Das Fanal von Zeitz – Am 18. August 1976 verbrannte sich der Pfarrer Oskar Brüsewitz

von Gastautor Benedikt Marktl

Es war der Vormittag des 18. August 1976, als das beschauliche Zeitz, eine Mittelstadt südlich von Leipzig, zum Schauplatz einer aufsehenerregenden Protestaktion wurde. Die rund 300 Menschen auf dem Zeitzer Marktplatz sahen an diesem Tag einen Kombi des Herstellers Wartburg vor der Michaeliskirche vorfahren. An die Seitentüren des Fahrzeugs war dilettantisch der Schriftzug „Evang. Kirche Rippicha“ aufgepinselt. Ein Mann im Talar stieg aus und montierte auf das Autodach zwei selbstgemalte Plakate, auf denen er im Namen der Kirche die Unterdrückung der Christen im Schulsystem der DDR anprangerte. Um seinem Protest Nachdruck zu verleihen, nahm er kurz darauf aus dem Kofferraum eine Milchkanne mit Benzin, übergoss sich damit und steckte sich selbst in Brand.

„Funkspruch an alle… Funkspruch an alle“

Der Name des Mannes, der sich für diese radikale Agitationsform entschieden hatte und vier Tage später in einem Hallenser Krankenhaus seinen Verbrennungen erlag, ist Oskar Brüsewitz. Als Sohn einer Handwerkerfamilie 1929 im Memelgebiet im heutigen Staatsgebiet von Litauen geboren, wurde Brüsewitz nach seinem Einsatz als Panzerfaustschütze in der Wehrmacht und anschließender sowjetischer Kriegsgefangenschaft in den Raum Chemnitz entlassen. Im Anschluss an eine mehrjährige Tätigkeit als Schuhmacher absolvierte er von 1964 bis 1969 eine Ausbildung an der Predigerschule, welche er zehn Jahre zuvor krankheitsbedingt bereits einmal abgebrochen hatte. Ab 1970 leitete der Familienvater als Pfarrer die evangelische Gemeinde Rippicha, mit deren Wartburg-Auto er schließlich zu seinem letzten Protest nach Zeitz aufbrechen sollte.

Der exponierte Prediger fiel jedoch auch vor seinem Freitod bereits mit provokanten Aktionen auf und erntete für seine unkonventionelle Art zumeist den Zuspruch seiner Gemeinde sowie die Kritik der Obrigkeit. So genügte beispielsweise ein drei Meter hohes Kreuz aus Neon-Leuchtröhren an der Rippichaer Kirche, um das religionsfeindliche Regime der DDR zu erzürnen. Konkreter wurde Brüsewitz mit einem Plakat, auf welchem er mit dem Spruch „Ohne Regen, ohne Gott geht die ganze Welt bankrott“ die atheistischen Parolen der SED aufgriff und kritisierte.

Tatsächlich war das sozialistische System der DDR von atheistischen Vorstellungen nach marxistischem Vorbild („Religion ist das Opium des Volkes“) geprägt. Christlichen Religionsunterricht gab es nur im außerschulischen Rahmen, und im Berufsalltag hatten gläubige Christen oftmals einen schweren Stand. Ein weiteres Indiz für die anti-kirchliche Haltung der SED – insbesondere im Bereich der Kinderfürsorge – markiert die Tatsache, dass der Gemeinde in Rippicha verboten wurde, einen Kinderspielplatz auf dem Kirchengelände zu errichten. Der handwerklich geschickte Pfarrer Brüsewitz baute den Spielplatz trotzdem.

Grabstätte von Oskar Brüsewitz hinter der Kirche von Rippicha
© Ghostwriter123, CC-BY-SA-4.0, via Wikimedia Commons

„Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung der Kirchen in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“

Nach dem Tod des 47-Jährigen berichteten zunächst diverse Fernsehanstalten aus der BRD, welche aber auch von vielen DDR-Bürgern empfangen werden konnten. Dies veranlasste das Zentralorgan der SED, die Tageszeitung „Neues Deutschland“, das bis heute als ultra-linkes Kampfblatt erhältlich ist, zu einer ausführlichen Berichterstattung über den Vorfall. Hier wurde Brüsewitz zunächst eine psychische Krankheit attestiert und in einem späteren Artikel zudem die Zusammenarbeit mit dem Bundesnachrichtendienst sowie Pädophilie unterstellt. Das DDR-Regime zog also alle Register der Verunglimpfung, um die Protestaktion als Tat eines verrückt gewordenen BRD-Spions abzutun. – Dem geneigten Leser mögen sogleich Parallelen zur heutigen Berichterstattung auffallen, wenn zum Beispiel Kritiker der Migrationspolitik oder der Corona-Maßnahmen als verwirrte „Schwurbler“ dargestellt werden, um deren Argumente dadurch ad absurdum zu führen.

Zur Beerdigung in Rippicha erschienen rund 400 Personen, darunter viele Pfarrer und auch Pressevertreter. Aus Angst vor dem politischen Potential der Beisetzung führte die Staatssicherheit engmaschige Kontrollen der Trauergäste durch und dokumentierte die gesamte Veranstaltung – auch dies ist noch heutzutage bei Begräbnissen von Systemkritikern und Oppositionellen gängige Praxis. Dass laut Berichten ca. 70 Pfarrer im Talar an der Beerdigung teilnahmen, kann als symbolische Handlung betrachtet werden, die die Solidarität mit dem toten Glaubensbruder bildhaft zum Ausdruck brachte und dem Regime sauer aufgestoßen sein dürfte. Sein Grab hatte sich Brüsewitz vor seinem Freitod bereits selbst auf dem Rippichaer Friedhof ausgehoben. Als Standort wählte er bewusst die so genannte „Selbstmörderecke“.

Insbesondere die verleumderische Darstellung Brüsewitz’ im Neuen Deutschland sorgte für viele empörte Leserbriefe und vereinzelte Strafanzeigen gegen die Zeitung. Dem Protest schlossen sich bald darauf einige Künstler und Intellektuelle an. Ein Brief von 24 Sozialisten an Erich Honecker soll in einigen Fällen für die Unterzeichner mit Gefängnisstrafen geahndet worden sein. Die evangelische Kirche verhielt sich dagegen weitaus zögerlicher und verurteilte die Selbstverbrennung, ohne jedoch die Person Oskar Brüsewitz dabei zu verunglimpfen.

Der Fall Roland Weißelberg

Neben der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann kann das „Fanal von Zeitz“ als zweiter Katalysator des Jahres 1976 für ein Aufkeimen von Systemkritik und passivem Widerstand gegen das DDR-System begriffen werden. Im Jahr 2006 entschuldigte sich das Neue Deutschland schließlich in einem Artikel für die Verleumdung und veröffentlichte einige der kritischen Leserbriefe, die das Blatt damals als Reaktion erhalten hatte.

Es liegt nahe, dass als Vorbild für die Selbstverbrennung des Rippichaer Pfarrers der tschechische Student Jan Palach diente, welcher sich als Zeichen gegen die sowjetische Besatzung im Jahr 1969 in Prag angezündet hatte.

Als verifiziert gilt dagegen, dass Brüsewitz’ Protest wiederum als Blaupause für den pensionierten Pfarrer Roland Weißelberg galt. Weißelberg, wie Brüsewitz evangelischer Konfession, hatte sich 2006 vor der Kirche des Erfurter Augustinerklosters selbst angezündet und war ebenfalls an den schweren Verbrennungen gestorben. Die Selbstverbrennung am 31. Oktober 2006, dem evangelischen Reformationstag, fiel in eine Zeit öffentlicher Kontroversen über die Ausbreitung des Islams in Deutschland. Kurz zuvor hatte Papst Benedikt XVI. in seiner „Regensburger Rede“ für Diskussionen über das Verhältnis des Islams zur Gewalt gesorgt, und in Berlin war die Aufführung von Mozarts Oper „Idomeneo“ mit einer Enthauptungsszene des islamischen Propheten Mohammed im vorauseilenden Gehorsam abgesagt worden.

Grab von Roland Weißelberg in Büßleben bei Erfurt
© Wikswat, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Als Pfarrer Weißelberg Ende September 2006 seine letzte Predigt hielt, soll er laut Medienberichten gesagt haben, dass sich die Christen in Europa vereinen müssten, da ihnen ansonsten drohen würde, vom Islam überrollt zu werden. Auch aus dem Abschiedsbrief Weißelbergs an seine Frau, dessen genauer Wortlaut nicht bekannt ist, soll hervorgehen, dass ihn die Angst vor der Ausbreitung der islamischen Religion in Deutschland und Europa zu dieser Aktion veranlasst hatte. Noch während er in Flammen stand, rief Weißelberg mit letzter Kraft immer wieder „Jesus und Oskar!“ – gemeint war Oskar Brüsewitz.

Auch Brüsewitz, der den Morgen vor seinem Freitod mit seiner Familie verbrachte, ohne diese in seine konkreten Pläne einzuweihen, hinterließ einen handschriftlichen Abschiedsbrief, in dem er von einem mächtigen Krieg zwischen Licht und Finsternis schrieb. Sein durch den Krieg geprägtes, kämpferisches Vokabular wurde umso deutlicher, als dass er von Gott als seinem „General“ sprach. Wenn Brüsewitz wieder einmal in den Kampf für das Christentum gegen den Kommunismus ins Feld zog, so kündigte er dies für gewöhnlich mit den Worten an: „Wir stürmen!“

Erstveröffentlichung in Nationaler Sozialismus Heute #41

Schreibe einen Kommentar