubauen und zu finanzieren wie bei den Linken, mit eigenen Objekten. Obwohl nach dem Krieg ja teilweise erhebliche Mengen an Geld verdient wurden von Leuten aus der Kriegsgeneration, die zu erfolgreichen Unternehmern geworden waren, ist in dieser Richtung nichts passiert. Leute wie Dr. Frey haben die Kohle abgezogen ohne Ende, aber sie haben es nicht dafür eingesetzt, bundesweite Strukturen aufzubauen.

Wir standen praktisch vor dem Nichts, als wir mit Michael Kühnen angefangen haben. Die ersten zaghaften Anfänge waren wirklich schwierig. Es war schon ein großer Schritt, in Hamburg eine eigene Wohnung zu haben, wo man sich treffen konnte. Deshalb war für mich schon immer klar, eigene Strukturen sind wichtig, und wenn es irgendwie geht, muss man sie sich schaffen – und in Ost-Berlin war diese Möglichkeit plötzlich gegeben. Ich trug die Idee in mir, durch die Besetzung eines Hauses eine eigene Stätte zu manifestieren, in der sich unsere Bewegung festsetzt und von wo aus ein Fundament vorangetrieben werden konnte.

Diese Gedanken hatte ich also im Hinterkopf, als ich durch Ost-Berlin fuhr, die Mauer war gerade gefallen, und ich sah die endlosen Reihen von Häusern, die teilweise leerstehend waren. Das waren keine Bauruinen, sondern ganz normale Wohnhäuser, natürlich älterer Bauart, aber alle waren in Schuss. Die Gebäude waren kurz zuvor noch bewohnt gewesen, aber nun standen sie zum überwiegenden Teil plötzlich leer. Du konntest in die Treppenhäuser reingehen, durch alle Etagen durch, die Wohnungstüren standen teilweise offen, die Wohnungen waren voll möbliert, die Leute hatten einfach ihre Koffer gepackt und sind in Richtung Westen gegangen. Das waren ganze Straßenzüge von alten deutschen Wohnhäusern in Lichtenberg und in anderen Stadtteilen von Ost-Berlin, wo es so aussah.

Den Kameraden aus dem Westen bot sich in Ost-Berlin das architektonische Bild einer grauen DDR-Tristesse
© Steiner
Steiner in Ost-Berlin, Frühjahr 1990
© Steiner

N.S. Heute: Wie hast Du es geschafft, bei dem Treffen am 30. Januar 1990 in Ost-Berlin die Kameraden von Deiner Idee einer nationalen Hausbesetzung zu überzeugen?

Steiner: Als wir mit den Kameraden zusammensaßen, sagte ich ihnen, dass nun folgende organisatorische Maßnahmen zu treffen sind: Wir nennen uns „Kameradschaft 30. Januar“ und suchen nach weiteren vertrauenswürdigen Kameraden, mit denen wir einen festen Kern bilden. Wir werden schauen, dass wir in Ost-Berlin eine Struktur aufbauen, die von Hamburg aus, also von mir als Bereichsleiter-Nord geführt wird. Kameradschaftsführer vor Ort sollte der Kamerad Frank Lutz werden, der zu diesem Zeitpunkt noch in Haft saß, er sollte aber innerhalb der nächsten Zeit rauskommen. Die Kameraden sagten mir, dass er dann auf jeden Fall der Wortführer und mein Verbindungsmann sein würde. Des Weiteren hatte ich noch ein paar weitere Kameraden, mit denen ich abgemacht hatte, dass wir engen Kontakt halten. Von diesem Zeitpunkt an war ich mindestens jedes zweite Wochenende in Ost-Berlin.

Des Weiteren sagte ich den Kameraden, zu deren vollkommenem Erschrecken, dass wir ein Haus besetzen! Das konnten die überhaupt nicht fassen. Sie meinten, die Stasi sei noch aktiv, die Polizeiführer seien alle noch da, und wenn wir jetzt ein Haus besetzen, dann würden sie alle wieder ins Gefängnis gehen.

Wir Kameraden aus dem Westen haben denen dann erklärt, dass die Zerrüttung der Ordnung dermaßen tiefgreifend sein wird und dass die Veränderungen der Verhältnisse dazu geführt haben, dass wir jetzt in eine Art Vakuum hineinstoßen können, was es jetzt auszunutzen gilt. Ich erzählte ihnen von meinen Erfahrungen in Hamburg mit den besetzten Gebäuden in der Hafenstraße, und dass die Linken wohl vorhaben, innerhalb einer bestimmten Frist auch in Ost-Berlin Häuser zu besetzen. Die Hausbesetzer-Szene aus West-Berlin war zu dem Zeitpunkt in Kreuzberg usw. schon richtig stark, noch viel größer als in Hamburg, und es war nur eine Frage der Zeit, bis die Linken ebenfalls nach Ost-Berlin rübergreifen werden, alleine schon, weil die Assi-Punks einfach Wohnraum brauchten.

Ich hatte den Kameraden also nahegelegt, diesen Schritt zu gehen und die leerstehenden Objekte auszukundschaften, was da möglich sei, und wenn die Möglichkeiten gegeben sind, dann würde die Besetzung stattfinden. Auch wenn die Kameraden durchaus Bedenken hatten, war Befehl eben Befehl, und es wurde schließlich auch so umgesetzt.

N.S. Heute: Wie sollte das Projekt für die Öffentlichkeit propagandistisch aufbereitet werden?

Steiner: Die Kameraden hatten von mir etwas an politischem Rüstzeug bekommen, wie man die Besetzung für die Öffentlichkeit umschreiben sollte. Es ging ja gemäß unseren weltanschaulichen Grundlagen auch darum, politische Aussagen zu treffen, die mit der Hausbesetzung zusammenhingen. Es wurden dann zunächst einmal Transparente hergestellt zum Zwecke der Propaganda. In diesem Zusammenhang prägten wir den Begriff „Antikommunistische Jugend“, auf einem Transparent stand das Wort „Instandbesetzt“. Wir wendeten uns mit unserer Propaganda auch gegen Wohnraumspekulation, denn es war vollkommen klar, dass die Spekulanten bei den leerstehenden Häusern zuschlagen werden. Das war also unsere Kernaussage: Nationaler Wohnraum für junge Deutsche und gegen Wohnraumspekulanten.

N.S. Heute: Wie lief die erste Hausbesetzung dann genau ab?

Steiner: Etwa 2-3 Wochen nach dem ersten Treffen in Ost-Berlin meldeten mir die Kameraden, dass sie ein Objekt gefunden und sich dort hineinbegeben hätten. Sie hätten auch Transparente gemalt und aus den Fenstern gehangen. Zu ihrer Überraschung waren die Nachbarn und die Bürger drum herum ganz angetan von der Sache und fanden das ganz toll. Ich hatte mich von Hamburg aus sofort in Bewegung gesetzt und eine große schwarz-weiß-rote Fahne mitgebracht, die ich den Kameraden zur Verfügung stellte, um gleich optisch zu zeigen, dass es hier nicht um linke Assi-Punks ging, die in West-Berlin rumhangen, sondern dass es sich um ein deutsches Projekt handelt.

Als ich an dem neu besetzten Haus in Lichtenberg ankam, hingen draußen die Transparente, die Kameraden standen an den Fenstern und warteten auf meinen Besuch, auf der Straße begrüßte mich Kamerad Andre Riechert und erstattete Meldung, dass das Haus weisungsgemäß besetzt wurde. Ich begutachtete das Gebäude und kam zu der Meinung, dass es nicht bewohnbar ist, weil es innen total ausgeräumt war. Es war also kein Gebäude, das sofort nutzbar gewesen wäre, sondern es hatte schon einen längeren Leerstand gehabt. Da war kein Wasser drin, kein Strom, nichts. Die Kameraden hatten also darauf geschaut, wo sie den geringsten Widerstand zu erwarten hätten, indem sie sich nicht etwa ein Haus mit bewohnbaren Wohnungen genommen hatten, sondern ein tatsächliches Renovierungsobjekt. Trotzdem waren sie guten Mutes, dass man so ein Gebäude schön restaurieren und mit gemeinschaftlicher Arbeit dort etwas fertigmachen könnte. Dieses erste Gebäude, das in Lichtenberg besetzt wurde, war aber nicht das Haus, das nachher bundesweite Bekanntheit erlangen sollte.

N.S. Heute: Das Haus, das später bundesweit für Furore sorgen sollte, war das Gebäude in der Weitlingstraße 122. Wie kam es dazu, dass Ihr von dem ersten besetzten Haus in der Türschmiedstraße dann in die Weitlingstraße umgezogen seid?

Steiner: Zu dem Zeitpunkt hatten sich die Bezirksregierungen, die unter SED-Herrschaft standen, quasi schon in Luft aufgelöst und waren durch „Runde Tische“ ersetzt worden, wo sich alle möglichen Bürger zusammenfanden, die politisch engagiert waren. Es herrschte also, wenn man so will, „Basisdemokratie“, das Volk sprach.

Nach einigen Tagen wurde es dieser Stadtteilverwaltung, oder wie man das auch immer nennen soll, also bekannt, dass junge Rechte ein Haus besetzt hatten. Das war zunächst aber überhaupt kein großes Thema, dass da junge Deutsche, die sich national und antikommunistisch nannten, zusammenfanden und Aktivitäten an den Tag legten.

Die Kameraden berichteten mir, dass jemand von der Bezirksverwaltung in dem besetzten Haus vorbeigekommen war. Dieser Beamte sagte den Kameraden, dass er es toll finde, dass sich diese jungen Deutschen jetzt in dem Stadtteil engagieren wollen und auch selber Hand anlegen möchten, doch sie könnten das Haus, was sie besetzt hatten, auf keinen Fall haben. Das Gebäude stehe nämlich unter Denkmalschutz, da es sich um eine besondere Bauform handeln würde, und es würde gerade für eine Totalsanierung vorbereitet werden. Er bot den Kameraden deshalb an, mit einer Abordnung von drei Leuten in seinem Auto durch Lichtenberg zu fahren, und die Kameraden dürften eines von zehn leerstehenden Häusern, die er ihnen zeigen werde, besetzen und für ihre Zwecke nutzen.

So fuhr er also mit drei Kameraden durch Lichtenberg, und in der Weitlingstraße / Ecke Lückstraße war ein Gebäude, das den Kameraden gut gefiel. Strom und Wasser funktionierten und die Wohnungen waren fast alle komplett bewohnbar – sie waren zwar nicht möbliert, aber ansonsten sah alles tipptopp aus. Nur in einer Wohnung war im Klobereich der Fußboden durchgebrannt, man konnte also von der Etage darunter nach oben gucken in die nächste Etage, aber ansonsten war alles nutzbar vom Keller bis hoch zum Dach. Das Ganze hatte natürlich noch, wie man es in Berlin kennt, einen Innenhof, welcher von Gebäuden umschlossen war.

Das Haus machte also einen guten Eindruck und traf bei den Kameraden auf Zuspruch. Sie sagten dem Vertreter der Stadt, dass sie dieses Haus haben wollen, und der sagte „Ok, dann ist das Euer Haus!“ Somit war das Gebäude in der Weitlingstraße 122 also ein mit Zustimmung der Stadt besetztes Haus.

Die Weitlingstraße 122 im März 2025
© Oliver Schweigert

N.S. Heute: Wie war Dein erster Eindruck von dem neuen Objekt und von der Umgebung?

Steiner: Als ich mit einer kleinen Abordnung von verlässlichen Kameraden aus Hamburg zum ersten Mal dort ankam, ist uns sofort aufgefallen, dass in den Straßen alles Grau in Grau war. Die kompletten Straßen hatten einen grauen Ascheüberzug. Es gab dort ja keine Zentralheizung, sondern auf den Etagen gab es Kohleheizungen, deshalb sah es da so aus. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, aber es war wirklich so.

Ich sagte dann zu den Kameraden, wir machen jetzt erstmal Folgendes, wir bauen hier von allen Balkonen die Sichtschutzbleche ab, fahren damit nach West-Berlin rüber, und waschen die an einer Tankstelle mit dem Dampfstrahler richtig ab. Diese Balkonbrüstungen aus Kunststoff waren ursprünglich mal weiß, jetzt waren sie alle grau, und wir sind dann mit den ganzen Dingern nach West-Berlin gefahren und haben die abgewaschen. Du konntest also in der Weitlingstraße von weitem schon sehen, welches Haus unseres war, nämlich das Haus mit den weißen Balkonverkleidungen – und natürlich mit der großen schwarz-weiß-roten Fahne auf dem Dach…

…das ganze Gespräch gibt es in der N.S. Heute-Ausgabe #47!

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