
1931 wurde Willi Krämer von dem Leiter einer höheren Schule aus einer gesellschaftlichen Veranstaltung des Saales verwiesen, weil er Nationalsozialist war. Drei Jahre später begegnete er dem selben Mann als Leiter der NS-Ortsgruppe, die er 1928 gegründet hatte – „Opportunismus“, ein lebenslanges Thema für ihn.
Krämer, geboren 1899 in Aschersleben, Sohn eines Kesselschmieds und einer einfachen Arbeiterin, hatte sich bereits als kaufmännischer Lehrling in einer Deckenfabrik der bündischen Jugend angeschlossen und an dem legendären Treffen auf dem Hohen Meissner teilgenommen, einer Zusammenkunft von mehreren tausend Jugendlichen verschiedener Bünde und Studentenverbindungen. Als gerade einmal 17-Jährigen hatte man ihn zum MG-Scharfschützen ausgebildet und noch an die Front geworfen, wo er schwer verwundet wurde. Während der Tätigkeit in einer Filiale der Reichsbank in Aschersleben erkannte er, dass die überall auflodernde soziale Frage nur national gelöst werden könne. Als Mitglied des „Stahlhelm“ beteiligte er sich an der Niederschlagung der linksterroristischen „Hölz-Aufstände“ in Mitteldeutschland und avancierte bald darauf zum Landesführer des radikaleren Wehrverbands „Wehrwolf“.

Ein unbequemer Nationalsozialist
Nach einer beruflichen Zwischenstation als Sekretär in einem Kaliwerk machte sich Krämer als Handelsvertreter selbständig, heiratete und bekam mit seiner Frau Annemarie vier Kinder. In dieser Zeit hörte er zum ersten Mal den Namen Hitlers und begann auf diesen aufmerksam zu werden; ein erstes intensives Studium von „Mein Kampf“ schloss sich an, sodass er 1928 der NSDAP beitrat, zu deren Bezirksleiter im Mansfelder See- und Gebirgskreis er schon bald bestellt wurde. Gauredner geworden, war er 1929 der einzige NS-Stadtverordnete in seiner Heimatstadt Aschersleben, und es dauerte nicht lange, bis der umtriebige nationale Aktivist gemeinsam mit neun Kameraden aus dem Hinterhalt von einer Horde von 50 Kommunisten feige überfallen und dabei schwer verletzt wurde. Bei klirrender Kälte fuhr er im Februar 1930 mit einem Trupp SA auf einem alten LKW hockend nach Berlin, um am Begräbnis Horst Wessels teilnehmen zu können – da das Braunhemd damals verboten war, hatte man darüber sogenanntes „Räuberzivil“ angelegt. Auf dem Friedhof erlebte er einmal mehr den hasserfüllten Terror von Rotfront, die während der Trauerrede von Dr. Goebbels am offenen Grabe nicht davor zurückschreckten, johlend und grölend Steine und Flaschen über die Friedhofsmauer auf die Trauergäste zu werfen.
Krämers Tätigkeit für die Partei war inzwischen derart zeitintensiv geworden, dass er sein Geschäft aufgab, einen NS-Verlag gründete und den Versuch unternahm, einen „NS-Lichtbilddienst“ aufzubauen. Bald wurde er Reichsredner, Geschäftsführer der Partei im damaligen Saalekreis sowie stellvertretender Gaupropagandaleiter im Gau Halle-Merseburg und später der Kurmark (Brandenburg). Früh bereits sah und warnte er vor den „Gefahren des Sieges“, die mit einer zu frühen Übernahme der Macht der immer noch unvollkommenen NSDAP einhergehen könnte. Als es nicht mehr gefährlich war, unterschrieben etliche Konjunktur witternde „Septemberlinge“ einen Aufnahmeantrag für die NSDAP, hefteten sich ein „Spiegelei“, wie das Parteiemblem wegen seines Aussehens genannt wurde, ans Revers, waren aber von nationalsozialistischem Geiste nicht die Spur durchdrungen. So versandete der revolutionäre Elan der Partei bald. Willi Krämer stellte viel später die Frage: „Was hat es für einen Sinn gehabt, die Vereinsvorsitzenden von Kaninchen-, Hühnerzucht- oder Kegelvereinen gleichzuschalten? (…) Es waren ja gar nicht so viele Nationalsozialisten vorhanden, um jeden kleinsten Dorfverein mit einem neuen Vorsitzenden besetzen zu können. Ganz abgesehen davon, dass das nicht nur ein politischer, sondern vor allem auch ein weltanschaulicher Unfug war.“ Krämer und sein enger Freund, der Reichsamtsleiter Walter Tießler, zwischen die kein Blatt Papier passte, bemerkten immer wieder, dass die Partei sich scheute, auch den Kampf gegen die Reaktion konsequent zu führen.
Auch den Begriff der „politischen Schulung“ hat Krämer stets abgelehnt: „Ist es überhaupt möglich, Menschen weltanschaulich zu ,schulen‘? Meine Antwort darauf ist ,Nein!‘, Weltanschauung ist nicht auf Schulen zu lehren noch überhaupt zu erlernen. Weltanschauliche Ideale lassen sich nicht nur mit dem Verstand erfassen, sondern sind gleichermaßen auch im Gefühl verankert (…).“ Krämer sprach stets davon, dass die Jahre von 1933-39 die kurze Ära eines erst „nationalsozialistisch werdenden“ Deutschlands gewesen seien, ein Experiment gewissermaßen, das durch den Beginn eines mörderischen Krieges, der schließlich annähernd sechs Jahre dauern sollte, jäh unterbrochen worden wäre. Erst nach zwei oder drei vom Nationalsozialismus gänzlich erzogenen Generationen hätte sich die Weltanschauung tatsächlich ausgeprägt, womit er sich mit den Anschauungen Rosenbergs und Hitlers deckte.
1937 übertrug man Krämer die Kreisleitung im pommerschen Schneidemühl, bevor er dann ein Jahr darauf im „Stab Heß“ in München das Amt „Organisation“ übernahm. Eine Berufung dorthin galt in der Partei als hohe Auszeichnung. Krämers Büro in der „Politischen Abteilung II“ befand sich in der Brienner Straße hinter dem neuen Verwaltungsbau der NSDAP. Dort war er dafür zuständig, einen neuen Stellenplan auszuarbeiten und das Organisationsbuch der Partei von unnötigem Ballast zu befreien und zu aktualisieren. Sein Ziel war es, das sprichwörtliche und berüchtigte „Ämterchaos“ in der Bewegung zu bändigen. Auch mit der Übernahme von Aufgaben den geplanten nationalsozialistischen Senat betreffend, der auch einmal die Führernachfolge regeln sollte, wurde Krämer beauftragt.
Der Ausbruch des Krieges kam auch Krämer äußerst ungelegen, zudem erklärte er kritisch: „Niemand ist Mitglied der NSDAP geworden, weil er Krieg führen oder fremde Völker beherrschen und versklaven, Juden drangsalieren und einen Judenstern einführen wollte.“ Für kurze Zeit zum Kreisleiter in Landsberg/Warthe ernannt, wurde er Stellvertreter Tießlers, dieses Mal im „Reichsring für NS-Propaganda und Volksaufklärung“. Als Leiter des Stabsamtes der Reichspropagandaleitung (RPL) seit 1942, nahm er an den täglichen Ministerkonferenzen teil, die Dr. Goebbels abhielt. Am 20. Juli 1944, dem Tag des Attentats auf Hitler und des Umsturzversuches reaktionärer Militärzirkel, befand er sich im Regierungsviertel und wurde als Angehöriger von Dr. Werner Naumanns Kampfbataillon „Wilhelmsplatz“ zu Generaloberst Guderian entsandt, um festzustellen, wie dieser den Putschisten gegenüber eingestellt war. Als Beobachter der RPL nahm er kurz darauf an dem ersten Prozesstag teil, an dem vor dem Volksgerichtshof gegen die Verschwörer verhandelt wurde. Die Verhandlungsführung des geifernden Präsidenten Roland Freisler empfand Krämer als blamabel und resümierte: „Es gibt keine bessere Propaganda, um dem Nationalsozialismus zu schaden.“
In Potsdam kam es ihm am 9. November zu, den Volkssturm zu vereidigen, bevor ihn Dr. Goebbels Anfang April 1945 zu seinem Vertreter in der sogenannten „Reichsregierung Süd“ unter Staatssekretär Stuckart machte, mit der Begründung: „Für den Fall der letzten Konsequenz müssen einige übrigbleiben, die den Nationalsozialismus auch dann zu vertreten wissen.“ In all dem Chaos gelang es Krämer, im Südraum noch einen „Gauleiter-Rundruf“ für die betreffenden Gaue zu installieren, bevor er in Innsbruck die Nachricht vom Tod Adolf Hitlers erfuhr. Am 8. Mai ließ er den mitgeführten Sender auffahren und sprach die Worte: „Der Großdeutsche Rundfunk, Sendegruppe Süd, stellt hiermit seine Sendungen ein. Möge ein freundlicheres Schicksal unserem deutschen Volk einmal wieder lichtere Zeiten bescheren.“ Zum letzten Mal erklangen das Deutschland- und das Horst-Wessel-Lied.
Um nicht in die Hände der alliierten Häscher zu fallen, entschloss sich Krämer unterzutauchen und fristete von 1945-48 als Landarbeiter bei Erfurt sein Dasein. Eines Tages wurde er jedoch von einem Verwandten erkannt, der damit drohte ihn zu denunzieren, doch gelang ihm die Flucht nach Göttingen zu seiner Familie, wo er sich künftig als Vertreter einer Schokoladenfabrik verdingte.

Vaterfigur für die neue NS-Generation
Als Amtsträger von Sozialistischer Reichspartei (SRP, seit 1952 verboten) und Deutscher Reichspartei (DRP) seit den frühen 1950er-Jahren im Raum Göttingen wieder politisch aktiv geworden, trat Krämer vor allem mit seinen „Göttinger Briefen“ hervor, mit denen er auf die nationale Opposition in der Bundesrepublik Einfluss zu nehmen suchte, sowie mit seinem äußerst instruktiven Erinnerungsbuch „Vom Stab Heß zu Dr. Goebbels“. Immer wieder trieb ihn aber eine ganz bestimmte Frage um: „Sollte man nicht einen Kommentar zu Hitlers Buch ‚Mein Kampf‘ aus der heutigen Sicht schreiben, angefüllt mit all den leidvollen Erfahrungen der Vergangenheit?“ So begann er damit schriftlich zu fixieren, was an Hitlers gedanklichen Vorstellungen bleibend sei – und was einer Revision bedürfe.
Nachdem sich der inhaftierte Hannoveraner nationale Aktivist Volker Heidel 1980 brieflich mit einigen Fragen an Krämer gewandt hatte, bekam er von diesem eine geharnischte Antwort: „Ich wusste, was auf Sie zukam, als Sie Schaftstiefel, schwarze Hosen und schwarz/weiß/rote Armbinden trugen. (…) Ich habe versucht (…) Sie zu warnen, dass der Weg falsch sei. Das ist mir misslungen. (…) Wer warnt die anderen, die noch in Freiheit sind, vor dem Beschreiten falscher Wege?“ Und weiter schrieb er Heidel „ins Stammbuch“: „Der Ruf nach dem Führer beweist Euren Mangel an geistiger Grundlage. (…) Dazu gehört ein intensives Studium von ‚Mein Kampf‘, der Schriften Kolbenheyers (…) und aller geistigen Strömungen, die in der jeweiligen Gegenwart vorhanden sind, hierzu gehört auch das Studium religiöser Strömungen, soweit sie für die weißen Völker in Frage kommen, der katholischen Kirche und des Islam“.
Michael Kühnen, der in seiner ersten Haftzeit gleichfalls intensiven brieflichen Kontakt zu Krämer unterhielt, meinte, dieser sei „eine Art geistige Vaterfigur“ für ihn geworden – auch in Ewald Althans‘ „Deutschem Jugend Bildungswerk“ (DJBW) wurde Krämer damals häufig als „Vater“ angesprochen. Krämer war für Kühnen in etwa das, was auf der linken Seite der greise marxistische Philosoph Ernst Bloch für Rudi Dutschke bedeutete. Der aus hunderten von Schreiben bestehende Briefwechsel mit Krämer (der leider als verschollen gelten muss) lehrte Kühnen nach dessen eigenen Worten, „was Nationalsozialismus wirklich ist“. Krämer war Träger des Goldenen Ehrenzeichens der Aktionsfront Nationaler Sozialisten / Nationale Aktivisten (ANS/NA, seit 1983 verboten) und unterzeichnete die „Petition der Hundert“ für eine Aufhebung des NSDAP-Verbotes. Nach Kühnens Haftentlassung ist kein Austausch zwischen beiden mehr dokumentiert, was eventuell an Kühnens dogmatischer Fixierung auf die „SA-Linie“ gelegen haben könnte, während Krämer stets betonte, die SA sei nur eine der politisch-dynamischen Kräfte der NSDAP gewesen. Vielleicht hatte sich Krämer aber auch wegen der immer wieder neu aufflammenden Gerüchte um Kühnens Homosexualität abgewandt. Ungeachtet dessen setzte Kühnen Krämer in seiner illegalen Untergrundschrift „Führertum – zwischen Volksgemeinschaft und Elitedenken“ 1985 ein Denkmal.
Ende der 1980er-Jahre ließ Willi Krämers Gesundheit stark nach; da er kaum noch sprechen konnte, flüsterte der 90-Jährige seiner Frau zu: „Ich mach mich weg!“ Sein „Biokosmos“, wie er es nannte, kam am 19. Oktober 1989 zum Erliegen.
Erstveröffentlichung in Nationaler Sozialismus Heute #53

Hallo,in welchem Buch kann man das nachlesen?