Wenn der Atem stockt – Ceuta und das Erwachen von Raspails „Heerlager der Heiligen“

Die spanische Exklave Ceuta an der nordafrikanischen Küste wurde im Juli zum Brennpunkt und Brennglas der europäischen Migrationskrise. Zehntausende Menschen, die wie eine Flutwelle die mit Natodraht und modernster Sensorik aufgerüsteten Grenzanlagen stürmen oder über das offene Meer die Sperrwerke umschwimmen, lassen innerhalb von Minuten die Fiktion einer staatlichen Rechtsordnung in sich zusammenbrechen. Ein interner EU-Sicherheitsbericht enttarnt die chaotischen Zustände vor Ort: Das zentrale Aufnahmelager, das lediglich für wenige hundert Personen ausgelegt ist, kollabiert unter dem schieren Ansturm von Tausenden schlagartig. Die Ankommenden belagern umgehend das Umfeld, ziehen in die Außenbezirke und zwingen die administrative sowie zivile Infrastruktur zum Stillstand. In Anbetracht dieser drastischen Bilder gerät Europa in einen kollektiven Schockzustand – unübersehbar ist die Überforderung der staatlichen Institutionen. Vielen stockt der Atem; Erinnerungen an 2015 machen sich breit, und die Geschehnisse werden als naturgewaltige Landnahme empfunden.

Angetrieben von der Erkenntnis dieses Kontrollverlustes erlebt ein literarisches Werk in der politischen und publizistischen Debatte derzeit eine bemerkenswerte Wiederentdeckung: Jean Raspails dystopischer Roman „Das Heerlager der Heiligen“ (Le Camp des Saints) aus dem Jahr 1973. Vor über fünfzig Jahren verfasst und oft als düstere Phantasterei abgetan, wird dieses Buch nun von vielen Beobachtern mit Entsetzen wiederentdeckt. Diese Wiederentdeckung entspringt einer verblüffenden, prophetischen Schärfe, mit der Raspail die Mechanismen, die Psychologie und die lähmende Ohnmacht der westlichen Welt literarisch vorweggenommen hat. Denn die Geschehnisse von Ceuta wirken wie das reale Gegenstück zu einer Fiktion, in der der französische Autor das Erstarren eines europäischen Kontinents beschrieb, der an seinen eigenen moralischen Widersprüchen zugrunde geht.

Um diese Parallelen zu verstehen, muss man die realen Geschehnisse an den Zäunen mit der Grundstruktur des Romans vergleichen. So ist es auch in Raspails Werk keine militärische Streitmacht mit Waffen, die Europa ansteuert, sondern vielmehr eine Armada von Millionen verarmter Menschen aus den Elendsvierteln Indiens, welche auf hundert verrosteten „Seelenverkäufern“ – heruntergekommene Schiffe, auf denen man den Tod der Seeleute in Kauf nahm – Richtung Westen segelt. Die entscheidende Parallele zwischen dem Roman und der Wirklichkeit von Ceuta liegt in der Art und Weise, wie diese Bewegung auf die gesamte europäische Psyche wirkt: Hier handelt es sich um eine Invasion, bei der die Ankommenden keine Schwerter oder Gewehre tragen, sondern ihre schiere Masse, ihre Not und das gebrochene Gewissen der Verteidiger als stärkste Waffe einsetzen. Heutige Publizisten und Analysten greifen genau dieses Motiv auf, wenn sie bezüglich der Vorfälle in Ceuta von einer „Eroberungsmigration“ sprechen – einer Form der Zuwanderung, die das europäische Gefüge für immer verändern oder gar zerstören wird, weil sie die Wehrhaftigkeit von Nationalstaaten und ihrer Bevölkerung an ihrer empfindlichsten Stelle trifft.

Das erste Spiegelbild zwischen Wirklichkeit und Fiktion finden wir in dem Zustand der Erstarrung des europäischen Kontinents und dessen politischer Panik. Als die Armada in Raspails Erzählung die französische Mittelmeerküste ansteuert, verfällt die Gesellschaft in eine durch Entsetzen ausgelöste Lähmung. Die Medien berichten ununterbrochen, die Regierenden tagen in Dauer-Krisensitzungen, doch jede Maßnahme verpufft im Nichts, weil wirkliche Entschlossenheit fehlt. Genauso präsentiert sich das europäische Reaktionsmuster bei den Vorfällen in Ceuta. Nach den Massendurchbrüchen greifen europäische Politiker zu drastischen Floskeln und Erklärungen. Sie betonen, dass der ungebremste Zustrom nicht nur die öffentlichen Systeme überfordert, sondern auch das Vertrauen der Bürger in die Handlungsfähigkeit des Staates vollkommen untergräbt. Rechtskonservative Stimmen verlangen die sofortige Errichtung von externen Abschiebezentren und sogenannten „Return-Hubs“ in Afrika sowie eine drastische Aufstockung der Frontex-Einheiten, um der Krise Herr zu werden. Fieberhaft werden Auswege gesucht, weil die bisherigen Instrumente keine wirkliche Hilfe sind. So sind es die kollektive Demoralisierung und das Ausnutzen des europäischen Abwehrverzichts, die die Spitze des politischen Handelns erklimmen.

Raspail beschreibt im „Heerlager der Heiligen“ eine europäische Elite, welche von einem tiefen Schuldgefühl gelähmt ist; diese hat ihren Glauben an die eigene Kultur, an das Recht auf Selbsterhaltung und an die Legitimität nationaler Grenzen längst an der Garderobe des Liberalismus abgegeben. Wenn in Ceuta Migranten die Zäune überwinden, offenbart sich exakt derselbe innere Konflikt. Die Nationalstaaten stehen vor dem Dilemma, dass ihre eigenen Gesetze den Schutz der Grenzen verlangen, während gleichzeitig das internationale Völkerrecht, Asylrichtlinien und Menschenrechtskonventionen eine individuelle Prüfung jedes Anliegens gebieten und Kollektivausweisungen verbieten. Der Grenzschützer an den Zäunen von Ceuta wird hier zur Symbolfigur des Raspail’schen Traumas: Er steht an der Grenzlinie, ausgerüstet mit den gesamten Machtmitteln des Staates, darf und kann diese jedoch nicht wirksam einsetzen, ohne die ideologischen Vorgaben des herrschenden Systems zu zertrümmern.

Eine weitere Parallele findet sich in der Rolle der Transitinstitutionen und Nachbarstaaten, welche die Migration als hybride Waffe nutzen. Im Roman schauen die Küstenstaaten und die Kapitäne der Seewege weg oder begünstigen das Vorankommen der Armada, weil niemand die Verantwortung für das Aufhalten der Menschenmasse übernehmen will. In der Realität von Ceuta lässt sich dieses Phänomen an der Haltung Marokkos beobachten. Die Grenzübergänge von Ceuta werden von der marokkanischen Seite als politisches Druckmittel eingesetzt. Öffnen die Behörden vor Ort die Schleusen oder lockern die Bewachung der Grenzabschnitte, strömen Tausende Menschen an die spanischen Sperranlagen. Europa sieht sich hierbei einer Erpressbarkeit ausgesetzt, die Raspail bereits auf globaler Ebene in seinem Schriftwerk skizziert hat: Der Westen wird Opfer seiner eigenen Abhängigkeit und der mangelnden Bereitschaft, unpopuläre Entscheidungen durchzusetzen.

Darüber hinaus greift der Roman das Motiv des Zusammenbruchs der inneren Ordnung auf. Die Strände Südfrankreichs bei Raspail und die Zäune von Ceuta in der Gegenwart sind keine gewöhnlichen Geografien; sie sind die Scheidelinien zweier Welten. Der Zusammenbruch der Grenze an einem einzigen Punkt führt im Roman wie in der Realität zu einer Kettenreaktion der Erschütterung. Wenn die Grenzen in Ceuta fallen, setzt sich ein Lauffeuer in Gang, das sich bis nach Rom, Paris und Berlin durchfrisst. Um diesen Druck abzuwehren, greifen europäische Staaten zu Verzweiflungsmaßnahmen und führen erneut ungenügende Grenzkontrollen im Inneren Europas ein.

Ein Element, das die Dynamik von Raspails Roman in der Moderne noch massiv beschleunigt, ist die Rolle der digitalen Mobilmachung. Im internen Sicherheitsbericht zu Ceuta wird detailliert aufgedeckt, wie soziale Netzwerke als Migrationsbeschleuniger wirken. Über Plattformen wie TikTok und Instagram verbreiten sich Falschmeldungen und Aufrufe zu koordinierten Massendurchbrüchen; so entsteht der Eindruck offener Grenzen und garantierter Aufnahme, was zusätzlich Zehntausende junge Männer an die Grenzabschnitte mobilisiert. Was bei Raspail der „Mundfunk“ oder die Radiostationen waren, die das Elend Indiens nach Europa trugen, ist heute der digitale Algorithmus in den sozialen Medien, der als fortwährender Verstärker wirkt und die Grenzzäune wie Relikte einer vergangenen Epoche erscheinen lässt.

Raspail zeichnet in seinem Buch zudem ein erkennbares Spiegelbild der Entfremdung zwischen Bevölkerung und Führung. Während die Eliten in Schönrederei und ideologischen Phrasen verharren und das Geschehen als „humanitäre Pflicht“ umzudeuten versuchen, erfasst die einfache Bevölkerung eine Mischung aus Angst, Panik, Verzweiflung und der Vorahnung des eigenen Untergangs. Wenn die Meldungen über neue Grenzdurchbrüche in Ceuta die Nachrichten beherrschen, steigt in der Bevölkerung erneut das Gefühl des vollständigen Kontrollverlustes. Ceuta hat gezeigt, was der europäischen Bevölkerung bevorsteht: Die EU ist nicht in der Lage, den primären Schutz des eigenen Territoriums und der eigenen Bevölkerung sicherzustellen. Die Ohnmacht der Institutionen wurde für alle sichtbar. Die Parallelen zwischen den Vorgängen in Ceuta und dem Roman „Das Heerlager der Heiligen“ erscheinen nicht wie zufällige Ähnlichkeiten; vielmehr offenbaren sie die Grundstruktur einer Zivilisation, die an den Grenzen ihrer Integrations-, Abwehr- und Selbsterhaltungsfähigkeit angekommen scheint – eine erstaunliche Ironie des Schicksals, dass es doch Grenzen gibt.

Raspails Dystopie endet mit dem vollständigen Kollaps der europäischen Staaten, der Auflösung der Grenzen und dem Erlöschen der ursprünglichen Kultur. Wenn heutige Politiker wie Meloni und Frederiksen in drastischen Tönen vor dem Verlust der staatlichen Kontrolle warnen und publizistische Stimmen vom „Niedergang Europas“ schreiben, greifen sie exakt jene Existenzangst auf, welche Raspail vor einem halben Jahrhundert literarisch verarbeitet hat. Ceuta ist also nicht nur ein Brennpunkt im Grenzbereich, es ist vielmehr das Mahnmal eines europäischen Kontinents im Schockzustand. Die Ereignisse an den Zäunen der Exklave führen Europas Bevölkerung schonungslos vor Augen, dass Gesetze, Diplomatie und Wohlstandsversprechen wertlos werden, wenn der Wille zur Verteidigung des eigenen Territoriums nicht vorhanden ist. Der Atem der Europäer steht still – nicht nur aus Furcht vor der physischen Welle der Zuwanderung, sondern vielmehr vor der schrecklichen Erkenntnis, dass Raspails düstere Prophezeiung Schritt für Schritt Realität werden könnte.

Manchmal schien es, als stünde die Zeit still. Als hielte die Welt den Atem an vor dem, was kommen musste. Ein ganzes Volk, eine ganze Zivilisation sah ihrem eigenen Ende entgegen – nicht mit dem Schwert in der Hand, sondern in einer seltsamen, gelähmten Ergebenheit. – Jean Raspail in „Das Heerlager der Heiligen“

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