Juli 1976: Erinnerungen an meine erste Übung bei der “Wehrsportgruppe Hoffmann”

Der Autor nach einer Großübung der WSG im Garten der Sofienhöhe 5 in Heroldsberg, 3. Oktober 1976 / Archiv Arndt-Heinz Marx

Heroldsberg, Sofienhöhe 5, Juli 1976

Es war am letzten Juliwochenende des Jahres 1976. Ich fuhr per Bahn und Bus nach Heroldsberg bei Nürnberg. Mein Ziel: Die alte Villa, Sofienhöhe 5. Hier wohnte damals Karl-Heinz Hoffmann mit seiner Lebensgefährtin, drei Windhunden (Grace, Boy und Toni) und einem Puma (Django). Als ich durch das Hoftor lief, empfing mich eine andere Welt. Man war mit einem Schritt außerhalb der grauen, eintönigen BRD-Gesellschaft der 1970er-Jahre, die auch die „bleierne Zeit“ genannt wird. Irgendwie roch alles nach Exotik und Abenteuer.

Im Hof standen einige junge Männer in Tarnanzügen. Einer kam auf mich zu. Es war Ralf R., der auch bei Hoffmann im Hause wohnte. Ralf R. stammte aus Thüringen, hatte im Stasi-Knast gesessen und war von dort, wie viele andere politisch Inhaftierte, früher oder später gegen harte Devisen freigekauft und in den Westen abgeschoben worden. Er hatte damals bei Hoffmann eine Art Adjutanten-Stellung. Irgendwie fühlte ich mich gleich wohl. Ich musste noch etwas warten, bis ich dem „Big Boss“ vorgestellt wurde. Jahre vorher hatten wir schon eine kurze Korrespondenz geführt. Damals war ich 16 Jahre alt gewesen und meine Eltern hatten ein vorzeitiges Engagement bei der Wehrsportgruppe (WSG) verweigert. 1976 war ich bereits 18, jetzt war es anders.

Man bedeutete mir, im Arbeitszimmer Platz zu nehmen. Es dauerte einige Minuten, dann erschien Hoffmann. Er betrat leger gekleidet den Raum. Er trug ein olivgrünes T-Shirt, eine amerikanische Kampfhose in der Pazifiktarnung (auf dem US-Militaria-Sammlermarkt würden heute viele einen Batzen Dollars dafür hinlegen) und war barfuß. Ich absolvierte erst einmal mein Vorstellungsgespräch, dann begab ich mich zu den WSG-Männern. Im Keller der alten Villa war eine Art Aufenthaltsraum mit einigen doppelstöckigen Betten. Dort zogen wir uns um. Meine Bekleidung war noch unvollständig, ich hatte schon die Salamander-Tarnjacke und eine Koppel, aber noch keine passende Kampfhose. Ich kam in Jeans an. Leihweise bekam ich eine gebrauchte Tarnhose, eine Feldmütze, Stahlhelm und eine Bundeswehr-Zeltbahn in Amöbentarnung. In dem Raum befand sich noch ein anderer „Frischling“, wie man die Neuen in der WSG nannte. Er sagte mir, dass dies seine zweite Übung sei, seine erste hätte er im Winter 1975 absolviert gehabt. Er hatte seine Ausrüstung schon beisammen. Er trug den olivgrünen BW-Kampfanzug und zog den Salamander-Tarnanzug darüber.

Vom „Hauptquartier Nürnberg“ (HQ) wurde damals eine Liste verschickt, auf der stand, was man sich an Ausrüstung privat zulegen musste. Bei einer Firma in Niedersachsen, spezialisiert auf den Verkauf militärischer Restbestände (die Firma gibt es heute noch und ich bin nach wie vor dort Kunde), konnte man damals den Salamander-Tarnanzug, Koppelzeug, Stiefel und Schlafsäcke bestellen, die Feldmütze konnte im HQ in Heroldsberg käuflich erworben werden. Nach dem Schnittmuster der „Feldmütze M43“ wurden die Mützen von Hoffmann und seiner Lebensgefährtin aus Tarnplanen von Wehrmacht, Waffen-SS und Bundeswehr geschneidert. Die Helme gab es auch über Hoffmann. Die Bestellungen der Ausrüstungsgegenstände liefen damals alle noch schriftlich und über Katalogbestellung. Internet war damals noch Science-Fiction. Die damals in der WSG verwendeten Salamander-Tarnanzüge waren von der tschechoslowakischen Armee, im sogenannten „Mlok“-Tarnmuster. Sie wurden vom Anfang der 60er-Jahre bis 1970 von Luftlandetruppen und Aufklärern getragen. Dann wurden sie in der damaligen CSSR ausgemustert und landeten, außer in Deutschland, auch im Jemen, bei der PLO und sogar in Surplus Stores in den USA. So eine Tarnjacke kostete damals in ungebrauchtem Depotzustand bei der niedersächsischen Firma 5,00 DM. Heute sind die Dinger Goldstaub und werden auf dem Sammlermarkt gesucht. Vor ein paar Jahren wurde ich nicht mal mehr in einem Army Store in der Tschechei fündig.

Hoffmann (l.) und Ralf R. werkeln am Hotchkiss-Schützenpanzer; Heroldsberg, Sommer 1977 / Archiv Arndt-Heinz Marx

Doch nun zurück zur Übung im Juli 1976. Der andere „Frischling“ und ich verstanden uns nach dem ersten Beschnuppern gleich gut. Er war der Typ „netter Junge von nebenan“ und hatte ein biederes Allerweltsgesicht. Vom Aussehen her erinnerte er mich an einen Bekannten aus meinem Heimatort, mit dem ich bei der Jugendfeuerwehr war. Als Neulinge rauften wir uns bei der Übung gleich zusammen. Bei der Übung handelte es sich um eine „allgemeine Übung“. Fahrzeuge wurden nicht eingesetzt. Wir machten bei Einbruch der Dämmerung einen Nachtmarsch in die Wälder um Heroldsberg und bezogen dort ein Biwak. Vorher hatte der Trupp, zu dem ich gehörte, kurz Stellung in einem Graben neben einer Landstraße bezogen. Irgendwie kam der Befehl zum Abrücken nicht zu mir durch, und ich merkte auf einmal, dass ich weiter allein im Graben in Deckung lag. Ich blieb weiter in meinem Loch, bis mich nach einiger Zeit ein Suchtrupp aufstöberte. Im Lager kassierte ich von Hoffmann mein erstes Lob. Er sagte, es sei ein Fehler vom Unterführer gewesen, und lobte mich dafür, dass ich in meinem Loch ausgehalten hätte. Der andere Frischling und ich biwakierten nebeneinander und rollten unsere Schlafsäcke aus. Wir unterhielten uns darüber, was wir machen würden, wenn die Linken in Deutschland einen Bürgerkrieg vom Zaun brechen sollten, und über Wagnermusik. Die damalige Alt-BRD war im Gegensatz zum heutigen teilvereinigten Deutschland eine Insel der Seligen. Die Bürgerkriegssituation, über die wir uns vor 43 Jahren unterhielten, wäre heute nicht nur akuter, sondern direkt greifbar.

Am nächsten Morgen brachen wir das Biwak ab und machten uns durch den Wald auf den Rückmarsch in Richtung Heroldsberg. Auf einmal sagte der Frischling neben mir, dass er eine selbstgebastelte Handgranate dabeihätte, die wolle er unbedingt einmal ausprobieren. Das wäre doch eine tolle Übungseinlage. Ich sagte ihm, dies solle er erst einmal Hoffmann melden. Meine Übungsbekanntschaft zeigte mir das Ding. Es sah sehr professionell aus. Ich sah den geriffelten Mantel einer Eierhandgranate, als „Ananas“ bezeichnet, halt nur nicht in Oliv, sondern silber-metallic. Als Hoffmann dies erfuhr, war er außer sich. Er sagte, wir müssten jederzeit damit rechnen, dass Polizei auftaucht und uns kontrolliert, und der Frischling laufe mit so einem Ding herum. Also mussten wir das Ei schnell loswerden. Wir liefen in einen Hohlweg und befanden uns schließlich auf einer kleinen Lichtung. Stahlhelm auf, und dann ging es hinter Holzstapeln und Baumstämmen in Deckung. Der Frischling zog den Sicherungsring ab und schmiss die Handgranate in hohem Bogen weg. Nach ein paar Sekunden erfolgte der Knall. Das Ding hatte funktioniert. Da sagte einer aus der WSG-Mannschaft: „Das ist ja der reinste Daniel Düsentrieb!“ Den Namen hatte er für den Rest des Tages weg. Überhaupt war es in der WSG nicht erwünscht, dass man sich mit seinem vollen Namen anredete. Man benutzte lieber Spitznamen. So hieß ich zum Beispiel ab dieser, meiner ersten Übung in der WSG nur noch „Max“. Zum „Tassin“ wurde ich erst vier Jahre später im Libanon. Ohne Zwischenfälle machten wir uns auf den Rückmarsch und kehrten nach offiziellem Übungsende in voller Montur und Ausrüstung im Biergarten einer Gaststätte ein. Die Leute dort hatten nur die Hälse nach uns verdreht und uns bestaunt. Wir waren so etwas wie eine exotische Touristenattraktion.

Zurück in der Sofienhöhe, zogen wir uns um und machten uns etwas frisch. Kameraden, die aus Nürnberg und Umgebung kamen, fuhren nach Hause, wir paar Mann, die von auswärts kamen, blieben noch einmal über Nacht. Dies waren neben mir noch mein Biwakkamerad und ein WSG-Mitglied aus Düsseldorf. Zusammen mit Ralf R. gingen wir gegen Abend in die Nürnberger Altstadt und machten zu viert einen Kneipenbummel. Dies war mein erster Aufenthalt in der alten Reichsstadt und ehemaligen „Stadt der Reichsparteitage“. Die Nürnberger Bratwürste mit Sauerkraut hatten mir gleich gemundet, dieses Gericht esse ich heute noch gerne. Wir übernachteten in dem im Keller befindlichen Aufenthaltsraum in der Sofienhöhe 5, am nächsten Morgen schnitt uns Hoffmann noch einmal die Haare. Meine Übungsbekanntschaft wurde von den Eltern per Auto abgeholt. Nachdem Hoffmann ihm die Haare geschnitten hatte, begleitete er den Frischling ans Tor und unterhielt sich kurz mit dessen Eltern. Wir hatten uns schon vorher verabschiedet und sollten uns in Zukunft, wider Erwarten, nicht mehr wiedersehen. Ich weiß nicht mehr, ob er mir damals überhaupt seinen Namen genannt hatte. Kann sein, dass er mir zumindest den Ort sagte, aus dem er kam.

Puma „Django“, Heroldsberg, Sommer 1977 / Archiv Arndt-Heinz Marx

Bei meiner zweiten Übung, einer Großübung am ersten Oktoberwochenende 1976 (am 3. Oktober 1976 war Wahlsonntag) war der andere Frischling nicht mehr dabei. Später fragte ich Hoffmann mal, ob „der mit der Handgranate“ nochmal wiedergekommen sei. Er sagte mir, dass dieser Schwierigkeiten mit den Eltern bekommen hätte, weiter bei der WSG mitzumachen, und er von ihm zu Weihnachten 1976 Wein geschickt bekommen hätte. Ich weiß nicht mehr, ob Hoffmann damals sagte, ob es eine oder zwei Flaschen waren. Jedenfalls nicht gerade das ideale Weihnachtsgeschenk für den Antialkoholiker. Kurzum, seit dem letzten Juliwochenende im Jahre 1976 ist meine damalige Übungsbekanntschaft bei der WSG nicht mehr aufgetaucht.

Vier Jahre später… Westbeirut, Herbst 1980

Erst im „Bir Hassan“, als uns Hoffmann im Herbst 1980 wieder einmal besuchte und uns die Presseerzeugnisse von zuhause mitbrachte, erfuhren wir, was damals auf der „Wiesn“ passiert war. Im „Bir Hassan“ lebten wir wie auf einem anderen Planeten, abgeschnitten vom Rest der Welt.  Er schlug den STERN auf und deutete auf ein großformatiges Foto: „Das ist der, der die Bombe gelegt hat. Das war der [Hoffmann benutzte dann ein abfälliges Wort wie ‚Idiot‘ oder ‚Spinner‘], der vor ein paar Jahren die selbstgebastelte Handgranate mit auf die Übung genommen hat.“

Ich schaute mir das Foto an und erkannte meine Übungsbekanntschaft mit dem Allerweltsgesicht wieder. Ich hatte diese, vier Jahre zurückliegende Episode fast schon vergessen gehabt. Jetzt erfuhr ich auch seinen Namen: Er hieß Gundolf Köhler und kam aus Donaueschingen! Zum Zeitpunkt der Übung im Jahre 1976 war er 16 Jahre alt.

Heute…

In der Vergangenheit habe ich über diesen Anschlag oft nachgedacht. Als ehemaliges WSG-Mitglied wurde man schließlich laufend damit konfrontiert. Zwischen Köhlers zweiter und letzter Übung im Juli 1976 und dem Anschlag vergingen vier Jahre. In der Zwischenzeit ist er nie wieder bei der WSG aufgetaucht. Er war zwischenzeitlich bei der Bundeswehr und studierte. Auch gab es keine Hinweise darauf, dass er suizidgefährdet sei. Und wenn er angeblich nach wie vor eine nationale Einstellung gehabt haben soll – welcher „Rechte“ sprengt einfach so Angehörige des eigenen Volkes in die Luft?

Vor einiger Zeit unterhielt ich mich noch einmal mit einem Bekannten darüber, er ist Jurist. Er meinte auch, dass Köhler ein Einzeltäter gewesen sei. Wir kamen zu der Erkenntnis, dass Köhler weder sich noch unschuldige Menschen in die Luft sprengen wollte. Wahrscheinlich sollte die Bombe erst in der Nacht detonieren, nachdem die Wiesn zwischen 22.00 Uhr und 23.00 Uhr geschlossen wurde. Sein selbstgebastelter Sprengkörper ging eher hoch. Köhler war eben Amateur, kein Profi. Köhler soll angeblich einmal geäußert haben, eine Bombe zünden zu wollen, um dies dann den Linken in die Schuhe zu schieben. Wahrscheinlich wollte er dadurch den damaligen CSU-Kanzlerkandidaten Franz Josef Strauß (1980 war Bundestagswahl), einen ausgewiesenen Law & Order-Mann, regelrecht an die Macht bomben. Wie gesagt, das war beim Gespräch unsere Theorie. Dies könnte auch ein Grund sein, warum die Behörden so lange gemauert hatten, bis sie die Akten freigaben. Dem politischen Establishment, besonders in Bayern, war Köhlers Beweggrund megapeinlich.

Von der, von Karl-Heinz Hoffmann aufgestellten, egozentrischen Anschlagstheorie, der Mossad stünde dahinter, um den „Strom von Menschen und Fahrzeugen“ in den Libanon zu unterbinden, gefolgt von einem perfiden BND-Komplott, das zum Ziel hatte, selbige Person als den geistigen Träger der wahren Staats- und Wirtschaftsform „auszuschalten“ (um einmal sein Lieblingswort zu benutzen), halte ich nichts. Ein einziges „Phantom“-Kampfflugzeug hätte genügt, um uns paar Mann und „Bir Hassan“ den Garaus zu machen (1982 bei der israelischen Libanon-Invasion wurde „Bir Hassan“ dann auch komplett bombardiert). Mit den paar Schrott-Unimogs konnten wir gegen israelische Merkava-Panzer jedenfalls nicht antreten. Wenn das Establishment den Erfinder der idealen Staats- und Wirtschaftsform hätte „ausschalten“ wollen, hätten professionelle Geheimdienstkiller das mit ihm seit 1973 schon tausende Male, besonders in der ländlichen Gegend um Heroldsberg und Ermreuth, machen können. Zuletzt hätte das Establishment ihn ganz bequem bei seinem Prozess „ausschalten“ können, indem er sich statt einigen Jahren Knast und vorzeitiger Entlassung auf Bewährung einen lebenslänglichen Hammer gefangen hätte.

Gundolf Köhler

Von der linken Seite kamen natürlich auch nur Verschwörungstheorien. Die Linkspresse wie STERN und SPIEGEL warf in Antifa-Manier alles in einen Topf. Vieles von dem, was Eingang in die westdeutsche Presse fand, kam aus der Desinformationsabteilung der Ostberliner Normannenstraße [hier befand sich zu DDR-Zeiten die Stasi-Zentrale – Anm. d. Red.]. Die Linkspresse im Westen nahm solche getürkten Infos auf wie Bienen den Nektar. Die westdeutsche Linksjournaille benahm sich Kommunisten gegenüber schon seit jeher wie kleine Kinder, die zu gerne von Verbotenem naschen. So wurde ewig behauptet, bei dem vor mir auf dem Titelbild der WSG-Zeitschrift „Kommando“ stehenden WSG-Angehörigen habe es sich um Köhler gehandelt, und ich sei sein „Ausbilder“ gewesen. Da greift man sich nur noch an den Kopf und rauft die Haare zusammen. Das Foto entstand im Juni 1979 in Ermreuth, Köhler allerdings war zum zweiten und letzten Mal im Juni 1976 bei einer WSG-Übung. Da waren wir beide noch „Frischlinge“. Wie hätte der eine Frischling den anderen ausbilden sollen! Köhler war in der Zwischenzeit vergessen. Derjenige, der auf dem gestellten Foto vor mir stand und das Gewehr präsentierte, war ein gewisser Hans-Joachim F. aus Offenbach am Main, den ich aus meiner Zeit auf der Handelsschule kannte und den ich, als ich im Jahre 1976 politisch aktiv wurde, zunächst mit zur JN nahm, später dann zur WSG. Das wussten auch die Ermittlungsbehörden. Nur die Linkspresse sponn, hetzte und geiferte weiter.

Als die Mauer fiel, konnte man beobachten, wie die Fünfte Kolonne Pankows in der westdeutschen Medienlandschaft wie ein gut geöltes Räderwerk weiterlief. Die Anhänger und Funktionsträger der ein paar Mal umfirmierten SED-Mauermörderpartei wurden von den GEZ-Medien über Nacht zu „linken Demokraten“ und „linken Sozialisten“ gesundgebetet, Gysi und Bisky wurden noch während der Wendezeit wie rohe Eier in Talkshows herumgereicht und vor ein paar Jahren, kurz vor der Landtagswahl in Thüringen, faselte eine ZDF-Journaille tatsächlich davon, dass es zur „Normalisierung“ beitrage, wenn Bodo Ramelow Ministerpräsident von Thüringen werden sollte. Kein Wort mehr von 40 Jahren stalinistischer Zwangsherrschaft in Mitteldeutschland. Die Begriffe kommunistisch, neokommunistisch oder linksextremistisch fielen sofort unter den Tisch. Man stelle sich vor, die NSDAP hätte sich 1945 umbenannt und ihr Parteiorgan wäre weiterhin der „Völkische Beobachter“ gewesen. Unmöglich in diesem System! Aber die SED benannte sich ein paar Mal um, das Zentralorgan ist weiterhin das „Neue Deutschland“, die Zeitung für die jüngere Generation ist weiterhin die „Junge Welt“ und zu guter Letzt residiert die umfirmierte SED im ehemaligen Karl-Liebknecht-Haus, in dem vor 1933 schon die KPD-Zentrale beheimatet war. Die Traditionslinie der SED-PDS-Linkspartei ist sonnenklar. Aber das ist im BRD-System alles „normal“.

Doch zurück zu dem Komplex „Wiesn-Attentat“. Im Juli 2014, nach meinem Herzinfarkt und vor meiner Reha, machte ich mit Ulrich Chaussy und dem Regisseur Daniel Harrich (er war unter anderem Regisseur des Spielfilms „Der blinde Fleck“ mit Heiner Lauterbach), für den Bayerischen Rundfunk ein gefilmtes Interview. Ich legte Wert auf den Schutz meiner Persönlichkeit, wurde nur von hinten mit übergestülpter Camo-Kapuze gefilmt und meine Stimme wurde verfremdet. Vor der Veröffentlichung bekam ich Tonproben geschickt, der BR hielt sich an die Abmachungen. Es wurde ein Interview von drei Stunden. Als einer, der nichts zu verbergen hat, gab ich auf alle Fragen Auskunft und räumte mit vielen Klischeevorstellungen, die sich in den letzten Jahrzehnten eingenistet hatten, gnadenlos auf. Das Interview wurde hauptsächlich zu Recherchezwecken gemacht. In einer Doku über das Oktoberfestattentat wurden nur einige Minuten verwendet. Daniel Harrich sagte nach Drehschluss: „Ich hörte drei Stunden lang Zeitgeschichte.“

Vor einigen Jahren wurden die Ermittlungen zum Wiesn-Attentat, auf Initiative von Ulrich Chaussy hin, besonders nach dem Spielfilm „Der blinde Fleck“, noch einmal aufgenommen. Alle ehemaligen Angehörigen des Libanon-Kommandos wurden abermals als Zeugen vernommen. Meine Zeugenvernehmung war im Mai 2016 durch zwei Beamte des Bayerischen LKA, die nach Hanau zur Polizeidirektion kamen. Einer der beiden war 1980 ein kleiner Junge, der andere damals noch nicht geboren. Für sie war das ein Eintauchen in die Zeitgeschichte und die Zeit des Kalten Krieges. Meine ehemaligen Kameraden und ich konnten nur all das wiederholen, was wir schon 35 Jahre zuvor nach unserer Rückkehr aus dem Libanon ausgesagt hatten.

Soweit ich mitbekommen habe, gibt es auch nach der Wiederaufnahme der Ermittlungen keine neuen Erkenntnisse, was vorauszusehen war. Der Beweggrund meines Biwakgefährten vom Sommer 1976 wird weiterhin im Dunkeln bleiben.

Erstveröffentlichung in N.S. Heute #18

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